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Zerbrechliche Kunst aus Glas

Karin Histing erschafft ein Fenster für die Kirche Oberotterbach – Ein Werkstattbesuch in Bad Bergzabern

Es ist ein Puzzlespiel. Nur dass Karin Histing schon vorher weiß, welches Teil wohin gehört. Dunkles und helles Blau, tiefes Rot und strahlendes Gelb setzt die Glasermeisterin in ihrer Bad Bergzaberner Werkstatt aneinander. Spätestens Ende des Jahres will sie es fertig haben, das neue Kirchenfenster für die evangelische Oberotterbacher Kirche. Vorlage ist das Aquarell „Schöpfung“ der verstorbenen Künstlerin und Pfarrerswitwe Elisabeth Patenge.

Maximal einmal im Jahr, erzählt die 42-Jährige, habe sie Aufträge wie in Oberotterbach, die sie als Künstlerin besonders herausfordern. Das heißt nicht, dass sie sonst arbeitslos wäre. „Zu 95 Prozent“, sagt sie, ist sie in Kirchen unterwegs. Häufig geht es allerdings um schadhafte Gläser, loses Blei, die Isolierung oder Glastrennwände in Kirchen, die mehr und mehr zu Multifunktionsgebäuden werden. In einer Ecke der Werkstatt harrt ein rundes Fenster aus der evangelischen Kirche im rheinhessischen Ober-Saulheim auf seinen Wiedereinbau, das die Emmaus-Szene zeigt. Der Lackgeruch stammt von türkisen Oberlichtern aus der evangelischen Kirche im badischen Rheinbischofsheim nahe Straßburg. In der Pfalz kümmerte sich Histing zuletzt um den Tambour der protestantischen Kirche Limburgerhof. Histing ist im südwestdeutschen Raum unterwegs, auf Kirchen spezialisierte Betriebe gibt es nicht viele.

Auf ihren Arbeitstisch blicken Philipp Melanchthon und Martin Luther herab. Sie sind auf zwei Fotos eines Kirchenfensters der protestantischen Kirche Kusel zu sehen. Dem Brettener Reformator fehlt auf einem der Bilder das halbe Gesicht. Schuld war eine Bierflasche. „Zum Glück hatten wir Fotos des alten Zustands“, sagt Histing, die das Gesicht mit Glasfarben rekonstruiert hat. 2018 hatte sie den Betrieb von Eugen Krumholz übernommen, den Namen des Inhabers behalten. Interesse am Basteln, an Handwerk habe sie immer schon gehabt, sagt sie.

Histing hebt vorsichtig eine Glasscheibe auf eine Staffelei, auf der die Glasteile schon richtig angeordnet sind – mit Knete fixiert. Nur das Blei fehlt noch. Um vom Aquarell zum Glasfenster zu kommen, hat sie das Bild auf 2,10 Meter mal einen Meter vergrößert und in Farbfelder unterteilt. Daraus sind Pappschablonen entstanden. Damit das Fenster beim Verbleien nicht größer wird, gibt es einen Trick. Histing zeigt eine Schere mit doppelter Klinge, mit der sie einen Abstand in der Breite des Bleis schneiden kann. Anhand dieser Vorlage ritzt sie das Glas mit dem Rädchen eines Glaschneiders an. Ein leichter Schlag – und mit einem Knackgeräusch bricht es an der gewünschten Kante.

Auf Handschuhe verzichtet Histing. „Ich habe das mal probiert, aber zu wenig Gefühl dann in den Fingern. Ich passe eben auf.“ Angst vor einer Bleivergiftung hat sie nicht. „Ich sollte eben nicht essen nebenher oder rauchen und mir regelmäßig die Hände waschen.“ Denn mit dem weichen Metall hat sie regelmäßig zu tun. Die Glaserin öffnet einen Metallblock an einer Maschine mit großem Schwungrad: „Hier kann ich einstellen, wie dick das Bleiprofil werden soll.“ Histing spannt die Bleirute ein, drückt einen Knopf, es surrt. Mit einer Zange zieht sie das Profil heraus, Späne rieseln zu Boden.

Hinter der Bleizugmaschine stapeln sich in einem deckenhohen Regal riesige Glasplatten, Histings Ausgangsmaterial aus der Glashütte Lamberts. Nur dort, im oberpfälzischen Waldsassen nahe der tschechischen Grenze, wird in Deutschland noch mundgeblasenes Flachglas hergestellt. Mehr als 60 Zentimeter groß sind die geblasenen Zylinder, die der Länge nach aufgeschnitten und geplättet werden. Weit mehr als 1000 Farbtöne und Sorten liefert die Glasbläserei, mehr als 100 lagern in Bad Bergzabern. Vom Danziger Glas mit seinen dicken Blaseneinschlüssen, den „Ochsenaugen“, über das farblose Goethe-Glas bis zum Tischkathedralglas, das gegossen und gewalzt wird, reicht die Vielfalt, ganz zu schweigen von den Farben. Histing zieht eine Platte in Orange-, Gelb-, Grün- und Blautönen heraus – Papageienglas.

Für das Oberotterbacher Kirchenfenster bleibt es nicht bei den Farben der Glasbläserei. Histing steckt für Farbverläufe fertige Glasteile in den Sandstrahler. Dort entfernt sie einzelne Farbschichten. Anschließend trägt sie mit dem Pinsel neue Farbe auf. Im Ofen brennt sie die Stücke bei 620 Grad ein. Was die Glasmeisterin seit dem Ukraine-Krieg spürt: Die Preise der Glasplatten steigen, für die weit mehr als 1000 Grad bei der Glasherstellung braucht es eine Menge Gas. Lieferschwierigkeiten aber gibt es noch nicht. Dafür würde sich Histing – wie so viele Handwerksbetriebe – über eine Auszubildende oder einen Auszubildenden freuen.

Histing macht sich weiter an das Zusammensetzen des Fensterfelds. Mit einem Messer entfernt sie die Holzblöcke, die die Glasstücke bis zum Verlöten des Bleis aneinanderdrücken. Sie legt das Glasstück an, legt das Bleiprofil außen heran, drückt es um das Glas und schneidet die überschüssige Bleirute ab. Auf der Staffelei fällt Sonnenlicht durch die halb fertigen Fensterteile. Presbyterin Erika Heid, die gerade vorbeischaut, staunt, was aus dem einstigen Entwurf auf Papier geworden ist: „Jetzt wirkt es erst!“ Florian Riesterer

Glasrezept im Prinzip bis heute unverändert

Der älteste Hinweis auf Glas ist auf einer Tontafel aus der Regierungszeit des assyrischen Königs Assurbanipal im 7. Jahrhundert vor Christus erhalten. In Keilschrift notierte ein Schreiber: „Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meeresalgen und fünf Teile Kreide – und du erhältst Glas.“

Im Prinzip gilt das bis heute, erklärt Lothar Wondraczek. Er ist Professor für Glaschemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die wichtigsten Ingredienzien seien auch nach vier Jahrtausenden unverändert: „Quarzsand, Soda als Flussmittel, das niedrigere Schmelztemperaturen erlaubt, und gebrannter Kalk für die Festigkeit.“ Auch die Art der Herstellung blieb im Grunde gleich. Wird es auf 1500 Grad erhitzt, verflüssigt sich das Stoffgemisch, erklärt der Experte. Wenn es erkaltet, entsteht daraus das transparente Material.

Ein schneller Temperaturabfall ist entscheidend. Während der Quarzsand aus Kristallen besteht, hat Glas eine sogenannte amorphe Struktur. „Die Atome schaffen es nicht, sich zu regelmäßigen Strukturen zu finden“, erläutert Wondraczek. Am Ende verhält sich Glas wie eine extrem zähe Flüssigkeit. Das sorgt für Eigenschaften, die Glas unverwechselbar machen. Die Faszination des Werkstoffs fasste der Benediktiner-Abt und Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus (780 bis 856) in die schönen Worte: „Glas heißt es, weil es durch die Klarheit Einblicke freigibt“, es ist „gleichsam verschlossen und doch offenbar.“

Glas ist aus dem Alltag nicht wegzudenken. Es machte optische Errungenschaften wie Brille, Mikroskop oder Teleskop erst möglich. Die Liste eher weniger bekannter Einsatzgebiete ist lang. Sie beginnt bei der Computertechnik und der Internettechnologie. „Ohne Glas keine Chips oder – als optische Fasern – kein World Wide Web“, zählt Wondraczek auf. Dazu kommen bioaktive Gläser, die langsam abgebaut werden und deren Inhaltsstoffe den Aufbau neuen Gewebes, etwa Knochen, unterstützen. epd

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Die Glasmeisterin Karin Histing aus Bad Bergzabern ist auf Kirchenfenster spezialisiert, repariert, isoliert, baut neue Fenster ein und aus. Foto: Krauß
Die Glasmeisterin Karin Histing aus Bad Bergzabern ist auf Kirchenfenster spezialisiert, repariert, isoliert, baut neue Fenster ein und aus. Foto: Krauß
Fingerspitzengefühl: Karin Histing schneidet überschüssiges Metall ab und drückt die Bleirute an das Glas. Foto: Krauß
Fingerspitzengefühl: Karin Histing schneidet überschüssiges Metall ab und drückt die Bleirute an das Glas. Foto: Krauß

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