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|   Andacht

Ort der Gottesferne

Andacht zum 9. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Christoph Krauth

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und ging außer Landes. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Matthäus 25, 14–19 (20–23) 24–30

Heulen und Zähneklappern sind zu hören. Es ist die Sprachwelt der inneren Not und Trauer, in die mich Matthäus mit dem Schluss seines Gleichnisses entführt. Als Ort der äußersten Gottesferne stellt er sich die Finsternis vor. Ein Ort, an dem es kein Licht gibt und an dem nur das Schlottern der Gebeine zu vernehmen ist. Nirgends ist Gott so fern wie hier. Doch diese äußerste Finsternis ist logische Konsequenz des Nicht-Handelns des dritten Knechts, von dem im Gleichnis die Rede ist. Er hat es sich selbst zuzuschreiben.

Wenn ich meine Ohren aufmache in der Gegenwart, dann kenne ich die Töne vom Heulen und Zähneklappern. Dann höre ich das Lamento, das Jammern, das aus dem Raum der Kirche nach außen dröhnt. Weniger Geld, weniger Gebäude, weniger Menschen. Ich höre das „Früher war alles besser“ und das Wort vom Traditionsabbruch, der alles verändert. Ich höre das Klappern der Zähne vor Angst. In Presbyterien und Bezirkssynoden. Bei ganz normalen Gemeindemitgliedern und in Pfarrkonventen.

Es ist die Angst, Liebgewonnenes und Liebgewordenes zu verlieren. Es ist die Trauer um die vergangene Größe, der ich nachweine, und die Angst vor dem vollkommenen Bedeutungsverlust bei den Menschen. Aber kann eine Kirche attraktiv sein, die so sehr lamentiert?

Matthäus stimmt andere Töne an. Er erzählt von drei Knechten, die die anvertrauten Talente einsetzen, um den Besitz des Herrn zu maximieren. Jedenfalls zwei von ihnen. Sie gehen volles Risiko. Schießen bei ihrer Spekulation vielleicht auch mal über das Ziel hinaus, werden am Ende aber dafür belohnt. Sie verdoppeln das ihnen Anvertraute. Nur der eine, der es mit der Angst zu tun hat, der geht leer aus. Mehr noch. Selbst das, was ihm anvertraut wurde, wird ihm noch genommen.

Womit wuchern wir? Was ist es, das wir einsetzen auf dem Markt der Möglichkeiten, um Menschen für Christus zu gewinnen? Die Debatte um die kirchliche Hochzeit eines Ministers, der ausgetreten ist, wirkt kleinlich. Ist es nicht gut, verschwenderisch zu sein mit dem anvertrauten Segen? Vielleicht kann sich ja dadurch etwas in einem Menschen verändern, er selbst zum Umdenken kommen. Oder sparen wir uns den Segen auf für Kirchensteuerzahler, die ihn vielleicht irgendwann einmal abholen? Oder auch nicht. Was hindert’s, dass wir denen, die zu uns kommen, von unserem Reichtum abgeben? Denn wenn wir von irgendetwas genug haben, dann ist es dieser Segen, weil er aus Gottes Fülle kommt.

Das Gleichnis bekommt einen anderen Tonfall, wenn ich es vom Ende her lese. Nicht vom Ende der Perikope. Sondern vom Ende des Evangeliums. Matthäus schließt sein Evangelium mit der Verheißung Jesu: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Diese Verheißung gilt. Auch in der Anfechtung, auch in der Trauer, auch in der Veränderung. Und auch in der äußersten Finsternis und Gottesferne, wo nur noch Heulen und Zähneklappern zu hören sind. Weil ich darauf vertraue, dass Christus da ist, auch wenn sich Kirche verändert, kann ich verschwenderisch umgehen mit seinem Segen.

Christoph Krauth ist seit 2019 Pfarrer in Kaiserslautern-Erfenbach.

Gebet

Gott, du vertraust uns deine Gaben an. Uns zu gut, den Menschen zum Segen. Du verwandelst deine Kirche, machst wider Erwarten neu, was alt und verstaubt daherkommt. Hilf uns, mit deinem Segen zu wuchern und unsere Talente einzusetzen. Lass uns dich wieder erwarten. Auch dort, wo alles anders wird. Amen.

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Wer auf Gott vertraut, kann verschwenderisch sein mit seinem Segen, meint Pfarrer Christoph Krauth in seiner Andacht. Foto: pixabay
Wer auf Gott vertraut, kann verschwenderisch sein mit seinem Segen, meint Pfarrer Christoph Krauth in seiner Andacht. Foto: pixabay

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