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Weil Krisen meist gemeinsam kommen

von Nils Sandrisser

Schon die Bibel wusste, dass Krisen meist nicht einzeln kommen. In der Heiligen Schrift galoppieren die apokalyptischen Reiter Seuche, Krieg, Teuerung und Hunger gemeinsam übers Land. Die Reiter sind auch heute wieder im Quartett unterwegs. Vor zwei Jahren schickten sie ihren Kollegen Seuche schon mal vor, jetzt kommen die anderen drei nach. Das Coronavirus hat die Welt immer noch im Griff, neue Varianten sind schon entdeckt. Die Inflation hat im Mai in Deutschland einen Wert von 7,9 Prozent erreicht, im Euro-Raum steht sogar schon die Acht vor dem Komma. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine kehrte Ende Februar der Krieg nach Europa zurück. Und immer mehr Menschen auf der Welt leiden Hunger. All diese Krisen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern sie wirken aufeinander ein und verstärken sich gegenseitig.

Schon während der Corona-Pandemie nahm der Hunger weltweit zu, nachdem er zuvor jahrelang auf dem Rückzug gewesen war. In den Ländern des globalen Südens beispielsweise waren Tagelöhner von Lockdowns stark betroffen, Wanderarbeiter konnten wegen Ausgangssperren nicht mehr arbeiten. Keine Arbeit bedeutet für diese Menschen aber immer: kein Essen.

Seuche und Teuerung hängen zusammen. Corona zog einen weltweiten Wirtschaftseinbruch nach sich. Nun zieht die Ökonomie wieder an, aber das bedeutet eben auch eine verstärkte Nachfrage und nach den Regeln des Markts auch steigende Preise. Krieg und Teuerung hängen zusammen. Der Angriff Russlands und die daraus resultierenden Sanktionen haben fossile Rohstoffe enorm verteuert. Immer noch hängt unsere Wirtschaft zu stark an Öl und Gas, auch an russischem. Krieg und Hunger hängen zusammen. Sowohl Russland als auch die Ukraine gehören zu den Kornkammern der Welt. Das Getreide, das sie zuvor exportierten, fehlt in jenen Ländern, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind. Zu kriegsbedingten Ernteausfällen kommt hinzu, dass Russland das Getreide als Waffe einsetzt.

Ein Beispiel, warum sich die Krisen nicht jede für sich lösen lassen: Man könnte durchaus auf den Gedanken kommen, auf den Erpressungsversuch Putins einzugehen. Immerhin, so die Überlegung, müssten Menschen dann nicht mehr hungern, das sei doch höher zu bewerten, als an Prinzipien festzuhalten. Aber dieser Gedanke ist falsch. Nicht um an dem Grundsatz, sich nicht erpressen zu lassen, unbedingt festzuhalten. Sondern weil er die Probleme an anderer Stelle verstärkte. Denn Menschen wiederholen Verhalten, das für sie erfolgreich ist. Es braucht also einen umfassenden Ansatz, der gegen jeden der apokalyptischen Reiter vorgeht, ohne die anderen zu vernachlässigen. Das ist nicht leicht, und wahrscheinlich gibt es keinen Menschen auf der Welt, der derzeit wüsste, wie das funktionieren kann. Bleibt die Hoffnung, dass die Vernunft die Oberhand gewinnt.

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Nils Sandrisser
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