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Wo ist das Einhorn zu Hause?

Wie kam das Einhorn in die Zweibrücker Alexanderskirche?

Das Einhorn ist in der Zweibrücker Alexanderskirche zu Hause, weil es lange Zeit ein Symbol für Jesus war. Ein Symbol ist ein Zeichen für etwas. Im Lateinischen haben nämlich beide einen Namen, der ganz ähnlich klingt: Das Einhorn heißt „Unicornis“, wörtlich „ein-hörnig“. Und Jesus wird „Unigenitus“ genannt, wörtlich „ein-geboren“.  „Das altgriechische Wort monokeros, Einhorn, klingt außerdem ähnlich wie monos ho kürios, der eine Herr.“

Und weil das Einhorn so wie Jesus auch die Kraft hat, Menschen gesund zu machen, darum ist es ein Symbol für Jesus. Übrigens hat sich das Einhorn hier in Zweibrücken in das sogenannte Weihnachtsfenster gekuschelt. Wie wäre es, wenn beim Krippenspiel nicht nur Ochs und Esel mitmachen, sondern auch das Einhorn?

Und wie kommt das Einhorn eigentlich in die Bibel?

Dazu hat Stefan Mendling Professor Jochen Hörisch von der Universität Mannheim befragt. Der Literatur- und Medienwissenschaftler bezeichnet sich selbst als „Unicornologen“

„Das Einhorn war schon immer ein Symbol für Jesus Christus“, sagt Professor Jochen Hörisch von der Universität Mannheim. Er hat die Spuren des Einhorns verfolgt bis zu seinen Ursprüngen und weiß auch, warum das Fabeltier bis heute so populär ist. Es liegt unter anderem daran, dass das Einhorn schon immer ein Tier der Superlative gewesen ist. „Es ist wichtiger als der Adler, es ist wichtiger als der Pelikan, wichtiger als das Lamm Gottes – es ist das Tier, das absolut zählt“, erklärt der Professor. Es sei das schönste, stärkste, reinste und keuscheste aller Tiere – ihm werden besondere Kräfte nachgesagt. Aber vor allem geht von ihm eine kuriose Faszination aus: Einhörner durchquerten mit erstaunlicher Regelmäßigkeit die europäische Hochliteratur, seien aber mittlerweile auch in den untersten Regionen der Popkultur angekommen in Form von Plüsch- und Plastikeinhörnern und Einhornschokolade.

Gerade auch an Weihnachten lassen Einhörner Mädchenherzen höherschlagen. Alles unchristlicher Kitsch? „Bei Weitem nicht!“, behauptet der Mannheimer Wissenschaftler, der auch die Kirche dafür verantwortlich macht, dass sich der Einhornkult bis heute gehalten hat: Das Einhorn war für die Theologen von großer Bedeutung – bis zur Aufklärung. „Im Mittelalter glaubte jeder an Einhörner“, erklärt Hörisch. „Man kann sich das vielleicht heute nicht mehr vorstellen, aber es war so.“

Auch Martin Luther bildet da keine Ausnahme. In seiner Schrift „Von wahrer und falscher Frömmigkeit“ beschreibt Luther das Einhorn als unbezähmbar. Gleich achtmal treibt das sagenhafte Tier in seiner Bibelübersetzung sein Unwesen: In den fünf Büchern Mose, in den Psalmen, bei Hiob und bei Jesaja. Auch war Luther davon überzeugt, dass Jesus am Kreuz an Einhörner denkt. Schließlich betet er mit den Worten des 22. Psalms „Errette mich von den Einhörnern!“ – nach Luther. Dies zeigt, dass Einhörner durchaus nicht immer nur die gutherzigen, graziösen Wesen waren, wie sie heute erscheinen. Luther stellt sich das Einhorn als kräftiges, unbändiges und wildes Tier vor, das in seiner Übermacht bedrohlich ist – von den Wesenszügen ähnelt es eher einem wilden Stier als einem Pferd.

Schon Hiob begegnet dem Einhorn mit Ohnmacht: „Meinst du, das Einhorn (re’em) wird dir dienen wollen und nachts bleiben an deiner Krippe?“, fragt Gott den Hiob (Hiob 39, 9) und fügt hinzu, dass auch der Versuch, ihm einen Strick anzulegen, vergeblich sein wird. Für Luther passt das alles zusammen: Es kann sich nur um das sagenumwobene Einhorn handeln.

Erst die revidierte Lutherübersetzung von 1984 schiebt dem Einhornglauben einen Riegel vor, ersinnt stattdessen den „Wildstier“. Tatsächlich gehen die Einhörner bei Luther auf einen Übersetzungsfehler zurück: Im hebräischen Urtext steht „re’em“ und meint ein Tier, „das sich weder fangen noch zähmen lässt“, weiß der Unicornologe aus Mannheim. Das hebräische Wort sei somit ein Sammelbegriff für alle „Nicht-Haustiere“.

Der Übersetzungsfehler hat sich nicht erst bei Luther eingeschlichen; schon die älteste durchgehende Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, übersetzt „re’em“ mit „monokeros“, also Einhorn. Die Übersetzer kennen das Einhorn bereits aus der berühmten Tierkunde „Historia Animalum“ des Aristoteles, der größten wissenschaftlichen Autorität der Antike. Dieser hat das Einhorn wiederum aus einem Bericht von Ktesias aus Knidos übernommen. Ktesias ist Leibarzt des persichen Königshauses und brachte das Einhorn buchstäblich von einer Indienreise mit: In seinem Werk „Indika“ schreibt er, es gebe dort „wilde Esel, die den Pferden gleich, nur größer sind; der Leib ist weiß, der Kopf purpurrot, die Augen dunkelblau: Auf der Stirn haben sie ein Horn von der Länge einer Elle.“ Sein Horn soll außerdem heilende Kräfte haben: Ktesias empfiehlt das geraspelte Horn als Schutz und Gegenmittel bei Vergiftungen und als Heilmittel gegen Epilepsie. Doch er fügt hinzu: „Das Tier ist nicht leicht zu jagen.“ Genaugenommen kann es nicht lebendig gefangen, wohl aber getötet werden.

Dass der griechische Arzt Ktesias das Einhorn aus Indien importiert hat, ist für Professor Hörisch keine Überraschung, denn dort gibt es bereits die Legende vom Einhorn „Rsyasrnga“, das göttlichen Ursprungs ist und in strenger Askese lebt. Es wird laut der Legende durch eine List zum Palast des Königs gebracht, indem es von Jungfrauen verführt wird. „Das Einhorn lässt sich nur im Schoße einer Jungfrau fangen“, fasst der Unicornologe den Kern der indischen Legende zusammen. „Und das hat es mit Jesus Christus gemeinsam, da dieser auch im Schoße einer Jungfrau Mensch wird.“ Diese Verbindung zwischen Christus und dem Einhorn sei durch eine sehr wirkmächtige Schrift aus dem frühen Christentum populär geworden, dem Physiologus; neben der Bibel das wichtigste Buch im Mittelalter. Diese christliche Naturlehre beschreibt Tiere zunächst wissenschaftlich, um sie dann allegorisch auf die Heilsgeschichte hin zu deuten. Neben dem Pelikan und dem Phönix wird hier auch das Einhorn beschrieben, und zwar als die Inkarnation von Christus. Hier wird klar, welchen Wert das Einhorn unter den Fabeltieren genießt: „Unter dem Niveau von Jesus Christus ist es nicht zu haben“, deutet Hörisch diese Allegorese. Außerdem hat der Physiologus Ikonografie, Wissenschaft und Literatur jahrhundertelang entscheidend geprägt. Deswegen ist das Einhorn als Symbol für Jesus Christus lange Zeit in Kirchenfenstern, auf Wandmalereien und Messgewändern zu finden.

Und mehr noch: „Das Einhorn galt als real existierender Gottesbeweis“, betont der Unicornologe. Darum habe vor allem die Kirche zu Beginn der Neuzeit verbissen die Existenz des Einhorns verteidigt: Theologen haben weiter Augenzeugenberichte gesammelt und versucht, das Einhorn zu retten. Doch mit der Aufklärung und der Entzauberung der Welt wird das Fabeltier nach und nach ins Reich der Fantasie verbannt – ohne seine Faszination dabei einzubüßen.

Bis dahin spielt das Einhorn überall eine Rolle: Auch im jüdischen Talmud kommt das Einhorn vor – als Passagier auf der Arche. Der Talmud nimmt sich der Frage an: Wie kommt ein so starkes und wildes Tier an Bord? Die Lösung: Es wurde mit dem Horn an die Arche gebunden und somit im Schlepptau hinter der Arche hergezogen. Dies ist von den Verfassern des Talmud durchaus ernst gemeint.

Auch Hildegard von Bingen schwört auf das Einhorn: Neben einer detaillierten Anleitung zum Fangen eines Einhorns mit blondhaarigen und kussbereiten Mädchen existieren in ihrer Schrift „Physica“ Einhornrezepte. Eine Salbe aus pulverisierter Einhornleber helfe gegen Aussatz jeglicher Art. Außerdem empfiehlt sie Gürtel aus der Einhornhaut gegen Pest und Fieber und Schuhe aus Einhornleder für gesunde Füße. Tatsächlich werden dem Einhorn nicht nur von ihr jahrhundertelang Heilkräfte nachgesagt. „Wenn Wasser vergiftet ist, macht das Einhorn mit dem Horn ein Kreuzeszeichen ins Wasser, und schon ist das Wasser wieder genießbar“, erzählt Hörisch. Dass es heute noch so viele Einhornapotheken gibt, sei noch eine Nachwirkung dieses Glaubens an die Heilkraft des Einhorns.

Es fasziniert in besonderer Weise, dass ein Tier, das es nicht gibt, so viele von seiner Existenz überzeugt hat. Fossile von versteinerten Einhörnern gibt es ebensowenig wie Fotos von Einhörnern in freier Wildbahn. Dennoch gibt es zwei Tiere, die ebenfalls nur ein Horn haben: Das Nashorn, das aber wegen seiner plumpen Gestalt niemals mit dem Einhorn mithalten könne, so Hörisch, und der Narwal: „Dieser hat ein wunderbares langes Horn, das in jeder Schatzkammer eines Fürsten oder Königs, der etwas auf sich hielt, zu finden ist.“ Natürlich glaubten die Regenten, dass es sich hierbei um echte Einhorn-Hörner handele.

Heute glauben wahrscheinlich nicht einmal mehr die Kinder daran, dass es Einhörner wirklich gibt. Wohl aber lassen sie sich immer noch faszinieren von der Macht dieses Fabelwesens. Besonders an Weihnachten bricht sich seine Magie wieder Bahn. Und falls ein Einhorn unter dem Weihnachtsbaum liegt, sieht Hörisch darin die Chance zu lernen, mit dem Übermächtigen umzugehen. „In all seiner ultimativen Kraft und Herrlichkeit ist es zugleich ein sehr kultiviertes Tier, das die Botschaft mitbringt: Habt keine Angst!“ Nur eines mag Hörisch nicht: „Wenn das Einhorn unter Wert behandelt wird als hübsches, harmloses Plüsch- oder Plastikeinhorn. Das hat es nicht verdient.“



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