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Vom volksnahen Hoffnungsträger zur Reizfigur

Papst Franziskus belässt den umstrittenen Kölner Erzbischof Woelki im Amt – Mehrmonatige Auszeit

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki verkörpert wie kaum ein anderer Kleriker das Imageproblem der katholischen Kirche. Auch wenn der Kardinal nach einer mehrmonatigen Auszeit weiterhin das größte deutsche Bistum mit knapp 1,9 Millionen Katholiken führen darf: Die Amtszeit des 65-Jährigen bleibt überschattet von seinem umstrittenen Umgang mit dem Missbrauchsskandal, der das Vertrauen des Kirchenvolkes nachhaltig erschüttert hat. Nach massiver Kritik selbst innerhalb der katholischen Kirche stimmen viele Mitglieder seit geraumer Zeit mit den Füßen ab: Die Termine für einen Kirchenaustritt im Amtsgericht Köln sind für die nächsten zwei Monate ausgebucht.

Bei Amtsbeginn vor sieben Jahren galt Woelki, dem der Ruf eines bescheidenen und volksnahen Seelsorgers vorauseilte, dem liberalen rheinischen Katholizismus noch als Hoffnungsträger. Viele Gläubige hofften auf mehr Toleranz und Offenheit als unter seinem erzkonservativen Vorgänger und einstigen Ziehvater Joachim Meisner (1933 bis 2017), der das Bistum 25 Jahre lang prägte. Woelki, einst Geheimsekretär Meisners und sieben Jahre im innersten Zirkel des Kölner Generalvikariats, kündigte bei seiner Einführung als 95. Erzbischof von Köln zudem selbst an, er wolle „ein Bischof für alle“ sein: „Ich bin einer von Ihnen.“

Genährt wurden die Hoffnungen in den aus einfach Verhältnissen stammenden Theologen, der am 18. August 1956 in Köln geboren wurde, auch durch sein Auftreten als Berliner Erzbischof in den Jahren 2011 bis 2014: Er suchte das Gespräch mit Homosexuellen, berief Frauen in Leitungsfunktionen und wohnte im Arbeiterbezirk Wedding. Woelki erkenne „die Wirklichkeit der Kirche in den Armen und Schwachen am Rande der Gesellschaft“, lobte der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx.

Auch in der Kölner Diözese, in der er ab 2003 bereits als Weihbischof tätig war, engagiert sich Woelki in sozialen Fragen und macht sich für die Belange von Flüchtlingen stark. Angesichts des Missbrauchsskandals gab er 2018 eine Untersuchung zum Umgang von Bistumsverantwortlichen mit sexualisierter Gewalt an Kindern in Auftrag. Doch die angekündigte Veröffentlichung des Gutachtens einer Münchner Kanzlei wurde wegen rechtlicher Bedenken und „methodischer Mängel“ verschoben und im Oktober 2020 ganz abgesagt. Stattdessen sollte der Kölner Strafrechtler Björn Gercke eine neue Expertise erstellen.

Das Vorgehen beschleunigte den Vertrauensverlust, selbst katholische Laienverbände und Würdenträger gingen öffentlich auf Distanz zu Woelki, der mit Vertuschungsvorwürfen und Rücktrittsforderungen konfrontiert wurde. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, nannte die schleppende Missbrauchsaufklärung ein „Desaster“ und das Krisenmanagement schlecht. Für den Diözesanrat, die Laienvertretung im Erzbistum, hatte Woelki „als moralische Instanz versagt“.

Woelki räumt zwar Fehler ein, sieht aber keine persönlichen Vergehen. Bestätigt sieht er sich durch das im März veröffentlichte Gercke-Gutachten, das seine Amtsvorgänger Meisner und Joseph Höffner, aber nicht ihn selbst belastet. Auch als Kardinal Marx im Juni seinen Rücktritt anbot, um Mitverantwortung für die Missbrauchs-“Katastrophe“ zu übernehmen, klebte Woelki weiter an seinem Bischofsstuhl und kündigte an, er wolle selbst die Aufklärung und Veränderungen vorantreiben.

Angesichts der Entwicklung ordnete Papst Franziskus eine offizielle Überprüfung an und schickte im Juni zwei Visitatoren ins Erzbistum. Ergebnis der Visitation ist der Verbleib Woelkis, der aber eine mehrmonatige Auszeit nehmen will.

Eine Reizfigur ist Woelki nicht nur für Missbrauchsopfer: Reichlich Gegenwind erhält der Dogmen-treue Kardinal, der in Lehrfragen stets kompromisslos konservativ blieb, auch von Reformbewegungen wie Maria 2.0, die für mehr Demokratie und Gleichberechtigung in der katholischen Kirche streiten. Eine Ordination von Frauen oder die Segnung homosexueller Paare sind für ihn unvorstellbar. Den Reformdialog „Synodaler Weg“, der sich mit der Rolle der Frau, Sexualethik, Machtmissbrauch und Gewaltenteilung befasst, kanzelte er nach der ersten Versammlung als „quasi protestantisches Kirchenparlament“ ab, seine schlimmsten Befürchtungen seien wahr geworden.

Ins konservative Profil passt, dass der 1985 zum Priester geweihte und 2012 ins Kardinalskollegium aufgenommene Woelki an der römischen Kreuz-Christi-Universität promovierte, die der erzkonservativen Gruppe Opus Dei zugerechnet wird. Auch in der Ökumene tritt Woelki eher als Bremser auf. So beteiligt sich das Kölner Bistum als einziges in Nordrhein-Westfalen nicht am konfessionell-kooperativen Religionsunterricht von Protestanten und Katholiken. Ingo Lehnick

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Hält nichts vom Reformprozess „Synodaler Weg“: Kardinal Rainer Maria Woelki. Foto: epd
Hält nichts vom Reformprozess „Synodaler Weg“: Kardinal Rainer Maria Woelki. Foto: epd

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