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Taufe in ein neues Leben

Andacht zum 6. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Harry Albrecht

Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des ­Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der ­Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Römer 6, 3–8 (9–11)

Paul ist sechs Jahre alt. Ich habe ihm einen Fußschemel mitgebracht. Nachdem er auf ihn gestiegen ist, kann er seinen Kopf bequem über die Taufschale, die auf dem Altar steht, beugen. In seinem Alter muss er nicht mehr über die Taufe gehoben werden. Er kann schon selbst zum Altar gehen. Im Taufgespräch bei ihm zu Hause fragte ich ihn, warum er sich taufen lassen wolle. Er antwortete – etwas schüchtern: „Weil ich zu Jesus gehören möchte.“ Er war mit seinen Eltern zu einer Taufe bei Verwandten eingeladen worden. Da entstand in ihm der Wunsch, auch getauft zu werden. Seinen Wunsch offenbarte er seinen Eltern. Die wiederum griffen zum Telefon und riefen mich an. So nahm die Sache ihren Lauf. Nun steht er auf dem Fußschemel und ich muss an seine Worte denken: „Weil ich zu Jesus gehören möchte.“

Was er damit genau meint, hat er mir nicht verraten. Vielleicht erschließt sich uns ja der volle Sinn der Taufe erst im Laufe unseres Lebens immer mehr. Schließlich handelt es sich um ein Mysterium. Selbst den erwachsenen Christen in Rom, die bereits getauft sind, muss Paulus aufdröseln, was es mit der Taufe auf sich hat. „Wisst ihr nicht …“, leitet er seine Worte ein, ahnend, dass es da noch Erklärungsbedarf gibt. Die Christen in der Hauptstadt des Weltreichs brauchen ein wenig Nachhilfe, nachgeholten Taufunterricht, obwohl sie schon groß waren, als sie getauft wurden. Irgendwie wussten sie zwar schon, dass mit der Taufe etwas Neues beginnt. Aber was eigentlich genau?

159658 Taufen zählte die Evangelische Kirche in Deutschland 2021. Bei wie vielen Taufen die Worte des Apostels aus dem Römerbrief verlesen wurden, ist statistisch nicht erfasst. Ob sie überhaupt verlesen wurden? Mal ehrlich, für die meisten ist die Taufe doch in erster Linie …, ja, was eigentlich? Eine Familienfeier? Ein Segenswunsch für die Zukunft? Oder einfach Tradition?

Paulus geht es klug an. Er greift auf ein Begriffspaar zurück, das die Römer sofort verstanden: Herrschaft und Knechtschaft. Beides war den Römern wohlvertraut. Rom war Weltmacht und zu herrschen gewohnt. Wer freier Bürger war, konnte von Glück reden. Denn 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung Italiens bestand aus Sklaven, wird geschätzt.

Die Gemeinde in Rom steckt noch in den Kinderschuhen. Ja, man ist getauft, aber als Hauptstadtbewohner, der gewohnt ist, für das Maß aller Dinge gehalten zu werden, fällt es einem schwer, sein Leben umzustellen, zumal die neuen, christlichen Lebensideale aus der äußersten Provinz des Reiches kommen. „Wisst ihr nicht …“, fragt daher Paulus, dass aus der Taufe auch ein neuer Lebenswandel folgt? Stellt euch die Taufe wie einen Herrschaftswechsel vor, fordert Paulus die Christen in Rom auf, wie einen „Regime Change“ auf Neudeutsch, eine „commutatio imperii“ in der Sprache der Lateinisch sprechenden Römer! Nicht mehr Tod und Sünde herrschen über euch, sondern Leben und Versöhnung. Stellt euch nicht mehr in den Dienst lebensfeindlicher Mächte! Stellt euch vielmehr dem liebenden Gott zur Verfügung! Lasst euch nicht von der alten zynischen Lebensmoral versklaven, sondern lebt in aller Freiheit für das Gute! Denn ihr gehört zu Jesus, auf dessen Name ihr getauft seid, in diesem und im neuen Leben!

Was der große Paulus den Christen in Rom mit schweren Worten erklärt, davon hat der kleine Paul das Wesentliche längst verstanden und in einfachen Worten zusammengefasst, als ich ihn fragte, warum er sich taufen lassen wolle: „Weil ich zu Jesus gehören möchte.“ Und der Fußschemel tat ein Übriges. Als ich ihn vor Jahren in einem Baumarkt mitnahm, ahnte ich nicht, dass er der Gemeinde einmal liturgische Dienste erweisen und ein Geheimnis der Taufe erschließen helfen würde. Er steht für den besonderen Schritt, den wir aus dem alten Leben herausschreiten und in unser neues Leben hineingehen. Der kleine Paul ging diesen Schritt voller Stolz.

Harry Albrecht ist seit 2015 Pfarrer in Otterberg.

Gebet

Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, auf deinen Namen sind wir getauft. Dein Ja zu uns gilt ewig. Wie brüchig ist dagegen unser Ja! Du vergibst Sünde und Schuld, löst aus falschen Banden, erfüllst unser Herz mit Glaube, schenkst Anteil an der Auferstehung, damit wir in neuem Leben wandeln. Dir sei Dank in Ewigkeit. Amen.

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Taufe: 159658 Taufen zählte die Evangelische Kirche in Deutschland 2021. Foto: pixabay
Taufe: 159658 Taufen zählte die Evangelische Kirche in Deutschland 2021. Foto: pixabay

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