Andacht

Und übt Barmherzigkeit

Andacht zum 1. Sonntag nach Epiphanias

von Pfarrer Stefan Fröhlich

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des Glaubens. Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied. Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er. Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Römer 12, 1–8

Ändert euch – verwirklicht die Gaben, die Gott in euer Leben gelegt hat – und übt Barmherzigkeit. Aber langsam: Bleiben wir gedanklich einfach mal bei der ersten Aufgabe. „Ändert euch“, fordert Paulus gut christliche römische Gemeindemitglieder auf. „Kehrt um, werdet …“, höre ich Jesus predigen. „Lasst uns …“, schallt es von der Kanzel. Und ich mag Predigten, die herausfordern. Aber bin ich wirklich bereit, mich bewegen zu lassen? Veränderung zuzulassen?

Ein spannender Film beginnt mit folgendem Selbstgespräch: „Ich habe früher geglaubt, wir können über unser eigenes Leben bestimmen. Wir hätten es im Griff und damit auch unsere Zukunft. Es gibt aber eine Kraft, die mächtiger ist als der freie Wille: unser Unterbewusstsein. Hinter der Fassade steckt immer ein Geheimnis.“ Und ich überlege: Ist das so? Ein äußerer Mensch, für alle sichtbar? Dahinter ein innerer Mensch, der im Unterbewusstsein eine Art Eigenleben führt? Liegt hier die Ursache, warum Neujahrsvorsätze so schnell scheitern?

Mal ehrlich: Wie selten kommt es vor, dass jemand eine unangenehme Charaktereigenschaft dauerhaft ablegt. Auch in der Kirche gibt es treue Jesus-Nachfolger, die nach Jahren dünnhäutig geblieben sind, leicht reizbar oder lieblos in ihrer Art, Kritik zu äußern. Und ich selbst bin eigentlich auch ganz anders; ich komme nur so selten dazu.

Paulus fordert uns Christen auf „ändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes“ und ergänzt „das sage ich durch die Gnade, die mir gegeben ist“. So hat er es selbst erfahren: Veränderung ist ein Geschenk der Gnade. Kein Ergebnis harten Trainings. Kein Erfolg großer Willenskraft.

Die Gnade der Veränderung wurde Paulus auf dem Weg nach Damaskus geschenkt. Aus dem rasenden Christen-Hasser wurde ein leidenschaftlicher Christus-Influencer. Statt ausgestellter Haftbefehle verteilt er Einladungen: „Werde frei! Erlebe Gottes Kraft der Veränderung.“ Und? Wie christlich ist 1900 Jahre später unser Abendland? „Sehen Sie sich diesen Kieselstein an. Können Sie sich vorstellen, wie lange er schon in diesem Brunnen liegt? Aber das Wasser ist nicht in ihn eingedrungen“, sagt Bischof Lamberto im Kultfilm „Der Pate“. Dasselbe passiert den Menschen in Europa: Sie lassen Christus nicht in ihr Herz.

„Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude“, fordert Paulus uns auf. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus – das Jahresmotto für 2021. „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, barmherzigen Geist“, bete ich ähnlich wie David mit den Worten von Psalm 51. Gottes verändernde Kraft verstehe ich nicht so, dass sie einen völlig anderen Menschen aus mir macht. Eher so, dass Gott freisetzt, was er schon lange in mich hineingelegt hat. Wie ein Garten, der durch Pflege Schönheit hervorbringt, statt zu verwildern.

Barmherzigkeit – diese Pflanze darf noch kräftig wachsen in mir. Wenn unbarmherzige Worte ungefiltert aus meinem Mund kommen, will ich nicht bleiben, wie ich bin. Wenn mein Unterbewusstsein mir Sätze in den Mund legen will, die zwar Druck ablassen, aber verletzen, statt zu heilen, bitte ich meinen Gott um das Geschenk der Veränderung. Und Gottes Liebe kann Herzen verändern. Aus eigener Erfahrung weiß ich das. Weil ich Menschen kenne, die sich treu geblieben sind, indem sie sich von Gottes Liebe verändern ließen. Woran erkennt man Jesus-Nachfolger? An der Liebe. Ändert euch – verwirklicht die Gaben, die Gott in euer Leben gelegt hat – und übt Barmherzigkeit.

Stefan Fröhlich, 54 Jahre alt, ist Pfarrer der Protestantischen Kirchengemeinde Maxdorf.

Gebet

Danke, Gott, dass du mich so liebst, wie ich bin. Und danke, dass du mich viel zu sehr liebst, um mich zu lassen, wie ich bin. Wo mein Herz hart ist, bitte ich dich, Gott, um die Gnade der Veränderung. Gib mir einen neuen, barmherzigen Geist. Amen.