Andacht

Was wir haben und sind

Andacht zum Sonntag Quasimodogeniti

von Pfarrer Martin Christoph Palm

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Johannes 21, 1–4 (5–14)

Seit über einem Jahr fischen wir im Trüben. Hangeln uns von Maßnahme zu Maßnahme. Noch vor einem Jahr sind wir ein Volk von 80 Millionen Bundestrainern gewesen, jetzt sind wir 80 Millionen Virologen. Und jede und jeder fordert den ganz großen Plan, die perfekte Strategie. Doch mit „wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ ist der richtig dicke Fisch noch nicht ins Netz gegangen.
So scheint es den Jüngern Jesu zu gehen. Spätestens am Karfreitag hatten sich die meisten von ihnen nach Galiläa abgesetzt. Nur weg von Jerusalem! Zurück in ihre Heimatdörfer. Sie versuchen sich sogar wieder in ihren ursprünglichen Berufen. Mehrfach, so erzählt das Johannesevangelium, gab es Begegnungen mit dem Auferstandenen Jesus. Er verhieß ihnen den Heiligen Geist, der „ungläubige Thomas“ durfte sogar handgreiflich werden, um zu verstehen, wen er vor sich hatte.
Trotz dieser Begegnungen und Ermutigungen rechnen die Jünger nicht damit, dass Jesus ihnen noch einmal begegnen wird. Er ist auferstanden, das wissen sie. Aber verändert hat sich dadurch nichts in ihrem Leben. Die Rückkehr in das alte Leben, etwa als Fischer, erschien ihnen vielversprechender. Aber so recht will auch das nicht klappen. Sie fahren zum Fischfang hinaus, aber sie fangen nichts. Sie haben sich für nichts und wieder nichts die Nacht um die Ohren geschlagen.
Sie werden nicht verhungern, wenn sie so weitermachen, es wird wahrscheinlich gerade so reichen. Aber für Nächstenliebe reicht es nicht, denken sie. „Kinder, habt ihr nicht etwas Fisch zu essen?“, fragt ein Mann am Ufer. Nein, haben sie nicht. So ist das in Ausnahmezeiten. Jede und jeder schaut, wo er oder sie bleiben. Wie Kinder, die eifersüchtig ihr Spielzeug bewachen, damit es ja nicht in fremde Hände falle.
Wie die Nationen, die einander den Impfstoff nicht gönnen, oder Bundesländer, die monatelang miteinander streiten um die Frage, welche Landesregierung ihren Leuten als Erste Lockerungen versprechen darf. Sie haben das Teilen verlernt, obwohl sie doch so oft erlebt haben, dass genug für alle da ist, wenn sie nur vertrauen. Haben nicht fünf Brote und zwei Fische viele Menschen satt gemacht?
„Kinder“, spricht Jesus sie an (5ff.), weil sie offenbar nicht nur das Fischen verlernt haben, sondern auch die Nächstenliebe. So sehr sind sie in den Anforderungen des Alltags gefangen, dass sie nicht einmal den erkennen, der zuvor der Mittelpunkt ihres Lebens war.
Aber ein kleiner Funke Vertrauen ist noch da, denn die erfahrenen Fischer lassen sich darauf ein, dass ein vermeintlich Fremder ihnen sagt, was sie tun sollen. Es muss ihnen wie ein „Déjà-vu“ vorgekommen sein. Noch einmal werfen sie die Netze aus – ganz wie am Anfang, als Jesus sie berufen hatte. Und wieder machen sie einen großen Fang. Das Netz ist so voll, dass sie es nicht bergen können.
Erst da dämmert einigen, wer dort drüben am Ufer steht. Petrus wird als Erstem klar, wie wenig sie mit der Begegnung gerechnet hatten. Sind wir vorbereitet oder erwischt es uns wie die Jünger? Jesus kommt und handelt. Die kleinen und großen Probleme des Alltags verstellen manchmal die Wahrnehmung, dass Jesus da ist, dass er die ganze Zeit am Ufer steht. Er greift ein in unsere Not und unsere Bedürfnisse, ob wir auf ihn vorbereitet sind oder nicht.
Nicht erst am Ufer erfahren die Jünger, dass für sie gesorgt ist. Die genaue Angabe der Zahl der Fische bedeutet „absolute Fülle“. Aber dann am Ufer: Der Tisch ist gedeckt, wie kurz nach Ostern in Emmaus. Zusammen mit dem, was ihnen ins Netz gegangen ist, ein üppiges Mahl, bei dem noch genug für andere übrig bleibt.
Der Auferstandene ist immer in der Nähe. Wie ein Vater, wie eine Mutter sorgt der Auferstandene Jesus für alle, die auf ihn vertrauen. Aus seinen Händen empfangen wir alles, was wir zum Leben brauchen. Alles ist vorbereitet, bevor wir ans Ufer treten. Wir brauchen nicht mehr ängstlich auf das zu schauen, was andere haben oder ob es für alle reichen wird. Weil Jesus lebt und für uns sorgt, können wir teilen, was wir haben und was wir sind.

Martin Christoph Palm ist Pfarrer in Dackenheim und Freinsheim im Kirchenbezirk Bad Dürkheim-Grünstadt.

Gebet

Gott, in deinem Namen sind wir versammelt wie Geschwister um Vater und Mutter. Wir bitten dich um Wärme und um Verstehen.
Lass Glauben, Hoffnung und Liebe in uns wachsen. Hilf uns zu vertrauen, dass du für uns sorgst. Lehre uns die Gaben teilen, die wir von dir empfangen. Schenke uns deinen Heiligen Geist. Amen.