Leitartikel

Nicht Alte gegen Junge ausspielen

von Klaus Koch

Da hat Altbischöfin Margot Käßmann wieder einen rausgehauen: In Zeiten von Corona sollten die Älteren zu Hause bleiben, damit die Jüngeren schneller ins normale Leben zurückkehren können. Das sei Solidarität. Es ist ohne Zweifel richtig, dass die Jüngeren unter der Krise stärker leiden. Während die Renten steigen, geraten Bildungsbiografien aus dem Lot, verlieren Arbeitnehmer viel Geld durch Kurzarbeit, sind junge Eltern durch Homeoffice und Kinderbetreuung am Rande der Belastbarkeit, und Handwerker, Gastronomen oder Künstler müssen um ihre Existenz fürchten. Was spricht da gegen ein bisschen Daheimbleiben der Älteren?

Es ist der gesellschaftliche Spaltpilz, der Käßmanns Bemerkung so unpassend macht. Kommunikation gelingt nicht, wenn pauschal von Gruppen die Rede ist. Dann werden Deutsche gegen Ausländer, Frauen gegen Männer, Leistungsträger gegen Sozialhilfeempfänger ausgespielt. Und eben auch Junge gegen Alte. Wert und Würde des Einzelnen verschwinden so in der Anonymität einer Gruppe. Während das rüstige Rentnerpärchen im eigenen Haus mit Gärtchen es gut ein paar Wochen daheim aushält, können soziale Kontakte für einen alleinstehenden alten Mann in der Mietskaserne überlebenswichtig sein.

Die Jungen waren in der Krise solidarisch. Gerade die als selbstsüchtig verschrienen Millennials, also die um die Jahrtausendwende Geborenen, haben sich um Ältere gekümmert, haben gezeigt, dass Solidarität aktiv ist. Deshalb sollten Ältere den Jüngeren nicht das Feld überlassen, sondern sie sollten, je nach Fähigkeiten und finanziellen Mitteln, dazu beitragen, jungen Menschen eine Welt zu hinterlassen, die lebenswert ist. Das ­schaffen Alte und Junge nur gemeinsam.