Panorama

Stigma auch nach 75 Jahren

Keiko Ogura und Koko Kondo haben den Atombombenabwurf über Hiroshima überlebt. Das Ereignis prägt ihr Leben bis heute • von Anja Boromandi

Keiko Ogura ist eine zierliche Frau mit Brille und Kurzhaarschnitt. 82 Jahre ist sie alt, doch das sieht man ihr nicht an. Im Friedensmuseum von Hiroshima hat sie schon unzählige Male ihre Geschichte erzählt. Schülern, Erwachsenen, Rentnern. Amerikanern. Touristen aus aller Welt. Immer wieder berichtet sie von dem Ereignis, das ihr Leben veränderte.

Einige Monate vor dem Atombombenabwurf beschloss Keikos Vater, vom Stadtkern wegzuziehen, etwas weiter außerhalb. Eine Entscheidung, die Keiko nicht gefiel. Zum einen, weil sie die Schule wechseln musste. Außerdem liebte sie es, im Geschäftsviertel von Hiroshima, wo heute der Friedenspark ist, spazieren zu gehen. „Dort waren viele Theater, Cafés. Ich war verärgert und protestierte: ,Ich bin kein Landmädchen, ich will nicht in den Reisfeldern wohnen, sondern in der Stadt.‘ Aber mein Vater blieb stur. Er wollte einen eigenen Schutzkeller für uns, weil die öffentlichen nicht schnell genug erreichbar waren. Der Umzug weg aus dem Stadtkern hat uns im Nachhinein das Leben gerettet“, weiß sie heute.

Die Japanerin denkt zurück an den 6. August 1945. Sie war wütend an diesem Morgen. Wütend auf ihren Vater, der sie nicht zur Schule gehen lassen wollte. Nur, weil es die Nacht zuvor zweimal Fliegeralarm gegeben hatte, sollte sie an diesem Morgen zu Hause bleiben. Während all ihre Klassenkameraden zum Unterricht durften. Die Achtjährige verstand die Welt nicht mehr. Trotzig lief sie aus dem Haus, um nach ihren Schulfreunden Ausschau zu halten. Keiko war alleine auf der Straße.

Es war 8.15 Uhr. Der Moment, der die Welt verändern sollte. „Zuerst sah ich einen Blitz. Dann wurde schlagartig alles um mich herum weiß. Ich fiel um, war kurze Zeit bewusstlos. Als ich wieder aufwachte, sah ich eine Scheune neben mir brennen. Es war so dunkel, dass ich dachte, es sei schon Abend.“ Zeitgleich begann es kurz zu regnen. Heute weiß sie: Das war der Fallout, der schwarze radioaktive Regen, den Keiko als Einzige aus der Familie erlebt hat.

Sie erkannte Umrisse von Menschen mit brennenden Kleidern, die fast nackt durch die Straßen rannten. Kaum die Hand vor Augen sehend, tastete sie sich zurück zum Elternhaus, orientierte sich am Schreien des kleinen Bruders. Die Glastüren und Fenster der Wohnung waren zerborsten. Überall lagen Hunderte, Tausende Glassplitter. „Mein erster, natürlich kindlich naiver Gedanke war: Wie schön das aussieht! Alles glitzerte.“ Sie zeigt ein Bild von diesem Augenblick, den japanische Studenten nach ihren Erzählungen gemalt haben. „Meine jüngste Schwester hielt einen Glassplitter in der Hand und hatte sich daran verletzt. Mein kleiner Bruder blutete am Kopf. Aber wir hatten alle überlebt, auch mein Vater.“

Keiko Oguras Elternhaus war 2,4 km von Ground Zero entfernt. Alle Menschen im Umkreis von 500 Metern waren sofort tot, im Radius von 1000 Metern starben 60 Prozent. Schätzungsweise 70000 Einwohner verloren in diesem Moment ihr Leben, an den Folgen starben noch einmal so viele. „Bis zu diesem Tag hatte niemand von uns das Wort Atombombe gehört. Und auch das japanische Militär sagte uns nicht, was das war. Sie haben lange versucht, es zu verheimlichen.“

Das ganze Ausmaß der Zerstörung wurde Keiko erst am nächsten Tag bewusst, als sie von einer Anhöhe auf das Stadtzentrum von Hiroshima hinab sah. Nahezu alles war verschwunden. Ihre alte Grundschule war nicht mehr da. Fast alle ihrer alten Klassenkameraden und früheren Nachbarn gestorben. In der Folge der Katastrophe waren viele Kinder Waisen.

Die Ereignisse der kommenden Stunden und Tage bleiben unauslöschlich in ihrem Gedächtnis. Bilder von brennenden Häusern. Fliehenden Menschen. Flüsse, in denen Tote trieben. Der beißende Geruch von verbrannten Leichen. Keikos stärkste Erinnerung bleibt jedoch die an die Überlebenden. Diese schleppten sich, wer konnte, zu Tempeln, Schreinen und Schulen, viele kamen in ihr Elternhaus. Die Menschen waren wie Zombies. Geister, denen die Haut am Körper runterhing. Sie erinnert sich, wie sie nach Wasser riefen. „Wasser, bitte gib mir Wasser.“ Noch heute stellen Besucher an Denkmälern in Hiroshima im Gedenken an die Toten mit Wasser gefüllte Flaschen auf.

Die Achtjährige wusste damals nicht, dass die Behörden die Bürger von Hiroshima angewiesen hatten, Brandopfern kein Wasser zu geben. Nicht wissend, dass das Flusswasser kontaminiert war, gab sie einigen Verletzten etwas zu trinken. Und musste mitansehen, wie zwei von ihnen direkt vor ihren Augen starben. „Als mein Vater uns Kinder abends, ohne von meiner Aktion zu wissen, ermahnte und fragte: ,Ihr habt doch hoffentlich niemandem Wasser gegeben?‘, habe ich ihn angelogen.“ Seitdem, gesteht Keiko, haben sie viele Jahre Schuldgefühle und Albträume geplagt. „Nur durch meine kindliche Dummheit sind sie gestorben“, warf sie sich lange Zeit vor.

Auch die Fliegerangriffe haben Keiko noch lange Zeit nach Kriegsende seelisch belastet. Ein Trauma, das sie noch 60 Jahre später einholten sollte. Als sie in Washington im Smithsonian Museum als Übersetzerin für Überlebende arbeitete und dort plötzlich ein B29-Flugzeug sah, fing sie an zu weinen. „Medienleute sahen das und fragten mich, warum, und ehe ich mich versah, war ich landesweit in den Abendnachrichten zu sehen.“ Auch ihr eigener Sohn sah sie im Fernsehen. Aber bis heute möchte er nicht darüber sprechen. Freunden gegenüber verschweigt er sogar, dass seine Mutter aus Hiroshima stammt. Bis heute sind die Überlebenden in der japanischen Gesellschaft ein Tabu. Ein Stigma. Sie sind ein Makel, gelten als schwach, und haben – so das Vorurteil – kranke Kinder. Deshalb werden sie lieber totgeschwiegen.

Koko Kondo, die in der Nähe der Stadt Kobe lebt, war am 6. August 1945 gerade einmal acht Monate alt und gilt damit als eine der jüngsten Hiroshima-Überlebenden. Aus ihrer Tasche holt sie das Kleidchen hervor, das sie am Tag des Atombombenabwurfs vor 74 Jahren als Baby trug. „Meine Eltern hatten ihn für mich als Erinnerung aufbewahrt.“ Erst im Alter von 41 Jahren, erzählt sie, habe ihre Mutter berichtet, was genau an dem Morgen geschehen sei. Bis dahin habe sie nie ein Wort darüber verloren, das Thema war tabu, das Trauma zu groß.

Ihre Mutter sei an diesem Vormittag alleine mit ihr daheim gewesen, als die Druckwelle der Atombombe das Haus über beiden zusammenbrechen ließ. „Sie hielt mich im Arm und flehte Gott um Hilfe an: ,Rette meine Tochter.‘ Zeitweise wurde sie bewusstlos und erdrückte mich fast mit ihrem Gewicht, weil sie auf mir lag. Als ich weinte, kam sie wieder zu Bewusstsein.“ Kokos Vater, der Pfarrer einer methodistischen Kirche war, half an diesem Morgen außerhalb der Stadt einem Freund dabei, Sachen aufs Land zu bringen. Das rettete ihm an diesem Tag vermutlich das Leben.

Zu den Kindheitserinnerungen, die Koko am stärksten im Gedächtnis geblieben sind, zählen die Begegnungen mit jungen Mädchen, die zum Gottesdienst in die Kirche ihres Vaters kamen. Bei machen waren die Finger zusammengeschmolzen, andere hatten keine Augenlider mehr oder einen deformierten Mund. Es gab keine Ärzte, keine Medikamente. Das alles machte Koko schon als kleines Mädchen zornig. Und sie schwor Rache. „Mir taten die Mädchen so leid. Eines Tages, sagte ich mir, werde ich den finden, der das gemacht hat und ihn dafür schlagen.“

Diese Gelegenheit sollte am 11. Mai 1955 kommen. Koko war inzwischen zehn Jahre alt, als ihr Vater, der 25 Mädchen in ein Krankenhaus für Gesichtschirurgie nach New York begleitete, vom TV Sender NBC in die Talkshow „This is your life“ eingeladen wurde, um dort auf Robert Lewis zu treffen, den Co-Piloten des Flugzeugs, das die Atombombe über Hiroshima abwarf. Was ihr Vater nicht wusste: Hinter der Bühne verfolgte Koko mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern dieses Treffen, denn der Sender hatte sie heimlich einfliegen lassen, um ihren Vater zu überraschen. „Ich wusste erst gar nicht, wem mein Vater da die Hand schüttelte, doch dann sagte mir meine Mutter, wer der Mann war.“

Instinktiv wollte Koko sich losreißen, auf ihn zustürmen und mit Fäusten auf ihn eintrommeln. „Doch als ich ihn erzählen hörte, wie er nach dem Abwurf der Bombe zurückflog und er, als er sah, dass Hiroshima verschwunden war, in sein Logbuch notierte: ,Oh mein Gott, was haben wir nur getan?‘, als ich die Tränen in seinen Augen sah, änderte dieser Moment mein Leben. Ich war schockiert, weil ich bislang dachte, er sei ein Monster. In diesem Augenblick wusste ich, wenn ich hasse, sollte ich den Krieg hassen, nicht die Menschen.“ Als Lewis nach seinem Auftritt hinter die Bühne kommt, greift Koko automatisch nach seiner Hand, und er nimmt sie. Auch heute noch muss sie weinen, als sie diesen Moment schildert. „Wenn ich diesen Mann nicht getroffen hätte, wäre ich vermutlich mein ganzes Leben verbittert geblieben“, sagt sie und wischt die Tränen mit einem Taschentuch aus dem Gesicht.

Und dazu hätte sie auch allen Grund. Denn im Gegensatz zu ihrer Mutter, die nach ihr noch vier Kinder gebar, konnte Koko nie eigene Kinder bekommen. Wohl als Folge der radioaktiven Strahlung, deren Dosis bei ihr aufgrund des jungen Alters mehr Auswirkungen hatte als bei ihrer Mutter, vermuteten Mediziner. Aber Koko hat auch in diesem Punkt ihren Frieden mit sich gemacht. Sie und ihr Mann adoptierten zwei Mädchen. Die anhaltende Diskriminierung von Menschen aus Hiroshima kann auch sie bestätigen, bis heute würden Freunde von ihr ihre Herkunft leugnen. Sie hingegen geht offen mit ihrem Schicksal um. Ihre Aufgabe sieht die 75-Jährige bis heute in der Friedensarbeit. Sie kämpft für eine atomwaffenfreie Welt.

Passend dazu liest Koko ein Zitat von US-Präsident Barack Obama vor, das aus seiner Rede stammt, die er 2016 bei seinem Besuch in Hiroshima hielt. „Wir hören diese Geschichten der Hibakusha (Überlebenden von Hiroshima, Anmerkung der Redaktion) – wie die von der Frau, die dem US-Piloten vergab, der die Bombe fallen ließ, weil sie verstand, dass das was sie wirklich hasste, der Krieg selbst war.“ Koko lächelt. Denn auch, wenn da nicht explizit ihr Name steht, weiß sie, wer gemeint ist.