Seitenkopf Kirchenbote

|   Andacht

Hoffen und erwarten

Andacht zum zweiten Advent

von Pfarrerin Michelle Scherer

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von ­deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

Jesaja 63, 15–18 (19–64, 3)

Am heutigen zweiten Advent sind wir mitten im Warten auf Weihnachten. Weihnachtsmärkte haben geöffnet, Lichterketten zieren die Straßen und Schaufenster der Geschäfte, und der Duft von Zimt und Tannen zieht zu Hause ein. Warten hat auch mit Er-wartung zu tun. Die Kleinen haben ihren Wunschzettel ans Christkind längst geschrieben. Sie erwarten Geschenke unterm Baum und hoffen, dass das sehnlichst Gewünschte dabei ist. Auch Erwachsene haben Wünsche und Erwartungen – andere als Kinder und Jugendliche, aber nicht weniger sehnlich.

Erwartungen tragen wir nicht nur zu Weihnachten mit uns herum, sondern das ganze Jahr über. Da sind Erwartungen, die andere an uns haben. An uns als Mutter oder Vater, als Schülerin oder Freund, als Krankenpfleger oder Ärztin, als Pfarrerin oder Ehrenamtlichen, als Ehemann oder Partnerin. Da sind die Erwartungen, die wir an uns selbst stellen. Gute Arbeit abliefern, freundlich sein, für andere da sein. Hinzu kommen die Erwartungen, die wir anderen gegenüber haben. Ständig und überall sind wir Erwartungen ausgesetzt. Wir versuchen, sie zu erfüllen und ihnen gerecht zu werden und stellen fest: Es gelingt nicht immer. Aus vielen Gründen. An Weihnachten werden sich auch nicht alle Wünsche erfüllen können. Unerfüllte Erwartungen können wehtun. Das macht wütend und traurig und gibt Grund zu klagen.

Wut und Trauer gehören zu den Emotionen, die den Beter der Verse leiten. Es ist ein Klagegebet angesichts der Situation, in der sich das Volk befindet. Die Israeliten sind aus der Gefangenschaft in Babylon zurück in der Heimat. Doch der Neuanfang will nicht so recht gelingen. Der Wiederaufbau Jerusalems geht nicht so einfach und so schnell, wie sie es erwartet hatten. Ganz zu schweigen von dem gesellschaftlichen Neuanfang. Der flehende Blick geht nach oben zum Vater im Himmel. Die Klage ist Ausdruck von Glaube und Hoffnung, dass sie erhört wird.

Nur das Eingreifen Gottes kann jetzt noch helfen, damit sich die Lebensumstände bessern. Mit Bildern erinnert er Gott an seine Macht. Er kann Himmel zerreißen und Berge zerfließen lassen. „Du, Herr, bist unser Vater; unser Erlöser.“ Die Anrede zeigt, welche Rolle Gott spielt und macht die Erwartungen an ihn deutlich: Schau hin und hilf uns! Komm zu uns. Kümmere dich um deine Kinder. Erlöse uns von dem, was uns das Leben schwer macht. Von allem Bösen, das uns bedroht.

Kinder Gottes, das sind auch wir heute, egal, wie alt wir sind. Als solche warten wir nicht nur im Advent auf ihn und haben Erwartungen an ihn als Vater und Mutter zu Weihnachten. Gemeinsam beten wir zu unserem Vater im Himmel, bitten um das tägliche Brot und Vergebung. Dass sein Wille geschieht, ist nicht immer leicht für uns. Oft ist unser Wille ein anderer als seiner. Er macht etwas aus unseren Wünschen und Erwartungen, aber nicht immer so, wie es uns glücklich macht. Und gerade dann erwarten wir seine Nähe und hoffen auf seine Liebe. Unsere Hoffnung ist auf ihn begründet. Denn „kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren“.

All unsere Erwartungen und Hoffnungen vertrauen wir ihm an, unserem himmlischen Vater. Und das nicht nur an Weihnachten. Und doch laufen hier unsere Wünsche und Erwartungen zusammen, denn das Fest macht gewiss: Gott zerreißt in Jesus Christus den Himmel und kommt zu uns herab. Er bleibt nicht weit weg im Himmel, sondern wird ganz nah. Er begegnet uns in Wort und Sakrament und in den Menschen, die auf unsere Zuwendung und Hilfe angewiesen sind. Als seine Kinder stehen wir füreinander in der Verantwortung, einander beizustehen, uns gegenseitig zu stärken und einander zu vergeben. Gott, unser Vater, kommt zu uns heute, morgen und jeden Tag neu mit seiner Liebe und auch mit Zumutungen für unser Leben. Warten wir geduldig auf die Festtage und er-warten wir Großes von unserem Erlöser.

Michelle Scherer ist seit 2018 Pfarrerin an der Martin-Luther-Kirche in St. Ingbert.

Gebet

Lieber Vater im Himmel, du kennst unsere Wünsche und Erwartungen. Hilf uns, deinen Willen zu erkennen und auf die Wege zu trauen, die du uns führst. Hilf uns, mit Enttäuschungen umzugehen und anderen zu vergeben, wie du uns vergibst. Wir danken dir für deine Liebe und dein gutes Herz heute und an allen Tagen. Amen.

Zurück
Lichterketten schmücken in der Adventszeit Innenstädte und auch viele Fenster. Foto: pixabay
Lichterketten schmücken in der Adventszeit Innenstädte und auch viele Fenster. Foto: pixabay

KIRCHENBOTE aktuell

Neue Regeln für Gottesdienste

Die neue Anti-Corona-Verordnung der rheinland-pfälzischen Landesregierung sieht erstmals eine 3G-Regel für Religionsgemeinschaften vor.

> KIRCHENBOTE aktuell

Abo-Service

Haben Ihnen unsere Leseproben gefallen? Dann abonnieren Sie doch den Evangelischen Kirchenboten! Es gibt ihn auch als digitale Ausgabe.

KiKi – der Kinderkirchenbote

beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe mit Fabeltieren. Mehr dazu und die vorherigen Ausgaben unserer Kinderbeilage gibt es beim Menüpunkt "Unsere KiKi".

Newsletter

Ab sofort können Sie unseren wöchentlich erscheinenden Infobrief abonnieren. Auf der Seite "Newsletter abonnieren" im Menü Service können Sie Ihre Bestellung übermitteln.

Buchtipp

Ohne Himmel ist die Erde ziemlich grau

Denkanstöße - Hoffnungstexte - Glaubenswelten
von Helwig Wegner-Nord

Verlagshaus Speyer GmbH, 14 x 20 cm, 128 Seiten, Paperback, 11.90 Euro