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Zahl der Pfälzer Protestanten sinkt weiterhin deutlich

Landeskirche verliert im Jahr 2020 rund 12000 Mitglieder – Ähnliche Zahlen im Bistum Speyer – Theologe warnt vor Wagenburg-Mentalität

Die Evangelische Kirche der Pfalz hat im Jahr 2020 rund 12000 Mitglieder verloren. Die Zahl sei um 2,4 Prozent auf 482731 gesunken, teilte die pfälzische Landeskirche mit. Die Zahl der Austritte aus der Landeskirche sei um 16,5 Prozent (965 Personen) auf 4873 gesunken. Im selben Zeitraum habe es 1751 evangelische Taufen und 442 Eintritte gegeben. 2019 waren es noch 3822 Taufen und 563 Eintritte gewesen.

Weiter hoch bleibe die Zahl der Beerdigungen: 6925 Menschen aus dem Bereich der Landeskirche wurden 2020 kirchlich bestattet. Selbst wenn die Austrittszahlen leicht gesunken seien, zeige sich doch nach wie vor ein Trend, der von den Kirchen ernst genommen werden müsse, sagte Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst: „Wir werden weniger, und das bleibt eine Herausforderung der nächsten Jahre.“

„Gerade bei wichtigen biografischen Ereignissen sind wir als Kirche nach wie vor gefragt“, sagte Wüst. Neben Familienfesten gelte es auch, andere Kontakte wie die kirchliche Arbeit in den Kindertagesstätten und Schulen, der Jugendarbeit und der Kirchenmusik noch mehr in den Blick zu nehmen. „Dort kommen wir mit Kindern und Jugendlichen wie auch deren Eltern in Kontakt und machen erlebbar, dass Kirche viel mehr ist als eine verstaubte und unglaubwürdige Institution.“

Auch wenn die Bindung an die Kirche nachlasse, sind die Menschen nach den Worten der Kirchenpräsidentin mehr denn je auf der Suche nach Sinn und Orientierung. „Kirche ist und bleibt ein Ort, an dem in aller Freiheit Menschen mit ihren Fragen willkommen sind.“

Auch das Bistum Speyer, dessen Gebiet mit dem der Landeskirche nahezu identisch ist, verbuchte einen Rückgang der Mitgliederzahlen um mehr als 10000, was einem Anteil von über zwei Prozent entspricht. 5300 Austritte wurden im Bistumsgebiet registriert. In der Pfalz und der Saarpfalz lebten 2020 somit etwa 497000 Katholiken. „Es macht mich sehr betroffen, dass seit mehreren Jahren eine so hohe Zahl von Menschen der Kirche den Rücken kehrt“, erklärte Generalvikar Andreas Sturm. Bei Gesprächen mit Ausgetretenen sei von deren Seite als Grund immer wieder der Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch und die Haltung der Kirche zu Frauen und homosexuellen Menschen genannt worden.

Der Mainzer evangelische Theologe Kristian Fechtner warnte die Kirchen davor, angesichts sinkender Mitgliedszahlen eine Wagenburg-Mentalität zu entwickeln. Die Kirche müsse mit beispielhaftem Handeln ihre Haltung und Kompetenz in ethische Konflikte einbringen, etwa in Fragen des Sterbens oder in der Anwaltschaft für Flüchtlinge. Dann gewinne sie gesellschaftliche Akzeptanz. „Wenn die verspielt wird, wird die Volkskirche nicht mehr funktionieren.“ Außerdem müsse die Kirche ihren Erfahrungsschatz für den Einzelnen an Wendepunkten seines Lebens erschließen.

Die Mitgliederzahlen der Kirchen werden nach den Worten des Universitätsprofessors noch schneller schrumpfen als in der Freiburger Studie von 2019 prognostiziert. Die Forscher um den Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen schätzten, dass die beiden großen Kirchen bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder und Einnahmen verlieren. Aktuell führten die durch die Corona-Pandemie erzwungenen Kontaktbeschränkungen dazu, dass mehr kirchenferne Mitglieder über ihren Austritt nachdächten, sagte Fechtner. Außerdem steckten die großen Kirchen seit einigen Jahren in einer Vertrauenskrise, weil sie als reformunwillig oder -unfähig wahrgenommen würden. Mancherorts erscheine nun nicht mehr ein Austritt als begründungspflichtig, sondern das Verbleiben als Mitglied.

Die Zukunft der Kirche liegt nach den Worten des Theologen nicht ausschließlich in den Ortsgemeinden. „Eine Unterstützungskultur jenseits der Ortsgemeinden ist unverzichtbar.“ Sonst gingen fachliche Qualität und Innovationskräfte verloren. Außerdem wollten auch Menschen, die wenig oder keinen Kontakt zur Ortsgemeinde hätten, eine kirchliche Begleitung etwa bei der Hochzeit oder Bestattung. „Es braucht Gelegenheitsstrukturen, die quer zu den Ortsgemeinden liegen“, sagte Fechtner. epd

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4873 Menschen haben die Landeskirche verlassen. Ein Austritt ist gesellschaftlich längst nicht mehr begründungspflichtig. Foto: epd
4873 Menschen haben die Landeskirche verlassen. Ein Austritt ist gesellschaftlich längst nicht mehr begründungspflichtig. Foto: epd

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