Kommentar

Triebkraft ist das Streben nach Gewinn

von Wolfgang Weissgerber

„Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten“, stellte schon Kurt Tucholsky vor fast 100 Jahren recht sarkastisch fest. Wie sehr sie verflochten ist, das hat uns die Havarie des Container-Giganten „Ever Given“ im Suezkanal drastisch vor Augen geführt. Ein Zwölftel des gesamten Welthandels geht durch dieses Nadelöhr – das klingt zunächst nicht so gewaltig. Doch wenn dort nichts geht, dann geht fast gar nichts mehr.

Nur weil das Megaschiff mit der Ladekapazität von rund 20000 Containern schon nach sechs Tagen wieder flottkam, blieben die Verflechtungen der Weltwirtschaft von größeren Verwerfungen verschont. Doch allein das verspätete Eintreffen von 370 Frachtern am Bestimmungsort dürfte Folgekosten von mehreren Milliarden Euro verursachen. Autos, Fernseher, Computer, Maschinen oder Bauteile für solche und andere Produkte sowie Billigware für Ein-Euro-Läden, jede Menge Textilien und sogar Zutaten für Tiefkühlpizza: Sie kommen aus China auf dem Seeweg über den Indischen Ozean und das Rote Meer durch die ägyptische Wasserstraße und das Mittelmeer in die europäischen Häfen. Auch was sonst so in Südostasien – Korea, Indonesien, Taiwan, Indien, Bangladesch – vom Band oder vom Feld für Europa bestimmt ist, nimmt diesen Weg. Fehlt etwas, stockt die Produktion, bleiben Regale leer.

Handel treibt der Mensch, seit er auf zwei Beinen laufen kann. Der technische Fortschritt hat im Lauf der Jahrtausende eine arbeitsteilige Gesellschaft hervorgebracht, die sich heutzutage weltweit organisiert. Es ist vollkommen egal, was wann wo produziert oder an Rohstoffen gefördert wird – mit dem Schiff gelangt es innerhalb von ein paar Tagen, mit dem Flugzeug in wenigen Stunden auf die andere Seite des Erdballs. Auf den Kontinenten bringen Bahn und Lkw das Gewünschte zeitnah zum Produzenten oder Konsumenten.

Triebkraft all dieser so wundersam ineinandergreifenden Vorgänge ist der Profit. Das Streben nach Gewinn heißt schon die Bibel gut – in Jesu Gleichnis vom Herrn, der seinen Knechten sein Kapital anvertraut mit der Maßgabe, es zu mehren. Die von Max Weber so trefflich beschriebene „Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ haben dieses Grundprinzip weiter vervollkommnet. Doch man muss keineswegs Christ sein, um Geld verdienen zu wollen. Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten, Shintoisten, auch Kommunisten und Atheisten wollen das ebenfalls.

Sie alle produzieren dort, wo es am billigsten ist. Mit der fatalen Folge, dass lästige Umwelt- und Sozialstandards als Kostenfaktoren gelten, die es zu unterlaufen gilt. Fabriken werden dort gebaut, wo Arbeitnehmerrechte und Klimaschutz keine Rolle spielen. Solange sie auch auf den Weltmeeren keine Rolle spielen, sind Transportkosten von Plastiksandalen und Computerchips eine vernachlässigbare Größe. Was zählt, ist der Profit.