Dokumentation

Wie Hiob Mut machen kann

Eine alttestamentliche Geschichte und ihre Bedeutung für die Kirche von heute - von Claus Müller

Eine Hiobsbotschaft nach der anderen prasselt auf Hiob ein: Seine Rinderherde wird gestohlen. Seine Schafe werden vom Blitz erschlagen. Seine Kamele werden geraubt. Und vor allem: Seine Kinder, alle seine Töchter und Söhne werden beim Einsturz eines Hauses getötet. Er selbst wird schwer krank: bösartige Geschwüre überziehen seinen Körper vom Scheitel bis zu Sohle.

Am Ende ist der einst wohlhabende und angesehene Hiob verarmt, krank, einsam. Er sitzt verlassen auf einem Aschehaufen und schabt sich mit einer Scherbe seine Geschwüre. Krampfhaft versucht er zunächst noch, an seinem Glauben festzuhalten. Doch je länger je mehr steigert er sich in eine einzige Anklage gegen Gott: Warum lässt du das zu? Warum ich? Was habe ich dir getan? Das ist einfach nicht fair! Habe ich dir nicht immer treu gedient? Das ist ungerecht! Und so ist Hiob äußerlich ruiniert und innerlich zerrissen!

Aber – Gott sei Dank! – er ist nicht allein! Drei Freunde machen sich auf den Weg zu ihm, um ihm beizustehen, ihn zu trösten und ihm zu helfen. Als sie sehen, in welchem erbärmlichen Zustand Hiob ist, kommen ihnen die Tränen. Sie zerreißen ihre Gewände, setzen sich zu Hiob in den Staub und schweigen. Sind einfach bei ihm; sie trösten ihn dadurch und geben Hiob Raum für seine Klage und Anklage. Aus der Sicht des zukünftigen Seelsorgedezernenten machen die drei Freunde bis dahin eigentlich alles richtig. Sie machen sich auf den Weg; gehen zu ihrem Freund; setzen sich zu ihm; sind einfach da, hören zu und geben Raum zur Frage und Klage. Alles richtig gemacht! Doch dann machen sie ihren Mund auf…

Und statt tröstlicher Worte ergießt sich über Hiob ein Schwall von theologischen Richtigkeiten. Die Position der Freunde mag sich im Einzelnen unterscheiden; und Generationen von Alttestamentlern haben viel Mühe darauf verwendet, diese Unterschiede fein herauszuarbeiten. Der Tenor ist aber bei allen dreien der gleiche: Du bist selbst schuld! Wenn es dir jetzt schlecht geht, bist du selbst schuld daran! Denn Gott ist gut und gerecht: Er belohnt die Frommen und bestraft die Bösen. Also: wenn es dir jetzt schlecht geht, dann hast du irgendetwas auf dem Kerbholz; dann hast du irgendetwas ausgefressen – und Gott bestraft dich jetzt dafür. Und zwar zurecht! So ist es nun mal! So haben wir es gelernt. So war es schon immer!

Wen wundert es, dass Hiob diese Sprüche in seiner Situation gerade gar nicht hören kann. Und so wehrt es sich gegen die Angriffe seiner Freunde. Denn er ist davon überzeugt, dass er unschuldig ist, dass er nichts verbrochen hat und all das nicht fair und nicht gerecht ist. Ja, dass er sinnlos leidet und dass ein Gott, der das zulässt, nicht gut und gerecht sein kann.

Mit Hiobsbotschaften kennen auch wir uns aus! Seit dem letzten Jahr ist wohl keine Woche ohne Hiobsbotschaft vergangen: Es gibt da ein neues Virus in China. Dann: erste Corona-Fälle in Europa. Erste Fälle in Deutschland. Das Ganze wird zu einem Flächenbrand. Erster Shutdown, zweiter Shutdown. Neue Virusmutanten. Betriebe gehen pleite. Gelder kommen nicht. Impfstoff, der fehlt. Ganz zu schweigen von den Kranken, den Toten, den Langzeitgeschädigten. Das alles ist nicht fair! Und es folgt auch keinem tieferen, verborgenen Sinn; sondern ist einfach nur schlimm!

Und wo stehen wir dabei als Kirche? Nach unserem eigenen Selbstbild sind wir Hiob. Schon vor der Pandemie waren wir arg gebeutelt: sinkende Mitgliederzahlen, schwindende Finanzmittel, Wegbrechen der gesellschaftlichen Anerkennung. Und nun unter Corona: Einschränkung der Gottesdienste, Gemeindeleben auf Eis, Notbetrieb an allen Ecken und Enden. Gott, warum? Womit haben wir das verdient? Haben wir dir nicht immer treu gedient? Das ist nicht fair! Ja, als Kirche im Jahre 2021 können wir Hiob gut verstehen…

Doch leider sehen viele Menschen außerhalb dieser Kirchenmauern, die Dinge ganz anders. Für die sind wir nämlich nicht Hiob, sondern die Freunde. Weniger die, die mitleiden und mitsuchen, als vielmehr die, die mit erhobenem Zeigefinger einen Schwall von theologischen Richtigkeiten von sich geben. Die, die glauben die Antwort zu kennen und anderen noch ein schlechtes Gewissen machen. Die von Gott reden, aber von meinem Leben keine Ahnung haben.

Wen wundert es, dass man mit solchen Freunden nichts mehr zu tun haben will…?

Wer sind wir? Dieser oder jene? Hiob oder die Freunde? Und wer wollen wir sein? Dieser oder jene? Hiobskirche oder die Kirche der Besserwisser? Oder: keiner von beiden? Denn zugegeben: wahrscheinlich greift diese Gegenüberstellung zu kurz. Ja, vielleicht ist dieses Schwarz-weiß-Denken geradezu die Sackgasse, aus der das Hiobbuch uns herausführen möchte. Denn am Ende behalten weder Hiob noch die Freunde Recht. Sondern beide müssen ihre Positionen revidieren: Die besserwisserischen Freunde und der gegen Gott wütende Hiob. Am Ende haben alle dazu gelernt. Ihr Bild von sich selbst, von der Welt und von Gott hat sich verändert

Und genau deshalb ist das biblische Hiobbuch ein Bildungsbuch. Ein Bildungsbuch, das keine fertigen Antworten liefert. Sondern ein Bildungsbuch, das uns mit hineinnimmt in ein Gespräch, in eine Diskussion, in ein Gespräch von Menschen mit unterschiedlichen Positionen, die aufeinandertreffen, die hören, reden, diskutieren und die sich weiterentwickeln. Und die am Ende eine überraschende Lösung finden.

Ein Bildungsbuch im besten Sinne ist Hiob auch deshalb, weil es die wirklich großen Fragen stellt. Die existentiellen Fragen; die Fragen, die uns unbedingt angehen. Hat das alles einen Sinn? Woher kommt das alles? Gibt es Gerechtigkeit? Wie gehen wir mit Leid um? Gibt es Gott oder ist alles nur ein blindes Schicksal? Um nichts weniger als um diese Fragen geht es im Gespräch zwischen Hiob und seinen Freunden.

Und meines Erachtens gehört die Auseinandersetzung mit diesen Fragen auch heute zu einer gelungenen Bildungsbiografie unbedingt dazu. Zweifellos, heute gehört es zur Bildung dazu, dass man weiß, wie man mit einem Computer umgeht. Oder man muss eine Ahnung davon hat, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert. Und wenn man eine Fremdsprache spricht, erweitert das den eigenen Horizont enorm. Und selbst wenn man das alles nicht weiß, muss man wissen, wo man sich seine Information herholt: Wikipedia, YouTube oder sonstige Plattformen. Doch was ist der Sinn von allem? Und was ist das Ziel meines Lebens? Was soll ich tun – und was besser lassen? Wie gehe ich mit dieser Welt um? Und: Wie gehe ich mit Leiden und Sterben um?

Müssen wir nicht auch auf diese Fragen für uns selbst und miteinander Antworten finden? Ja, bilden sie nicht geradezu das Fundament jeglicher Bildung? Geben sie dem ganzen Faktenwissen und den erlernten Fähigkeiten nicht erst die die notwendige Orientierung? Und schließlich: Sind diese Fragen und die Antwort darauf heute nicht sogar drängender und global überlebenswichtiger denn je?

Gerade jetzt in der Krise brechen diese Grundsatzfragen doch mit Macht auf – für jeden und jede einzelne, für unsere Gesellschaft und für die Welt insgesamt: Wie gehen wir mit der ganzen Situation um? Wie verhalten wir uns in der Krise? Wie gehen wir mit Krankheit und Leid um? Mit Kranken und Leidenden? Wer wird zuerst geimpft: die Schwachen oder die vermeintliche Leistungsträger? Wer bin ich, wenn ich plötzlich von einem kleinen Virus aus der Bahn geworfen werde? Und – falls das alles mal vorüber ist –: Wie soll es eigentlich mit dem Klima weitergehen?

Ich wünsche mir eine Kirche, die diese Fragen stellt und die sich diesen Fragen stellt. Eine Kirche, die ein Ort für diese Grundfragen unseres Lebens und Zusammenlebens ist; die Raum öffnet für das persönliche Gespräch und den öffentlichen Diskurs über das, was uns unbedingt angeht; eine Kirche, die diese Fragen wachhält und Impulse gibt. Nicht als die, die die Antwort schon fertig in der Tasche hat und die die Menschen mit frommen Floskeln abspeist. Sondern als die, die bei den Menschen ist, die zuhört und die Raum schafft für Fragen und Klagen, für Diskurs und Gespräch. Kirche: mitten in den heißen Diskussionen um die Grundfragen unseres Lebens.

Aber doch auch eine Kirche, die zutiefst davon überzeugt ist, dass die Antwort auf diese fundamentalen Fragen unserer Existenz etwas mit Gott zu tun hat. Weil wir Menschen grundlegend auf Gott bezogen sind; weil diese Welt grundlegend auf Gott bezogen ist; weil wir Ebenbilder Gottes sind und zugleich immer mehr dazu werden sollen. Genau diese Grundüberzeugung, dieses Grundvertrauen, dieser Glaube kommt ja auch bei Hiob zum Ausdruck. Wenn er gegen allen Augenschein, gegen die Anwürfe seiner Freunde, ja gegen seinen eigenen Zweifel trotzig festhält: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Mit zerfetzter Haut stehe ich hier. Abgemagert bis auf die Knochen. Trotzdem werde ich Gott sehen. Ich werde ihn mit meinen Augen sehen und er wird für mich kein Fremder sein. So wird es sein, auch wenn ich schon halb tot bin.

Wahrscheinlich ist das die vordringlichste Aufgabe von uns als Kirche in der Zukunft – in Seelsorge und Bildung – und in all den anderen Bereichen: Inmitten der Diskussionen um die Grundfragen unseres Lebens von dieser Hoffnung, von dieser Grundüberzeugung, von diesem Glauben zu reden. Die Kirche der Zukunft wird nicht mehr wohlhabend und stolz sein; und hoffentlich nicht besserwisserisch und mit erhobenem Zeigefinger. Sondern wahrscheinlich deutlich abgemagert; zweifelnd, angefochten und in Frage gestellt; vielleicht sogar halb tot. Und doch mit der Hoffnung und dem trotzigen Glauben: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und ich werde Gott mit meinen eigenen Augen sehen, und er wird kein Fremder sein.

Und es ist diese Begegnung mit Gott, in der auch die Auflösung des Fragenknäuels des Hiobbuches liegt: Am Ende der Erzählung begegnet Hiob Gott. Auch wenn die Begegnung ganz anders aussieht und ganz anders ausgeht als er es erwartet hatte. Gott stellt sich den Fragen, den Klagen und Anklagen von Hiob. Und er antwortet ihm. Ja noch viel mehr: Gott begegnet Hiob und lässt ihn etwas erahnen vom Geheimnis allen Seins. Er weckt in ihm, den Sinn und Geschmack fürs Unendlich. Und er lässt ihn etwas von seiner Nähe spüren. So dass Hiob am Ende feststellen muss: Bisher kannte ich dich nur vom Hörensagen, doch jetzt hat mein Auge dich gesehen.

Dass Mensch und Gott, Gott und Mensch einander begegnen und dabei etwas sichtbar wird von Grund, Ziel und Sinn unserer Existenz, das lässt sich nicht machen, nicht planen. Das ist keine Kompetenz, die man lernen könnte und auch keine Psycho-Technik, die man anwenden kann. Das ist auch für uns als Kirche letztlich unverfügbar. Und doch ist genau das der Grund und die Hoffnung allen kirchlichen Handelns. Und der Grund und die Hoffnung meiner Arbeit als Oberkirchenrat.

Mit Hiobsbotschaften kennen wir uns aus! Darum: Lassen wir uns doch auch von Hiob Mut machen! Und nehmen wir – inmitten all der Hiobsbotschaften unserer Gegenwart die Botschaft von Hiob mit: seine Hoffnung, seinen trotzigen Glauben. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und ich werde Gott mit meinen eigenen Augen sehen, und er wird für mich kein Fremder sein. Amen!

Dr. Claus Müller ist Oberkirchenrat der pfälzischen Landeskirche. Diese Predigt hielt er bei seiner Einführung am 21. März 2021 in der Speyerer Gedächtniskirche.