Dokumentation

Mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnen

Eckpunktepapier der pfälzischen Landeskirche sieht Dekansamt im Spannungsfeld von Leitung, Geleiteten und Gott

Das Amt der Dekanin und des Dekans ist ein geistliches Leitungsamt auf der mittleren Ebene der Landeskirche. Die Frage, was „geistliches Leiten “ bedeuten kann, wird seit einigen Jahren in der theologischen Literatur diskutiert und unterschiedlich beschrieben. Es zeichnen sich dabei folgende Merkmale als Konsens ab:

  • Geistliche Leitung bezieht sich auf alle Ebenen des kirchlichen Leitungshandelns.
  • Geistliche Leitung bezeichnet dabei zunächst keinen eigenen Leitungsstil, sondern eine (geistliche) Haltung, die hinter dem Leitungshandeln steht.
  • Da Geistliche Leitung in paradoxer Weise mit dem unverfügbaren Wirken des Heiligen Geistes rechnet, bleibt sie deutungsoffen und spannungsvoll. Sie vollzieht sich im Spannungsfeld von Leitung, Geleiteten und Gott und unterzieht sich dabei kritischer Selbstprüfung. Dabei ist vor allem die Frage von Machtausübung und Machtmissbrauch ständig zu bedenken, die sich aus dem Zusammenspiel geistlicher und organisatorischer Leitungsaufgaben und -ansprüchen ergibt.
  • Die Grundlagen für Geistliches Leiten bilden geistliche Praxis und religiöse Quellen genauso wie wissenschaftliche Grundlagen des Leitungshandelns. Durch die theologische Reflektion von Leitungshandeln und geistlicher Praxis sowie biblischer, kirchengeschichtlicher, dogmatischer und ethischer Erkenntnisse gibt sie zugleich eine theologische Definition von Leitungshandeln. Damit leistet sie einen Beitrag zu der Frage, welche Leitungsstile für Kirche und Gemeinde förderlich sind. Hierbei spielen die Person, die Kultur, die Struktur und die Instrumente der Leitung eine wesentliche Rolle. Dies führt zu einer hohen Komplexität und einer sich daraus ergebenden Unschärfe in der Definition Geistlicher Leitung.
  • Da sich Geistliche Leitung an christlicher Ethik und am christlichen Menschenbild orientiert, pflegt sie einen sensiblen Umgang mit der Frage nach Machtausübung und sorgt für transparente Entscheidungen sowie einen fairen und wertschätzenden Umgang mit den Geleiteten. Dies impliziert auch die Verweigerung der Verlockungen eigener Allmacht und Fehlerlosigkeit sowie ein gutes Maß an Selbstrelativierung.
  • Geistliche Leitung kann nicht exklusiv als Leitungshandeln von Geistlichen verstanden werden. Im Sinne des Priestertums aller Getauften ist jedes Leitungshandeln von Christinnen und Christen als Geistliche Leitung zu verstehen, wenn es sich die oben beschriebene Haltung zu eigen macht. Dies gilt im Besonderen für die Ehrenamtlichen in den kirchlichen Leitungsgremien.

1.) Aufgaben

Die Dekanin oder der Dekan ist – neben der Bezirkssynode und dem Bezirkskirchenrat (Paragraf 48 Absatz 2 Kirchenverfassung) – als Einzelperson ein Organ des Kirchenbezirks mit selbständigen rechtlichen Befugnissen. Viele Aufgaben des Amtes sind in den Paragrafen 63 und 64 Kirchenverfassung geregelt. Sie lassen sich in fünf Gruppen unterteilen:

a.) Pastorale Aufgaben: Wahrnehmung von Verkündigung, Lehre, Seelsorge, Sakramentsverwaltung und Kasualien

b.) Episkopale Aufgaben (im Auftrag des Landeskirchenrates): Ordination, Visitation, Leitung von Pfarrwahlen, Einführungen, Verabschiedungen, Einweihungshandlungen

c.) Konsistoriale Aufgaben (im Auftrag des Landeskirchenrates): Dienst- Ephoral- und Verwaltungsaufsicht, Sicherstellung des geordneten kirchlichen Lebens

d.) Repräsentationsaufgaben: Vertretung des Kirchenbezirks in der Öffentlichkeit e.) Weitere Aufgaben: Geschäftsführende Aufgaben im Kirchenbezirk, Vorsitz im Bezirkskirchenrat, Vorsitz in der Pfarrkonferenz, Mitglied in der Bezirkssynode, Vorsitz im Kita- Trägerverbund, Vorsitz im Verwaltungszweckverband, Konfliktmanagement, Pastor Pastorum.

In der konkreten Ausgestaltung dieses Aufgabenkatalogs der Kirchenverfassung sind in den letzten Jahrzehnten die Funktionen und Aufgaben sowohl quantitativ als auch in ihrer Komplexität stetig gewachsen (Umsetzung des Personalbudgets, Baumittelbewirtschaftung, Jahresgespräche, Begleitung der regionalen Zusammenarbeit, Changemanagement, Konzeptentwicklung, inhaltliche Profilierungen im Kirchenbezirk, Fundraising, Projektarbeit (zum Beispiel Reformationsjubiläum), Vernetzung und Kooperation mit weiteren kirchlichen und nichtkirchlichen Akteuren im Sozialraum, interreligiöser Dialog…). In diesem Zusammenhang waren und sind die Dekaninnen und Dekane in ihren Gestaltungs-, Vernetzungs-, Kommunikations- und Vermittlungsrollen immer stärker gefordert – inhaltlich und zeitlich. Dies wird noch weiter zunehmen.

2.) Gemeindepfarramt und Gemeindeanbindung

Die Kirchenverfassung beschreibt in Paragraf 29 Absatz 1 das Amt der Dekanin oder des Dekans als Gemeindepfarrstelle verbunden mit dem Dekanat. Dies wird der tatsächlichen Wahrnehmung des Amtes heute nicht mehr gerecht. Die Tätigkeiten als Gemeindepfarrerin oder –pfarrer sind zugunsten der Aufgaben als Dekanin oder Dekan immer weiter zurückgegangen. Im Bereich des Stellenbudgets wird das Amt bereits heute bei den neun größeren Dekanaten mit 20 beziehungsweise 30 Prozent für das Gemeindepfarramt und 80 beziehungsweise 70 Prozent für die Dekanatsfunktion geführt. Die Beschreibung des Amtes in der Kirchenverfassung sollte von daher angepasst, die Bezeichnung als „Gemeindepfarrstelle verbunden mit dem Dekanat“ gestrichen und stattdessen zum Beispiel von „Dekanatspfarrstelle“ gesprochen werden.

Nicht zuletzt die Zusammenstellung der Aufgaben einer Dekanin oder eines Dekans zeigt, dass die identitätsstiftende Ebene für eine Dekanin oder einen Dekan die Arbeitsebene des Kirchenbezirks ist: Die Sorge für das kirchliche Leben im Kirchenbezirk insgesamt sowie für jede einzelne Kirchengemeinde. Eine Dekanin oder ein Dekan sollte deshalb ihre oder seine pastoralen Aufgaben in allen Kirchengemeinden des jeweiligen Kirchenbezirks erfüllen und nicht nur in der „eigenen“. (Das Recht in allen Kirchengemeinden zu predigen ist in der Kirchenverfassung verankert.) Die „Bodenhaftung“, die mit der Gemeindeanbindung hergestellt werden soll, wird auch auf diese Weise sichergestellt.

Durch die Zuweisung des pastoralen Auftrags der Dekanin oder des Dekans an den gesamten Kirchenbezirk wird außerdem (auch emotional) die Gleichrangigkeit aller Kirchengemeinden im Kirchenbezirk betont. Gleichzeitig wird dadurch ein Ungleichgewicht zwischen der „Dekanatsgemeinde“ und den anderen Kirchengemeinden des Kirchenbezirks verhindert.

Es ist nicht beabsichtigt, aus dem Dekansamt eine reine Verwaltungstätigkeit zu machen oder das Amt stärker herauszuheben. Die Dekanin oder der Dekan bleibt als Pfarrperson mit zusätzlichen Aufgaben und weiteren Verantwortungsbereichen „Primus inter pares“. Der Unterschied besteht darin, dass der pastorale Dienstbereich der Dekansperson der gesamte Kirchenbezirk und nicht eine einzelne Kirchengemeinde ist.

Die Dekaninnen und Dekane könnten so ihren Gestaltungs-, Vernetzungs-, Kommunikations- und Vermittlungsaufgaben besser gerecht werden, da sie durch regelmäßige pastorale Dienste und die regelmäßige Teilnahme an Presbyteriumssitzungen in allen Kirchengemeinden des Kirchenbezirks einen besseren Einblick und Überblick erhalten würden.

3.) Umfang

Die qualifizierte Leitung eines Kirchenbezirks bedarf zumindest in den größeren Dekanaten (ab 35.000 Kirchenmitglieder) einer vollen Stelle von 100 Prozent. Der bisherige Stellenanteil in der Dekanatsgemeinde wird aufgehoben und steht für pastorale Arbeit in allen Kirchengemeinden im Kirchenbezirk zur Verfügung. Insoweit erhalten die Pfarrerinnen und Pfarrer in den anderen Kirchengemeinden eine Entlastung (zum Beispiel dadurch, dass der Dekan oder die Dekanin auch ohne besonderen Anlass einen Gottesdienst hält).

4.) Pfarrdienstrechtliche Ausgestaltung

Die zukünftige Dekanatspfarrstelle ist eine Pfarrstelle des Kirchenbezirks und keine Gemeindepfarrstelle mehr. Sie ist wie bisher Teil des Pfarrstellenbudgets des Kirchenbezirks. Die Voraussetzungen hinsichtlich der Bewerbungsberechtigung bleiben unverändert. Weiterhin sind grundsätzlich nur Pfarrerinnen und Pfarrer der Landeskirche, denen die Anstellungsfähigkeit verliehen wurde, zur Bewerbung berechtigt. Über Ausnahmen entscheidet die Kirchenregierung.

Die Residenz- und Dienstwohnungsnahmepflicht einer Dekanin oder eines Dekans bezieht sich auf den gesamten Kirchenbezirk. Dieser stellt eine Dienstwohnung sowie Amtsräume in der Dekanatsgeschäftsstelle zur Verfügung und trägt die Kosten dafür. Dies bedeutet eine finanzielle Entlastung der früheren „Dekansgemeinde“.

Das Amt der Dekanin oder des Dekans sollte zukünftig auch für Teildienst und Stellenteilung (nicht begrenzt auf Ehepaare) geöffnet werden, um die Attraktivität des Amtes zu erhöhen und um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Die Erfahrungen in anderen Landeskirchen (zum Beispiel Bayern) können für die konkrete Ausgestaltung herangezogen werden.

Der Text ist Teil des Eckpunktepapiers "Dekansamt im Wandel", das die pfälzische Landessynode im April 2021 zustimmend zur Kenntnis genommen hat.