Auf die Bitte, ihr Bild von Gott zu malen, schauen mich die Kita-Kinder groß an und eins meint: „Woher soll ich das wissen?“ Ich frage meine kleine Enkelin, 4 Jahre, nach ihrem Gottesbild und sie antwortet: „Keine Ahnung, Oma!“ Und spätestens jetzt wird mir klar: Den Kindern fehlt noch etwas, nämlich sowohl Geschichten, die von Gott erzählen und genauso das anregende Gespräch über unsere eigenen Vorstellungen.

Woher haben wir unsere Ideen von Gott und wie er zu uns ist? Ich erinnere mich noch genau daran, wie meine Mutter uns jeden Mittag nach dem Essen aus der Kinderbibel vorgelesen hat. Das war spannend – aber auch unheimlich: Von Gott wurde da sehr moralisch und streng erzählt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil Gott wohl alles sah, was ich so anstellte und mich sicher dafür strafen würde. Die Geschichten erzählten ja davon. Dieses Gottesbild hat mir lange Zeit sehr zu schaffen gemacht. Aber da waren auch mein Vater und meine Mutter, die von Gott auch sehr freundlich erzählten, vom liebenden Vater und von Gott mit dem riesengroßen Herzen. Zu Gott, dem Vater, bekam ich eine Beziehung. Da war die unerschütterliche Liebe dabei, aber auch die Strenge – eben wie bei meinem Vater. Im Gespräch mit meinen eigenen Kindern hat das innere Bild von Gott nochmal ganz neue Facetten bekommen: einer, der alles in der Hand hält (Manager), der alles gut gestaltet (Künstler, Schöpfer), eine feste Burg, eine Frau … Unsere Kinder waren eine Zeitlang richtig kreativ auf diesem Gebiet. Mir hat das Freude gemacht, obwohl ich ja wusste, dass man Gott nicht in einem Bild festhalten kann. Er ist sicher noch viel mehr, als wir uns vorstellen können.

Aber nicht nur Kinder brauchen eine Vorstellung, ein Bild, um eine Beziehung aufzubauen. Wie soll ich mit jemandem reden, den ich nicht sehe und den mir auch nicht vorstellen kann? Da fällt Beten wirklich schwer – wenn es überhaupt möglich ist.

Die Professorin Anna-Katharina Szagun meint: „Das Kind nimmt Vorgaben der ihm wichtigen Erwachsenen auf und bastelt sich ein eigenes Bild zusammen.“ Das bedeutet für uns Erwachsene, dass wir den Kindern Bilder anbieten müssen. Die biblischen Geschichten zeigen uns eine Reihe von Gottesbildern. Jesus hat auf die Frage nach Gott mit Geschichten geantwortet und Gott unter anderem wie einen guten Hirten, wie einen Vater mit großem Herzen, wie einen Weingutbesitzer mit sehr eigenem Gerechtigkeitssinn beschrieben.

Prof. Anna–Katarina Szagun hat Langzeitstudien über die Gottesbilder von Kindern gemacht. Sie hat den Kindern Materialien zur Verfügung gestellt und sie gestalten lassen, was in ihrem Kopf zu den religiösen Fragestellungen vorgeht. Sie kam zu dem Ergebnis „Schon Dreijährige zeigen höchst unterschiedliche Gotteskonzepte. Anregungen der Umwelt werden selektiv aufgenommen und verarbeitet.“ Zum Beispiel werden Figuren, die im Kirchenjahr auftauchen, fest mit dem Gotteskonzept verbunden (Weihnachtsmann als Kumpel von Gott) oder die Vorstellungen vom Tod beeinflussen die Vorstellung von Gott und seinem Wirken. Dabei stellt sich heraus, dass Impulse für Kopf und Herz zum Weiterdenken, dass das Gespräch mit dem Kind über Gott, nicht aufhören darf. Sonst können sich Vorstellungen, die dem Kind nicht gut tun, einkapseln.

Wie können wir Kinder dabei unterstützen, ein Bild von Gott und damit eine Beziehung zu Gott zu bekommen?

Zunächst kann ich aus eigener Erfahrung nur raten: Geschichten erzählen, die ein Bild von Gott zeichnen! Man kann sie auch aus der Kinderbibel vorlesen, besser ist aber sicher die eigene Erzählung. Da bieten sich an: Lukas 15,4–7 (der gute Hirte); Lukas 15,11–24 (der liebende Vater); Lukas 17,20–21 (Gott in der Welt); Johannes 10,27–30 (Hirte); Johannes 14,6–7 und Johannes 14,9 (in Jesus unser Bruder); Johannes 15,1–8, Matthäus 20,1-16 (Winzer) … Aus dem ersten Testament kennen wir Motive wie den guten Hirten (Psalm 23), die Sonne (84,12), die tröstende Mutter (Jesaja 66,13), Quelle des Lebens (Psalm 36,10), Fels und Burg (Psalm 31,4), Freund (2. Mose 33,11), Arzt (2.Mose 15,26) …

Für Menschen, die Kinder vielfältig und mit allen Sinnen in religiösen Themen begleiten wollen – was übrigens Erwachsene ja auch weiterbringen kann – empfehle ich das Buch „Wie kommt Gott in Kinderköpfe“ von Anna-Katharina Szagun und Stefanie Pfister. Hier findet man Grundsätzliches zur Langzeitstudie und einen großen Teil bebilderter Praxisbeispiele. Es geht um ein mitwachsendes Gottes- und Bibelkonzept. Auf originelle und theologisch-pädago-gisch fundierte Art werden Erzieher*innen und Mitarbeiter*innen angeregt, kognitiv und emotional Impulse zu religiösen Themen zu setzen und mit Kindern ins theologisierende Gespräch zu kommen. Was von den Kindern zum Thema beigetragen wird, ist ernst zu nehmen als ihren Beitrag zum Gespräch. Allerdings sollten Erwachsene keine Ideen verstärken, die in Sackgassen führen oder für die Seele schädlich sein können. Eine wahre Fundgrube für Erwachsene, die kreativ und einfühlsam Kinder auf ihrem Glaubensweg begleiten möchten und bereit sind, ihren eigenen Glauben zu erkunden und zu bedenken. Urd Rust