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Verweis auf Brüchigkeit menschlicher Pläne

Es wird nicht so weitergehen wie zuvor: Die Coronavirus-Pandemie und ihre Folgen für das kirchliche Leben • von Christian Schad

In diesem Sommer, da die Impfraten steigen – und Straßencafés wieder offen und Konzertbesuche wieder möglich sind, da wir uns nach Monaten zur ersten Chorprobe aufmachen und Urlaubsreisen planen, da ertappe ich mich in dem Wunsch, es möge alles genau so und da weitergehen, wo es vor der Pandemie jäh aufgehört hat.

Unbefangen Menschen treffen, Begegnungen genießen, mit vielen anderen in einem Raum zusammen Gottesdienst feiern, aus voller Kehle singen und anschließend beieinander bleiben und erzählen … So, als wachten wir auf aus einem Albtraum und alles sei wie vorher. Gleichzeitig gehe ich mit wachen Sinnen durch die wiederbelebten Straßen und sehe: Längst nicht jeder Buchladen hat wieder offen, sondern ist für immer zu. Längst nicht jeder Chor wird sich – wie zuvor – zum Proben treffen. Und auch manches Theater bleibt geschlossen. Nicht zu vergessen die Menschen in unserem Land und weltweit, die nie wieder ein Buch lesen, nie wieder singen, nie mehr Freundinnen und Freunde treffen werden, weil das Virus sie ihr Leben gekostet hat. Und viele von ihnen waren auf ihrem allerletzten Weg allein.

Nein, wir werden angesichts der Erfahrungen der letzten Monate nicht wieder vergessen, dass wir verletzliche, verwundbare Wesen sind. Gegenläufig zu dem verbreiteten Anliegen, die Autonomie zur Bestimmung des Menschseins ins Zentrum zu rücken, verweist uns das Coronavirus auf die Endlichkeit und Brüchigkeit aller menschlichen Pläne und Sicherheiten. „So viel Wissen über unser Nichtwissen und den Zwang, unter Unsicherheit handeln zu müssen, gab es noch nie“, resümiert der Philosoph Jürgen Habermas. Wir, die wir „wenig niedriger gemacht sind als Gott“ (Psalm 8, 6), sind doch zuerst und zumeist „Staub, der atmet“ (1. Mose 2, 7).

Und wenn ich vorausschaue? Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Pandemie im kommenden Herbst und Winter zurückschlägt, da die Delta-Variante auch in unserem Land weiter um sich greift. Spätestens hier entpuppt sich der Wunsch, es möge wieder werden wie zuvor, als Illusion. Das wird es nämlich nicht! Diese Einsicht schmerzt. Aber es ist wohl notwendig, aufmerksam, vorbehaltlos und mutig in den Blick zu nehmen, wie es anders weitergehen kann und soll – und was nicht weitergehen darf wie bisher.

Die Kultur unserer Gottesdienste etwa hat eine historische Zäsur und tiefgreifende Veränderungen erfahren. Dass im letzten Jahr von einem Sonntag auf den anderen sämtliche analogen Gottesdienste ausfielen, war ein so noch nie dagewesener Vorgang. Seinen sachlichen Grund hatte er in dem vorübergehenden, medizinisch gebotenen Kontakt- und Versammlungsverbot: zum eigenen und zum Schutz des Nächsten. Gottes- und Nächstenliebe, sie gehören eben zusammen! Was wir durch diese Veränderungen hinzugewonnen und was wir womöglich verloren haben, ist derzeit noch kaum zu übersehen. Vielerorts sind in der Krise neue, vor allem digitale Formate entstanden, die bis dahin unmöglich schienen.

Zugleich wurde und wird bei vielen die Sehnsucht wach, sich zum Gottesdienst wieder hinauszubewegen aus den eigenen vier Wänden und gezielt einen anderen Raum aufzusuchen, um in der Kirche mit anderen zusammen Gottes Nähe zu feiern und auf Worte zu hören, die wir uns selber nicht sagen können. Unsere Gottesdienstkultur wird nach der Pandemie nicht wieder dieselbe sein wie zuvor. Auf die neu entdeckten digitalen Formate werden wir künftig nicht mehr verzichten. Hier schalten sich Menschen dazu – auch aus der Ferne – und gestalten mit, die bisher nicht nur nicht da waren, sondern gar nicht dabei sein konnten.

Und doch bleibt die Kirche als „Leib Christi“ auch „Körperkirche“, die Menschen leibhaftig verbindet und miteinander in Austausch bringt. Vielleicht haben wir durch die Pandemie neu entdeckt, welche Bedeutung die Leiblichkeit für unser alltägliches Leben hat. So werbe ich dafür, die Dimension der leiblichen Unmittelbarkeit zu stärken – nicht gegen den digitalen Wandel, sondern in Ergänzung dazu; und im Interesse menschlicher Ganzheit, die aus Leib und Seele besteht.

Die Pandemie hat auch eine Zäsur in der Wahrnehmung des öffentlichen Gebets mit sich gebracht. Wann ist das letzte Mal so laut, so öffentlich, so nachhaltig hörbar und so ökumenisch, weil durch gemeinsames Glockenläuten zu verabredeten Zeiten bekannt gemacht, gebetet worden?

Hier standen nicht beredte Deutungen und vollmundige Erklärungen im Mittelpunkt, sondern die Hinwendung zu Gott, das Aushalten der offenen Fragen, das Schweigen und Sich-Öffnen, das Hoffen auf eine tragende Antwort. Öffentliche, stellvertretende Fürbitte für Einzelne und die Gemeinschaft insgesamt: nicht als quasi-magische Krankheitsbekämpfung, sondern als Bitte um Gottes Begleitung in den existenziellen Fragen des Lebens.

Und so werbe ich dafür, die schöpferischen Kräfte des Gebets zu stärken und neu ins Bewusstsein zu heben. In den kommenden Monaten nicht nur Zukunftspläne zu schmieden und aufgestaute Aufgaben abzuarbeiten, sondern auch Glaubenserfahrungen miteinander auszutauschen. Erzählen wir einander, was uns während der Zeit der Pandemie getröstet und was uns getragen hat, auch, welche Nöte wir im Rückblick nicht ernst genug genommen haben, auf welchem Auge wir blind und auf welchem Ohr wir taub waren. Und in alledem: wo wir Gott auf die Spur gekommen sind, wodurch unsere Sicht eine neue Perspektive und unsere Hoffnung Nahrung erhalten hat.

Ein Letztes: Dass wir die nicht vergessen, die in den vergangenen Monaten – je an ihrem Ort und mit je ihrer Kraft, mit ihren persönlichen Möglichkeiten und Grenzen – jeweils das Ihre getan haben für das Wohl aller, sei es beruflich, sei es ehrenamtlich. Frauen und Männer in Medizin und Pflege, in den Krankenhäusern, den Senioren- und Behinderteneinrichtungen, aber auch in Kindertagesstätten und Schulen, bei der Polizei und in Rettungsdiensten, vor und hinter den Einkaufstheken, in Vereinen und in der Politik. Sie alle haben dafür gesorgt und sorgen täglich dafür, dass Leib- und Seelsorge, dass Beistand bei den Menschen ist.

Wir werden sie verteidigen gegen plumpe Pöbeleien und selbst ernannte Querdenker, die in diesem Zusammenhang an dunkle Mächte hinter den Medien, hinter den Staaten, hinter allem glauben – und ihre Verschwörungstheorien verbreiten. Und dabei nicht selten unterschiedlichste Formen von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus artikulieren, die sich uns Christen aus der Mitte unseres Glaubens heraus verbieten. Hier klar Position zu beziehen und zugleich Gesprächsräume aufzutun, um einen anderen Blick einzuspielen, das wird auch in Zukunft unsere Aufgabe als öffentliche Kirche sein.

Einen Blick des Evangeliums, der frei macht von Ängsten, Schuldzuweisung und der einfachen Verteilung von Gut und Böse. Und der dazu beitragen kann, dass das Misstrauen und die Furcht vor dem Nächsten, die in den letzten Monaten schleichend in uns eingezogen sind, weichen. Einen Blick also, der stark macht im Füreinander, stark auch im Verzicht. Und der deutlich die beachtet, die allzu schnell unter die Räder der Pandemie geraten sind: Kinder und sozial Schwache, Menschen auf der Flucht und Ältere, über die plötzlich laut diskutiert wird, ab welchem Alter medizinische Maßnahmen nicht mehr notwendig sind. Und so ist auch die Gegenwart die Zeit der Seelsorge und der Diakonie, die Zeit des stellvertretenden, öffentlichen Gebets und die Zeit des aktiven Eintretens für diese alle.

Dr. h.c. Christian Schad war von 2008 bis Februar 2021 Präsident der Evangelischen Kirche der Pfalz. Seit März ist er im Ehrenamt Präsident des Evangelischen Bundes.

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Corona hat die Gottesdienstkultur tiefgreifend verändert: Und doch bleibt Kirche als „Leib Christi“ auch „Körperkirche“. Foto: epd
Corona hat die Gottesdienstkultur tiefgreifend verändert: Und doch bleibt Kirche als „Leib Christi“ auch „Körperkirche“. Foto: epd

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