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Waffen sind nicht das wichtigste Thema

von Klaus Koch

Die Koordinaten in der Diskussion um Krieg und Frieden haben sich in den Wochen seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine grundlegend verschoben. Wer noch vor Kurzem deutsche Waffenlieferungen in Krisengebiete kritisiert hat, will nun schwerstes Gerät in die Ukraine schicken. Auf der anderen Seite gibt es Generäle, die vor einer Eskalation warnen, wenn die Staaten der Nato sich zu sehr engagieren. Und auch die Kirchen diskutieren vermeintliche friedensethische Gewissheiten neu.

Im Prinzip sind diese Veränderungen zumindest erstaunlich. Krieg nämlich hat es in den vergangenen Jahrzehnten auf diesem Kontinent jeden Tag gegeben. Menschen starben durch Waffen, wurden gequält, vertrieben, unterdrückt. Der Krieg in der Ukraine ist so grausam, so menschenverachtend, so ungerecht wie alle Kriege auf dieser Welt. Doch jetzt ist die dünne Schicht der Zivilisation ganz in der Nähe aufgerissen. Der Blick in die Barbarei ist unmittelbarer geworden.

Manche glauben, in Deutschland eine Kriegsbegeisterung wie 1914 (wenn es diese damals wirklich in größerem Maße gab) heraufziehen zu sehen. Das ist sicher übertrieben, denn die Rufe nach schweren Waffen sind kein Ausdruck von übersteigertem Nationalismus oder bürgerlichem Überdruss am bestehenden System. Den Befürwortern von Waffenlieferungen ist zugutezuhalten, dass sie das Recht eines Volks zur Selbstverteidigung auf ihrer Seite haben. Und sie können darauf verweisen, dass Putin Werte angreift, die unverhandelbar sind. Dennoch bleibt richtig, dass Waffen keinen Frieden schaffen. Es bleibt richtig, wenn ein Bundeskanzler die Folgen für die eigene Bevölkerung abwägt, anstatt an der Spitze zu marschieren.

Wenn auch die Kirche in einer solchen Situation vor allem über die Lieferung schwerer Waffen diskutiert, greift das zu kurz. Die Aufgabe evangelischer Friedensethik ist es, politische und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu begleiten und das Gewissen zu schärfen. Das bleibt so, unabhängig davon, wie die Überzeugungen zu Waffenlieferungen sind. Es ist sinnlos, darüber zu streiten, was naiver ist: der Glaube, mit pazifistischen Mitteln Putin stoppen zu können oder die Vorstellung, die Ukraine könne langfristig der russischen Militärmacht widerstehen.
Die Aufgabe der Kirche in dieser Katastrophe ist es, konkret zu werden. Die Menschen, die hierher fliehen, brauchen Trost und Hilfe. Russinnen und Russen in Deutschland, die angefeindet werden, brauchen Fürsprecher. Die Welt braucht die laute Forderung, dass kein Geld ins Militär fließen darf, das dann beim Kampf gegen Hunger, Klimawandel oder die soziale Spaltung fehlt. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind nur gemeinsam zu haben. Deshalb müssen auch Kriege, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung gleichzeitig bekämpft werden.

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Klaus Koch
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