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Vom Himmel gefallen

Andacht zum Sonntag Trinitatis

von Pfarrer Uwe Laux

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen“ (Jesaja 40, 13)? Oder „wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste“ (Hiob 41, 3)? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Römer 11, (32) 33–36

Ein normaler Moment am Sandkasten: Kürzlich saß ich auf der Bank auf dem Spielplatz und beobachtete, wie mein Enkel im Sandkasten spielte. Knapp zwei Jahre ist der Kleine. Er fuhrwerkte mit seinem gelben Plastikeimerchen, einer roten Schaufel und mehreren Förmchen, die er zum Teil als Wasserdepot nutzte. Er war ganz in seine Welt versunken. Er mischte Sand von verschiedenen Sandhäufchen mit Wasser aus den einzelnen Förmchen. Und kommentierte seine Aktion mit der Sprache eines Zweijährigen. Einmal war es Kuchenteig, den er mischte, dann verwandelte sich die ganze Szenerie in eine Baustelle, und der Eimer wurde zur Betonmischmaschine. Dann war es wieder was anderes, was ich nicht verstehen konnte, weil der Kleine wohl gerade seine ganz eigene Sprache erfand. Dann wurde plötzlich Waffelteig gemischt, diesmal mit Milch und Zucker.

Dann fehlen mir die Worte: Während ich das Schauspiel bewundere, das mir mein Enkelchen präsentiert, läuft in mir ein Erinnerungsfilm ab: Vor zweieinhalb Jahren war der „Knopf“ noch gar nicht da! Da war noch nichts! Und als der dann ganz frisch auf der Welt war, da konnte der noch nichts außer schlafen, essen und schreien. Dann kam das erste Lächeln, dann der erste Blickkontakt, das erste Greifen und so weiter. Und jetzt fuhrwerkt der hier geschäftig im Sandkasten rum und erzählt eine Geschichte nach der anderen. Und plötzlich steht er rotbackig strahlend vor mir, hält mir seine Kindergießkanne hin und sagt: „Opa, Wassa hole!“ Und als ich ihm die gefüllte Kanne hinstellen will, weist er mir einen Platz im Sandkasten zu und reicht mir seine Schaufel mit der Kurzanweisung: „Opa auch Bedomische!“ Dann sitzen wir beide im Sand und mischen wechselweise Beton, Rührteig und das „andere“, von dem ich nicht weiß, was es ist. Was für ein unglaublich ergreifendes Gefühl! Mir fehlen die Worte für das, was ich gerade empfinde.

Eine Träne aus der Tiefe: Da berührt mich etwas ganz tief in meinem Herzen. Und jedes Wort, das ich dafür erwäge, bleibt weit hinter dem, was ich in diesem einen Moment fühle. Alle Worte bleiben an der Oberfläche. Statt der Worte füllt eine Träne der Rührung mein Auge. Diese steigt aus der Tiefe empor. Und als die Träne dann in den Sand fällt, merke ich, dass das die rechte Sprache ist.

Wollte ich diese fallende Träne in Worte übersetzen, dann könnte ich mich dem Staunen des Paulus anschließen: „Oh Tiefe des Reichtums!“ Ja, so fühlt es sich an „Tiefe des Reichtums“! Dieses „Wort“ zeigt in die Richtung, wo das Gefühl herkommt. Aber die flüssige Träne, die im trockenen Sand landet, bringt es gleichsam auf den Punkt.

Tiefe des Reichtums: Welche wunderbaren Mächte fließen da? Welche guten allumgreifenden Energien wirken da, dass ich, ein Opa von fast 60, mit meinem Enkel diese wunderbare Verbindung erleben darf? „Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ Welche wunderbaren Mächte durchdringen diese Welt, dass da, wo vor zweieinhalb Jahren nichts war, jetzt dieses geliebte und liebende Geschöpf seinen Opa anstrahlt, ihn Wasser holen schickt, mit ihm lacht, mit ihm Beton mischt und Kuchenteig rührt und Faxen mit ihm macht. Ich beginne, dieses Wunder-Gefühl, das sich zu dieser Träne formiert, in die Worte des Paulus zurückzuübersetzen.

Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge: Welche großartigen und guten Mächte durchweben dieses unendliche Universum, dass mir so etwas Wunderbares geschenkt wird? Solche Wunder kann kein Mensch ersinnen! „Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ Was sich da im Sandkasten ereignet, das kann man nur empfangen! Nichts, rein gar nichts gibt es da hinzuzufügen. „Wer hat ihm etwas zuvor gegeben?“ Da kann ich mich nur dankbar und pur empfangend einfügen. Es ist perfekt! Was da gerade geschieht, das ist vom Himmel gefallen! Ein Geschenk des Himmels! Und bei jeder weiteren Träne, die aus meiner Tiefenrührung in den trockenen Sand fällt, höre ich in meinem Herzen die Worte „Vom Himmel gefallen“: „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“

Dr. Uwe Laux ist Seelsorger in ­Hochstadt und im Dekanat Landau.

Gebet

Innehalten möchte ich … in dem Moment, der sich anfühlt, als sei er vom Himmel gefallen. Auskosten möchte ich … den Augenblick, der so schmeckt, als wolle mich die Welt umarmen. Ausrufen möchte ich …können mit einem dankbaren Atemzug: „O welch eine Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!“ Amen.

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Anrührend: Spielendes Kind im Sandkasten. Foto: pixabay
Anrührend: Spielendes Kind im Sandkasten. Foto: pixabay

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