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Zutrauen ins Unglaubliche

Laudatio zur Verleihung des Predigtpreises 2021 an Annette Kurschus – von Reinhard Schmidt-Rost

Sehr verehrte Frau Ratsvorsitzende, liebe Frau Dr. Kurschus, wir freuen uns sehr: Sie haben sich trotz der beträchtlichen Erweiterung Ihres Arbeits- und Lebensprogramms durch die Berufung in Ihr neues, zusätzliches Amt die Zeit genommen und sich auch von Corona nicht abhalten lassen, die Ihnen zugedachte Würdigung Ihrer Arbeit persönlich entgegenzunehmen. Wir freuen uns und fühlen uns geehrt.

Lassen Sie mich zur Begründung dieser Würdigung durch die drei Bonner akademischen Arbeitsbereiche der evangelischen, katholischen und altkatholischen Theologie ein wenig akademisch ausholen: Ein Leitwort der neueren Diskussion in Politik und Gesellschaft ist der Begriff Narrativ. Als Narrativ wird seit den 1990er Jahren eine sinnstiftende Erzählung bezeichnet, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Gefühle, ist oft auf einen Nationalstaat oder ein bestimmtes Kulturgebiet bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die als legitim anerkannt sind.

Der Begriff Narrativ scheint derzeit den Begriff der Therapie in seiner Leitfunktion für die kirchliche Praxis abzulösen. Der Therapie-Begriff hatte seinerseits und seiner Zeit – etwa seit 1970 – den Begriff „Verkündigung“ oder ausführlicher „Verkündigung des Wortes Gottes“ als leitende Vorstellung in der Praktischen Theologie und vor allem in der kirchlichen Praxis abgelöst und damit einer fortschreitenden Individualisierung des Denkens und Handelns von Christen entsprochen und sie gefördert.

Der Übergang zum Narrativ als Bezeichnung einer kirchlichen Praxis, die der Allgemeinheit durch anspruchsvolle Sprache und Rede orientierend zu dienen bemüht ist, hat Bedeutung. Er könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Kirchen den Trend zum Rückzug in die Privatheit ihrerseits zu bestärken nicht mehr für vordringlich ansehen. Dass sie vielmehr lernen, ihren öffentlichen Auftrag – inmitten aller Pluralisierung – auch praktisch wieder wahr- und ernstzunehmen und das in einer ihnen spezifischen Weise: Sie verlebendigen die Erinnerung an die zentralen Narrative der christlichen Tradition, die das Abendland zu einem christlichen haben werden lassen, so dass damit alle Versuchungen, schädigenden Narrativen zu folgen, kritisch befragt werden.

Die auch heute noch nicht unwirksam gewordenen Narrative von der kulturellen Überlegenheit des Westens oder vom Volk ohne Raum oder die scheinbare Selbstverständlichkeit der Bedeutung des Gewinns, des Gewinnens und der Gewinnmaximierung – sie alle haben ja in den letzten 150 Jahren diese Erde in beschämend zerstörerischer Weise geprägt.

Die Verleihung des Bonner ökumenischen Predigtpreises an die Leitungsperson einer großen evangelischen Landeskirche hat neben der persönlichen Würdigung genau diese durchaus demonstrative Absicht: Die Arbeit für die zentralen christlichen Narrative öffentlich wieder zur Geltung zu bringen, wie sie als sinnstiftende Erzählungen neu in Erinnerung gerufen werden können, so dass sie ihre orientierende Bedeutung auch für die postmoderne Gesellschaft aufweisen. „Gott wird Mensch, dir Mensch zugute, Gottes Kind das verbind‘t sich mit unserm Blute.“. Das Weihnachtsevangelium ist eine andere Erzählung als das Narrativ von Prometheus, von der Auflehnung gegen die Götter und dementsprechender Gestaltung der Welt durch Menschen.

Zum Wandel der Perspektive von der Therapie zum Narrativ, von der zweifellos respektablen, aber letztlich öffentlich sprachlosen Zuwendung zum Einzelnen hin zur Formulierung von Anliegen und Anteilnahme im öffentlichen Raum, auch in unerträglichen Situationen, zu diesem Wandel haben Sie, sehr verehrte Frau Dr. Kurschus, wesentlich beigetragen, zum einen durch ihre berührenden Ansprachen in Gottesdiensten von hohem öffentlichen Interesse und großer medialer Verbreitung, - ich erinnere an die Kölner Trauerfeier nach dem Germanwings-Absturz, als Sie mit dem Psalmwort „Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug (Ps. 56,9)“ der allgemeinen Bestürzung und Trauer mutig durch stille Worte zu Hilfe kamen; aber auch an ihre Predigt in einem Fernseh-Gottesdienst in der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 sei erinnert, beide Predigten kann man im Internet leicht finden und nachlesen.

Zum anderen haben Sie die akademische Theologie auf deren Verantwortung für eine reflektierte, sprachsensible, erfahrungstiefe, ausdrucksstarke und zugleich achtungsvolle Veröffentlichung der christlichen Narrative, die natürlich in biblischem Grund wurzeln, hingewiesen. So haben Sie vor allem in Ihrer Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Münster entscheidende Grundgedanken formuliert: Von der Erfahrung ausgehend, dass „Worte prägen, oft mehr als uns lieb ist“, haben Sie gegen den Trend der Missachtung öffentlicher Äußerungen in christlichem Geist empfohlen, „besondere Sorgfalt auf die ,kürzeren geistlichen Texte‘ zu verwenden“, um biblische Texte und biblisch bezeugte Erfahrungen in lebendige Beziehung zur Gegenwart zu setzen.

„In der Tat traue ich“ so sagten Sie in Münster, „dem Wort der Predigt und der Andacht, dem ausdrücklichen geistlichen Akzent bei Grußworten, in schriftlichen Beiträgen und öffentlichen Ansprachen im sogenannten ,säkularen Kontext‘ buchstäblich Unglaubliches zu. Weil sie sich aus einem anderen Wort speisen und nähren – aus ,dem‘ Wort. Ich nenne es ,ein Zutrauen ins Unglaubliche.‘ Denn uns alle“, so fahren Sie fort, verbindet „die vage Ahnung: Es gibt etwas über mein persönliches Glauben und Zweifeln, über mein begrenztes Verstehen und Nichtbegreifen hinaus. Etwas, das größer und stärker ist als meine Hoffnung. Gewisser als meine Erfahrung. Es muss mir von außen zugesagt werden, um mich – was niemand in der Hand hat als Gott allein – mit hineinzunehmen in den geheimnisvollen Erfahrungsraum des Unglaublichen. Eben dies ist die Aufgabe und Verheißung der ,kurzen geistlichen Texte‘; eben darin liegt die Kraft der verkündigenden Worte, die sich niemand selber sagen kann – und die uns ordinierten Theologinnen und Theologen von Berufs wegen aufgetragen sind. Mitten in der Welt von Gott reden – was wir nicht können und doch sollen – ist in jeder Situation eine neue Herausforderung. Aller Sorgfalt und größter Mühen wert. Um Gottes und der Menschen willen.“

Sie können sich vermutlich kaum vorstellen, wie befreiend und ermutigend eine solche Aufgabenbestimmung für das geistig-geistliche Amt, „mitten in der Welt von Gott reden“, auf einen Predigtlehrer wirkt, der unter anderem 13 Jahre lang in der Programmarbeit von Radio Paradiso Berlin für „Würze in der Kürze“ eingetreten ist, um dem einhüllend-dominanten, aber eben sprachlosen musikalischen Klangteppich des Softpops in den Hörern des von Christen verantworteten Privatradios in der Bundeshauptstadt stündlich einen Akzent, einen „Gedanken zum Auftanken“, eine sinnstiftende Erzählung im Mikro-Format mitzugeben: Es klang schon sehr besonders, wenn man in einem Berliner Taxi aus dem Radio plötzlich einen kurzen Bibeltext, etwa aus den Seligpreisungen oder aus einem Psalm gesprochen hörte, oder Erich Frieds berühmtes Liebesgedicht „Es ist was es ist“.

„Mitten in der Welt von Gott reden“ – das ergibt sich nicht in Routine und erst recht nicht, wenn Andacht und Predigt den Redenden selbst als alter Zopf erscheinen. Eine intensive Bemühung, um die provozierende Kraft der sinnstiftenden Erzählungen der christlichen Tradition dringlich werden zu lassen, um der Predigerinnen und Prediger selbst willen und derer, die ihnen, und sei es nur auf Probe, zuhören, darauf kommt es an, geradezu auf Gedeih und Verderb, ich glaube allerdings – mit unserer Preisträgerin – mehr auf Gedeih als auf Verderb. Dem „barmherzigen Samariter“ und der „Nächstenliebe als höchstem Gebot““, den Erzählungen von der Vergebung: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ und den Erzählungen von der Demut: „Wer unter euch der Größte sein will, der sei euer aller Diener“, all solchen Narrativen Ausdruck zu geben und Gehör zu verschaffen, das braucht unsere Gesellschaft heute, vielleicht mehr denn je.

Sehr verehrte Frau Ratsvorsitzende, Sie haben mit ihren Gedanken und Beispielen alle, die sich um bedeutungsvolle, Leben eröffnende und Leben bewahrende Sprache für die sinnstiftenden Erzählungen der Christenheit bemühen, ermutigt, ja angespornt, diese Mühe in Verantwortung für die Gesellschaft auf sich zu nehmen; dafür danken wir Ihnen und ehren Sie mit der Verleihung des Bonner Ökumenischen Predigtpreises 2021.

Professor em. Dr. Reinhard Schmidt-Rost lehrte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn und ist Vorsitzender der Predigtpreis-Jury. Die Laudatio hielt er bei der Verleihung am 17. November in der Namen-Jesu-Kirche in Bonn.

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In der Welt von Gott reden: Reinhard Schmidt-Rost würdigt Annette Kurschus. Foto: epd
In der Welt von Gott reden: Reinhard Schmidt-Rost würdigt Annette Kurschus. Foto: epd

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