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Von „keine Ahnung“ hat das Netz sehr viel

von Nils Sandrisser

Ach, früher war’s doch besser. Außer für Fußball-Bundestrainer. Die hatten schon immer mit dem Phänomen zu kämpfen, dass beim Thema Nationalmannschaft so gut wie jeder alles besser wusste als sie. Und das auch mit bemerkenswertem Vertrauen in die eigene Urteilskompetenz mitteilte.

Seit es die sozialen Netzwerke im Internet gibt, kann jede und jeder die eigene Sicht auf die Dinge in die Welt rotzen. Das Ergebnis ist ein Durcheinander von Millionen von Expertinnen und Experten. Und zwar längst nicht mehr nur zum Thema Fußball. Millionen Virologinnen und Virologen geben ihren Senf zu Maskenpflicht oder Inzidenzwerten hinzu. Millionen von Militärexperten haben schon vorher gewusst, dass die Taliban innerhalb einer Woche in Kabul stehen würden, sobald der Westen aus Afghanistan abzöge. Und Millionen wissen ganz genau, was bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen schiefgelaufen ist.

Der US-Psychologieprofessor David Dunning und sein Student Justin Kruger haben dieses Phänomen erforscht. Nach ihnen ist der Dunning-Kruger-Effekt benannt. Er besagt, dass Menschen dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Insbesondere, wenn sie nur wenig Ahnung haben, halten sie sich gern mal für große Zampanos. Nur übersehen Pseudo-Profis dabei eben, dass sie – wenn überhaupt – nur einen geringen Teil eines Themas überblicken. Ihre Inkompetenz hindert sie also daran, ihre Inkompetenz zu erkennen. Könnte lustig sein, wenn es nicht so nervtötende Folgen hätte. Aber leider gibt es da noch einen anderen Effekt: Wer übersteigert selbstbewusst ist, hat unter Umständen nicht allzu viel Verständnis für Menschen, die anderer Meinung sind. Ob die ihre Meinung mit nachprüfbaren Fakten unterlegen können, ist dann egal. Und so sind die Debatten derzeit … nun ja, sagen wir mal … nicht unbedingt sehr von Wertschätzung für das jeweilige Gegenüber geprägt. Facebook-Horst und Instagram-Petra lassen zwar wenig Evidenz in ihrer Argumentation erkennen, dafür umso mehr Meinungsstärke und leider auch Aggression. Und so entsteht eine Atmosphäre der öffentlichen Diskussion, die so giftig und drückend ist, dass man sich vorher sehr gut überlegen sollte, ob man sich daran beteiligt. Ein breites Kreuz gehört auf jeden Fall dazu.

Als die Bundeswehr ihre Evakuierungsaktion in Kabul begann, prasselte Kritik auf sie ein, weil sie mit ihrer ersten Transportmaschine vor Ort nur sieben Menschen ausflog. Der Politikberater und Kirchenkritiker Erik Flügge schrieb auf Twitter daraufhin etwas sehr Kluges: „Mein Grundsatz: Ich habe noch nie eine Evakuierung organisiert. Ich war noch nie in ­#Kabul. Ich bin kein Experte für ­#Afghanistan. Ich bin kein Experte für Militäroperationen. Deshalb ­kommentiere ich keine konkreten Entscheidungen oder Maßnahmen in ­dieser akuten Krisensituation.“

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Nils Sandrisser
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