Jede und jeder Einzelne

Andacht zum 3. Sonntag nach Trinitatis
Einem guten Hirten ist jedes einzelne Schaf seiner Herde wichtig. Foto: Pixabay

Einem guten Hirten ist jedes einzelne Schaf seiner Herde wichtig. Foto: Pixabay

von Pfarrerin Christine Gölzer

Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der 100 Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die 99 in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet?

Lukas 15, 1–8 (9–10)

Einem Hirten ist ein Schaf abhandengekommen, und eine Frau hat eine Münze verloren – klingt ganz banal und doch ist es für die beiden Akteure eine persönliche Katastrophe. Das letzte Jahr mit Corona hat uns leider alle auch zu solchen Meisterinnen und Meistern des Verlierens gemacht. Weltweit rund dreieinhalb Millionen Menschen haben ihr Leben verloren, Unzählige ihre gesicherten Verhältnisse, manche die Lebensperspektive und ganz viele einfach die Lebensfreude.

Im Gleichnis machen sich Hirte und Frau auf die Suche. Sie lassen die 99 anderen Schafe zurück oder drehen im Haus jeden Stein um, um das Verlorene wiederzufinden. Sie tun das, ohne zu zögern und ohne groß darüber nachzudenken. Sie nehmen eine Menge an Arbeit und Unwägbarkeiten auf sich, um zu suchen und zu finden.

Unsere Strategien in diesem verlustreichen Jahr sahen und sehen anders aus. Es gibt Meister des Verdrängens und Leugnens unter uns, aber auch Weltmeisterinnen in rastlosen Aktivitäten. Wir haben die Wohnung geputzt, den Keller ausgemistet oder den Hof neu gepflastert. Nach über einem Jahr spüren wir jetzt jedoch sehr genau, was wir da alles verloren haben. Ich denke da neben all den großen menschlichen Katastrophen an das, was uns Normalos so fehlt: endlich mal wieder mit Freunden einen gemütlichen Abend in der Kneipe verbringen, ein Rockkonzert oder ein Fußballspiel im Stadion besuchen, ja selbst das Lärmen und Toben beim Kindergeburtstag nebenan fehlt. Die persönliche Liste sieht bei jeder und jedem etwas anders aus, aber mir fehlt auch das unbeschwerte Feiern eines Gottesdienstes, in dem ich laut zur Orgel schmettern und hinterher mit anderen ein Schwätzchen halten kann.

Im Gleichnis machen sich zwei auf den Weg, um das Verlorene zu suchen. Sie zucken nicht resigniert die Schulter, kompensieren den Verlust nicht auf andere Weise, sie suchen einfach.

Viel wird im Moment geredet, was wir aus dieser Krise lernen können – und ich denke, das wäre unsere Form des Suchens: hinzusehen auf das, was schon ganz lange hier schiefläuft und manches dann auch endlich zu ändern. Corona hat durchaus ans Tageslicht befördert, was wir gerne unter dem Teppich gelassen hätten. Die meisten unter uns sind vergleichsweise unbeschadet durch die Krise gekommen und können sich jetzt wirklich an ersten wiedergewonnenen Freiheiten freuen. Doch einfach dort weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, das geht nicht! Denn wir haben durchaus neue Antworten gefunden. Wir wissen jetzt, wer systemrelevant ist und wer eben auch nicht. Wir wissen, wo es anzupacken gilt und wo Veränderung nottut.

Dieses Gleichnis zeigt, wie wichtig Gott jede und jeder Einzelne ist. Die Gemeinschaft ist erst wieder ganz, wenn auch das letzte Schaf wieder bei der Herde ist, und die Frau kann erst wieder ruhig schlafen, wenn ihre zehn Silbergroschen komplett sind.

Niemanden zurücklassen, auf alle achten und dafür Sorge tragen, dass keiner verloren geht, wenn es jetzt wieder losgeht – dieses altbekannte Gleichnis möchte ich heute einmal so lesen. Wir alle sind aufeinander angewiesen, die 99 auf das eine, die neun Silbergroschen auf den zehnten. Wir sind erst ganz und rund, wenn wir als Gesellschaft auf alle achten und möglichst niemand unter die Räder kommt. Niemand darf verloren gehen – bei Gott ist das so! Auch wir haben gespürt, dass wir uns darum bemühen sollten und haben mit Suchen begonnen!

Unser Gleichnis endet mit der Freude über das Schaf und den Groschen (9–10). Wir sind noch unterwegs und auf der Suche, doch mit diesen ersten Öffnungsschritten zur Zeit können wir ein klein wenig ahnen, wie groß die Freude ist, wenn alle gefunden wurden.

Christine Gölzer ist seit 2013 Pfarrerin an der Dreifaltigkeitskirche in Speyer.

Gebet

Guter Gott, suchen und finden – manchmal ist das ganz schön schwer. Oft suchen wir an der falschen Stelle oder nach den falschen Dingen im Leben. Wir bitten dich: Hilf uns, dich in unseren Nächsten zu suchen und auch zu finden. Hilf uns, die Welt mit deinen Augen zu sehen. Schenke uns deinen Geist, der uns suchen und finden hilft. Amen.