Leitartikel

Spielräumen im Alltag nachspüren

von Florian Riesterer

„Spielraum! – sieben Wochen ohne Blockaden“ lautet das Fastenmotto der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das Fastenmotto trifft ins Schwarze – was die Blockaden betrifft: Geschlossene Geschäfte, Theater, Kinos und Museen. Impfstoffe, die doch nicht in der Menge vorliegen wie erhofft. Trauernde, die Angehörige verloren haben und nicht so Abschied nehmen konnten, wie sie wollten. Firmen, die in Schieflage geraten sind. Menschen, die um ihren Arbeitsplatz bangen oder nicht wissen, wie sie die Miete für den nächsten Monat aufbringen sollen.

„Spielraum“ mag in diesem Zusammenhang fast zynisch klingen. Aber Spielraum ist genau das, was notwendig ist innerhalb der Regeln, die die Pandemie auferlegt. In den kommenden Wochen werden wieder Gerichte über den verlängerten Lockdown urteilen. Und die Debatte um eine stärkere Beteiligung des Parlaments wird weitergehen – genauso wie um die Frage, wie mit Viren, die möglicherweise über Jahre unser Leben dominieren werden, umzugehen ist. Bei allen notwendigen Betrachtungen von Experten, dem Für und Wider von Entscheidungen, Erwartungen, die geschürt und doch wieder enttäuscht werden, braucht es Spielraum.

Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, sieben Wochen lang bewusst nachzuspüren, wo solche Räume sein können, anstatt immer nur darauf zu schauen, was blockiert: Gitarre spielen statt Chorprobe, eine gemeinsame Joggingrunde mit dem Freund, ein digitaler Stammtisch zum Thema Kirche von morgen. Wann und wie die Pandemie endet, weiß keiner. Das unterscheidet diese Krise vom eigentlichen Grund der Fastenzeit als einer Zeit der Umkehr. Denn am Ende der siebenwöchigen Passionszeit steht die Auferstehung Jesu.