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Von Hoffnung reden

Andacht zum 16. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Anja Lebkücher

Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Klagelieder 3, 22–26.31–32

Es liegt an Gottes Güte, dass es noch nicht ganz aus ist mit uns: So weit hat der Mensch, der diese Zeilen gedichtet hat, seine Erwartungen heruntergeschraubt. Wir sind noch nicht völlig am Ende – darin sieht er die Güte Gottes. Ob ich da mitgehen kann und will?

Unser Bibelabschnitt ist aus dem alttestamentlichen Buch der Klagelieder entnommen. Diese Lieder stammen aus einer Zeit, in der alles aus zu sein scheint. Die Stadt Jerusalem ist zerstört, der Tempel liegt in Trümmern. Die Babylonier haben einen großen Teil der Bevölkerung ins Exil nach Babylon verschleppt. Den letzten König von Juda haben sie abgesetzt – es ist das Ende der staatlichen Souveränität und der Daviddynastie, auf der doch Gottes Verheißung lag. Gott scheint sein Volk verlassen zu haben. Das ist die Lage in den Jahren nach 586 vor Christus.

Die Klagelieder geben dem Schmerz über diese Katastrophe Ausdruck. Das Klagelied, aus dem unsere Passage stammt, ist wie die übrigen Lieder sehr emotional – und gleichzeitig von vorne bis hinten durchgestylt: Es besteht aus 22 dreizeiligen Strophen. Genau eine für jeden Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die Zeilen der ersten Strophe beginnen mit Aleph, die der zweiten mit Bet, und so geht es weiter, das ganze Alphabet durch. Der Dichter gibt also seinen Gefühlen Raum, aber er hat sie auch schon in eine Struktur gebracht, er hat sich schon sortiert.

Es ist noch nicht alles aus – aber fast: Unsere Welt hat schon mehrmals sehr nah am Abgrund gestanden. Heute ist die atomare Bedrohung Gott sei Dank nicht mehr so akut, wie sie in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts war. Dafür spüren inzwischen auch wir deutlich die Folgen des Klimawandels: Wir können nicht mehr die Augen davor verschließen, dass das nicht ein Thema unter anderen ist, sondern das Überleben der Menschheit gefährdet. Da ist jedes fromme Beschwichtigen oder Verdrängen fehl am Platz. Wir müssen unsere Lebensweise verändern, als Einzelne und als Gesellschaft, und zwar schnell. Aber um dafür Kraft zu finden, müssen wir auch Hoffnung haben.

Liest man, was unserer Textpassage vorausgeht, dann hat man den Eindruck, dass der Verfasser eigentlich die Hoffnung schon aufgegeben hatte. Er reiht bittere, verzweifelte Anklagen an Gott aneinander: Er hat mich geschlagen, in die Finsternis geführt, in ein Gefängnis eingemauert, gefesselt, zerfleischt, er hat mir aufgelauert wie ein Raubtier, mich mit Pfeilen beschossen, mich vernichtet und zu Boden gedrückt. Und wenn ich bete, hält er sich die Ohren zu. Als das alles heraus ist, findet dieser Mensch doch noch andere Worte. Er fängt an, sich selbst gut zuzureden: Er will seinen Glauben nicht aufgeben. „Der Herr ist mein Teil“, sagt er zu sich selbst. Mein Teil, das bedeutet: das, was mir beim Teilen oder Verlosen zugefallen ist. Es ist nun mal mein Los, an Gott zu glauben. Ich kann nicht anders, ich will nicht anders, ich komme von ihm nicht los.

Also fängt er an, doch wieder von Hoffnung zu reden. Diese Hoffnung ist bescheiden, versteckt, man muss sie zwischen den Zeilen herauslesen. Schließlich ringt er sich zu der Aussage durch: „Der Herr verstößt nicht ewig!“ Was für ein Wort. Der Verfasser betrachtet die Trümmer seiner Stadt und sagt sich: Gott hat uns zwar verstoßen – aber das wird nicht für immer dauern! Er sagt das ganz im Blick aufs Diesseits.

Später haben Gläubige angefangen, sich zu fragen: Wenn ich gestorben bin, was kommt dann? Wird Gott Rechenschaft von mir fordern? Was, wenn das schlecht für mich ausgeht? Oder für andere? Wir heutigen Christinnen und Christen verdrängen diese Fragen gern, sie scheinen vergangenen Jahrhunderten anzugehören, sollten längst erledigt sein und können doch auch heute bedrücken. Und da sagt uns dieser alttestamtliche Text so schlicht wie ergreifend: Gott verstößt nicht ewig.

70 Jahre nach der Katastrophe von 586 durften die verschleppten Männer und Frauen mit ihren Kindern zurückkehren und haben Jerusalem und den Tempel wiederaufgebaut. Ob der Verfasser dieses Klagelieds das noch erlebt hat? Möglicherweise nicht. Aber seine Hoffnung hat sich erfüllt.

Dr. Anja Lebkücher ist Studierendenpfarrerin der ­Evangelischen Studierendengemeinde Landau (ESG).

Gebet

Guter Gott, gerade im Angesicht von Zerstörung möchten wir gern auf deine Hilfe hoffen. Und fragen uns gleichzeitig, ob das überhaupt realistisch ist. Lass uns Hoffnung schöpfen, auch gegen den Augenschein. Lass uns das Unsere tun und überrasche uns mit deiner Hilfe. Amen.

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Alle Morgen neu: Tautropfen auf einer Wiese. Foto: Pixabay
Alle Morgen neu: Tautropfen auf einer Wiese. Foto: Pixabay

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