Dokumentation

Wir Menschen müssen zusammenhalten!

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach steht ohne Wenn und Aber zur Impfung gegen das Coronavirus

Karl Lauterbach, Arzt und SPD-Gesundheitspolitiker, spricht sich entschieden für die Impfung aus, um die Coronavirus-Pandemie zu überwinden. Gerade Herzpatienten, betont er im Interview mit der Zeitschrift "HERZ heute", sollten die Chance nutzen, sich mit der Impfung vor einem schweren Verlauf der Infektion zu schützen.

Herr Professor Lauterbach, wann rechnen Sie persönlich damit, dass Sie gegen das Coronavirus geimpft werden?

Karl Lauterbach: Das weiß ich nicht. Ich werde mich aber auf jeden Fall impfen lassen, wenn ich an der Reihe bin. Ich stehe ohne Wenn und Aber zu der Impfung! Da ich auch als Impfarzt eingetragen bin, kann das auch dann sein, wenn die Impfärzte drankommen.

Zurzeit fehlt es bedauerlicherweise an genügend Impfstoff. Woran liegt das?

Die Europäische Union (EU) hat leider die falsche Einkaufsstrategie in Bezug auf die Impfstoffe verfolgt. Dabei halte ich es bis heute für richtig, dass die EU den Einkauf koordiniert hat. Aber die Staatengemeinschaft hat Fehler gemacht. Sie hat erstens zu wenig Geld in die Hand genommen und zweitens zu lange gewartet, Verträge mit den Pharmafirmen abzuschließen. Dadurch haben einige Firmen zu wenig und zu spät investiert. Und zum Dritten hat die EU auch auf nationale Wirtschaftsförderung in Europa Rücksicht genommen, was sie nicht hätte tun sollen. Ein Impfstoff aus den USA, zu dem es schon früh gute Studienergebnisse gab, wurde etwa nur sehr wenig eingekauft.

Deshalb werden weniger Menschen geimpft, als nötig wäre?

Bis Ende März werden wir in Deutschland wahrscheinlich nicht mehr als fünf bis sechs Millionen Menschen impfen können. Das ist eigentlich nicht genug.

Was kann getan werden, um die Lage zu verbessern?

Dafür gibt es drei Strategien: Einmal muss der Staat versuchen, die Produktion von Impfstoffen massiv zu unterstützen und damit zu erhöhen, sodass wir zumindest im zweiten Quartal des Jahres so viel impfen können wie möglich. Außerdem sollte beim gemeinsamen Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer, der seit Weihnachten zur Verfügung steht, die notwendige zweite Impfung hinausgezögert werden, statt drei Wochen nach der ersten, wie vorgesehen, etwa zwölf Wochen danach. So könnten mehr Menschen die erste Dosis erhalten. Ich weiß, dass so ein Vorgehen umstritten ist, manche Experten befürchten, dass gefährliche Mutationen des Virus entstehen könnten. Ich glaube aber, dass die Gefahr steuerbar ist, und bin deshalb für diese Option. Und nicht zuletzt sollten weitere Impfstoffe möglichst schnell in Deutschland zugelassen werden.

Ist es aus Ihrer Sicht vernünftig, die über 80-Jährigen als erstes zu impfen, wie festgelegt wurde? Wäre es nicht sinnvoller, Pflegepersonal und Ärzte, die mit der Betreuung dieser Menschen befasst sind und den medizinischen Betrieb aufrechterhalten, zunächst zu impfen?

Die Reihenfolge hat die Ständige Impfkommission mithilfe des Deutschen Ethikrates festgelegt. Es wurde davon ausgegangen, dass sich Ärzte und Pflegekräfte mit entsprechender Schutzkleidung vor dem Virus schützen können. Ich hätte mir auch sehr gut vorstellen können, dass man zuerst die Menschen schützt, die an der Front gegen das Virus und die Krankheit Covid-19 kämpfen.

Wie soll die Auswahl der zu Impfenden - jenseits von Kliniken und Pflegeheimen - im Laufe des Jahres eigentlich konkret ablaufen? Wie und bei wem weise ich etwa als Herzpatient nach, dass ich durch das Virus besonders gefährdet und deshalb besonders schutzwürdig bin?

Wie das funktionieren soll, weiß im Moment niemand; das muss man offen sagen. Ich kann mir nur vorstellen, dass das mithilfe der Hausärzte gemacht wird. Ideal wäre, wenn die Hausärzte in die Terminvergabe eingebunden werden könnten, wenn sie die Termine vermitteln und die nötigen Unterlagen zusammenstellen würden.

Wird es für die meisten Herzpatienten erst im zweiten oder gar dritten Quartal möglich sein, sich impfen zu lassen?

So wird das leider kommen. Das zeigt auch, wie entscheidend es ist, die Beschaffung von Impfstoffen zu verbessern.

Was sagen Sie den Menschen, die mögliche Nebenwirkungen der Impfung fürchten, etwa Allergikern?

Zuerst einmal muss festgehalten werden, dass die verfügbaren Impfstoffe sehr gut verträglich sind. Klassische Allergien wie leichtes Asthma, Neurodermitis oder ein Kontaktekzem sind keine Risikofaktoren bei einer Impfung. Die sehr wenigen Fälle schwerer Nebenwirkungen, die bisher bekannt sind, sind fast nur bei Menschen festgestellt worden, bei denen schon andere Impfungen zu schwerwiegenden Reaktionen geführt haben.

Niemand braucht also Angst haben?

Nein, eine Impfung gegen das Coronavirus ist unbedenklich. Und im Vergleich zum Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung ist sie dringend zu empfehlen. In den vergangenen Wochen sind weltweit mehrere Millionen Menschen geimpft worden, ohne dass es zu großen Problemen gekommen wäre.

Kann es gefährliche Langzeitwirkungen geben?

Langzeitwirkungen kann niemand völlig ausschließen, es besteht immer ein Restrisiko. Aber bei den meisten Impfungen treten schwere Impfreaktionen fast immer sofort auf. Der seit dem Jahreswechsel auf dem Markt befindliche mRNA-Impfstoff ist ein gentechnisch hergestellter Impfstoff, der auf einer neuartigen Technologie beruht. Das ängstigt manche Menschen. Das ist unberechtigt. Die Impfpartikel des mRNA-Impfstoffes dringen zwar in die menschlichen Zellen ein, gelangen dort aber nicht in den Zellkern. Dadurch kann der Impfstoff nicht Teil der menschlichen DNA-Kette werden und sich nicht vervielfältigen. Die im Impfstoff enthaltene mRNA, also die Boten-RNA oder Messenger-Ribonukleinsäure, wird im Körper unmittelbar abgebaut.

Junge Menschen haben ein relativ geringes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken oder gar zu sterben. Wie kann man junge Menschen trotzdem motivieren, sich impfen zu lassen und damit auch die Älteren zu schützen?

Zuerst will ich sagen, dass die Krankheit Covid-19 selbst für Jüngere ein nicht geringes Risiko darstellt. Auch bei jungen Leuten können langfristige oder gar bleibende Schäden auftreten, auch sie leiden teilweise am sogenannten Long Covid-Syndrom, über Monate und länger, mit chronischer Erschöpfung, Schmerzen, Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns, Einschränkungen der Lungenfunktion.

Junge Menschen sollten sich also schon in ihrem eigenen Interesse impfen lassen?

Absolut. Und natürlich müssen sich die Jungen auch der Solidarität bewusst sein, die wir uns innerhalb einer Gesellschaft schulden. Vielleicht bin ich ein wenig altmodisch, aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn junge Menschen es schon als eine massive Einschränkung ihrer Lebensqualität betrachten, wenn sie ein paar Monate nicht so ausgelassen feiern und ausgehen können, wie das sonst zu ihrem Lebensstil gehört. Das finde ich nicht angemessen in Anbetracht der Tatsache, dass die Generation ihrer Eltern und die ihrer Großeltern von Schrecken und Tod bedroht werden und dass die Älteren, wenn sie erkranken, teilweise schwer leiden müssen. Da halte ich Einschränkungen beim Privatleben, insbesondere bei Vergnügungen und beim Feiern, für völlig vertretbar.

Viele Herzkranke verschieben derzeit Termine bei Ärzten und in Kliniken, weil sie Angst haben, sich dort anzustecken. Besteht die Gefahr, dass die Menschen sich durch ihre Vorsicht schaden?

Ich appelliere an jeden Herzkranken, keine Untersuchung und keinen notwendigen Eingriff zu verschieben oder gar ausfallen zu lassen. Das Risiko, sich in einem Krankenhaus zu infizieren, konnte seit Beginn der Pandemie dramatisch reduziert werden, es werden nur noch Einzelfälle bekannt. Die Sicherheit der Patienten ist in Kliniken gewährleistet, das Personal ist entsprechend geschützt. Darauf wird peinlich geachtet.

Aus Angst vor dem Virus nicht zum Arzt oder in ein Krankenhaus zu gehen, kann einen Kranken in Lebensgefahr bringen?

Das kann passieren. Kardiologen berichten mir, dass man aktuell in den Kliniken etwa wieder eine steigende Zahl schwerster Herzinfarkte sieht, wie es in der Menge lange nicht mehr vorgekommen ist. In den meisten dieser Fälle wird zu spät ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Wahrscheinlich werden wir wieder eine steigende Zahl von Todesfällen bei Infarkten bekommen, weil die Menschen zu spät in die Kliniken kommen.

Ist man als Patient auch bei beim Hausarzt und beim niedergelassenen Kardiologen sicher?

Ja, absolut. Es sind auch kaum Fälle bekannt, in denen sich Menschen in Arztpraxen angesteckt haben. Wer sich unwohl und krank fühlt, sollte zum Arzt gehen, damit eine Erkrankung nicht zu spät diagnostiziert und nicht zu spät gegen sie interveniert wird.

Wie geht es Ihnen eigentlich persönlich in dieser schwierigen Zeit?

Ich leide wie die meisten Menschen unter dieser Situation, in der wir uns kollektiv befinden. Ich wünsche mir, und dafür kämpfe ich, dass wir mit Impfstoffen, mit möglichst wenig Sterbefällen und möglichst wenig chronisch Kranken durch die Pandemie kommen. Und ich hoffe natürlich, dass meine Familie, meine guten Freunde und ich selbst nicht krank werden. Ich arbeite mit dem wenigen, das ich beitragen kann, wie viele andere nonstop daran, dass wir da durchkommen. Wir Menschen müssen jetzt zusammenhalten!

Das Interview führten Professor Thomas Meinertz und Joachim Mohr für die Ausgabe 1/2021 der Zeitschrift "HERZ heute", die von der Deutschen Herzstiftung e.V. herausgegeben wird.