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Stets der Reformation bedürftig

Gedanken zum Pfingstfest: Die freie Gnade Gottes bringt frische Luft in die Kirche • von Christian Schad

Am Ende des Johannesevangeliums wird von einem erstaunlichen, leisen Wunder erzählt: Der Lebensatem Jesu selbst schenkt sich den Jüngern, das ist: der Heilige Geist. Nicht weniger also als Christi Sein, der Geist seiner Geschichte, seine beispiellose Person mit allem, was sie für uns war und ist. Atemzüge seiner Barmherzigkeit. Der atmende Gott: „Er hauchte sie an und spricht zu ihnen: ‚Nehmt hin den Heiligen Geist!‘“ (Johannes 20, 22). Indem er dies tut, lässt er sie mit sich zusammen sein, haucht Jesus die Seinen mit sich zusammen: ihre Zeit mit seiner Zeit, ihr Leben mit seinem Leben, ihren Tod mit seinem Tod. Auf diese Weise übergibt er alles an sie, alles, was er war, ist und bis wohin es mit ihm gehen wird.

„Sie wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt“, heißt es entsprechend in der Pfingstgeschichte des Lukas (Apostelgeschichte 2, 4). Göttliche Kraft fließt in menschliche Leiber, besetzt ihre Herzen, befreit von Ängsten und Zwängen, verführt zum Glauben. Indem er sie mit Jesus Christus verbindet, verbindet Gottes Geist sie zugleich untereinander. Er leuchtet, indem er Menschen bestimmt und begeistert, als das Gemeinsame jedem und jeder Einzelnen ein. So fließt die Einheit der Kirche andauernd aus der Vereinigungskraft des einen göttlichen Geistes, der zu Pfingsten die Sprachenverwirrung unter den Menschen beendet hat – und der immer wieder neu die Gedankenverwirrung und Gemeinschaftsverwirrung unter uns zu überwinden vermag.

Dieser je und je sich ereignenden, uns unverfügbar widerfahrenden, mit Jesus Christus und untereinander verbindenden Geistkraft Gottes, dieser Energie, verdankt sich die Formel von der „ecclesia semper reformanda“, der stets zur Erneuerung aufgerufenen Kirche. Was aber besagt dieser gerade in der evangelischen Kirche so häufig zitierte Spruch? Meint er den ewigen Protest gegen etablierte Strukturen, althergebrachte Frömmigkeiten, klassische Denkgewohnheiten und Sprachgestalten? Meint „ecclesia semper refor­manda“ die auf Dauer gestellten Reformbemühungen der kirchenleitenden Organe? Oder bezeichnet dieser Ausdruck gar die Summe der vielen verschiedenen Reformprogramme, die Menschen seit 500 Jahren, nein, seit den Tagen der ersten Christenheit, erdacht und ins Werk gesetzt haben?

Es war der große Theologe des 20. Jahrhunderts, der Dogmatiker Karl Barth (1886 bis 1968), der die Formel „ecclesia semper reformanda“ 1947 erstmals in einem Vortrag geprägt und verwandt hat. Dort schreibt er: Die freie Gnade Gottes „bringt immer wieder frische Luft in die Kirche“. Und „weil sie Gnade ist, wird sie der Kirche auch neue Wege zeigen und eröffnen“. Subjekt der permanenten Reformation ist also die durch den Geist in Wort und Sakrament vermittelte Gnade Gottes. Und Objekt dieses göttlichen Geistgeschehens ist die Kirche.

Damit trifft Barth haargenau Martin Luthers Verständnis von „Reformation“. Auch dieser hält Gott beziehungsweise seinen Geist für ihr alleiniges Subjekt; die Menschen und die Kirche sind lediglich die Adressaten. 1518 schreibt er: „Die Kirche bedarf einer ständigen Reformation, und diese ist nicht das Werk eines einzigen Menschen, des Papstes, noch auch vieler Kardinäle …, sondern Gottes allein. Die Zeit aber, wann solche Reformation geschehen wird, kennt nur der, der die Zeit geschaffen hat.“

Deshalb hat Luther sich selbst nie als „Reformator“ – und „Reformation“ nie als eine von Menschen gewirkte, kirchenverbessernde Handlung verstanden. Vielmehr war er „Vor-Reformator“, der nur, wie einst Johannes der Täufer, auf den kommenden Christus und seinen Geist verwiesen hat. Denn um Gottes Reformation geht es: dass Gott durch seinen Heiligen Geist mit Wort und Sakrament die Wirklichkeit eben dieser Kirche durch die Botschaft von der freien Gnade je und je prägen will und prägt.

Pfingsten ist darum kein einmaliges historisches Geschehen damals-dort in Jerusalem, sondern Geistesgegenwart! Ein permanentes Angesprochen- und Überführt- und Angerührt- und Gesandt-Werden. Mit Pfingsten wird der lebendige Christus zum Zeitgenossen aller Menschen. Der Hergang seines Lebens: Was er für uns war, was er für uns gesagt und getan, unterlassen, erlitten und erkämpft hat, wird den Lebensgeschichten aller Menschen synchron. Und umgekehrt wird unser Leben dem seinen gleichzeitig.

Beides gilt: „Ich (Christus) bleibe (kraft des Geistes) in euch, und ihr bleibt in mir“ (Johannes 15, 4–8). Der Hauch des Heiligen Geistes aber, er vermittelt sich in irdischem, menschlichem Atem, in den Worten der Schriftauslegung und der Feier der Sakramente. Unaufhörlich spielen sie uns den Ort zu, an den wir gehören, nämlich an die Seite Jesu und seines Vaters, an die Seite unseres Schöpfers, Erlösers und Vollenders, des wahren Subjekts der ständigen Reformation seiner Kirche.

Alles kirchenverbessernde und kirchenentwickelnde Handeln hat sich folglich in den Dienst dieser besagten Reformation Gottes zu stellen. Konkret heißt das: Unsere Kirche ist dann reformatorisch, wenn sie ernst nimmt, dass in, mit und unter den Worten der Heiligen Schrift der lebendige Christus zu uns sprechen will. Darum wird sie zuerst hörende Kirche sein. Aufmerksam für die unverkürzte Botschaft des Alten und des Neuen Testaments. Dadurch wird sie zugleich aufmerksamer gegenüber den Menschen, die die Bibel besonders in den Blick nimmt: Arme und Flüchtlinge, Frauen und Kinder, in der Gesellschaft Benachteiligte.

Die vernommene biblische Botschaft zu kontextualisieren in unterschiedliche Milieus – und also in vielfach unterschiedlicher Weise auf verschiedene Menschen zuzugehen und sich gleichzeitig immer mehr an der Form der Gemeinschaft zu orientieren, die Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern vorgelebt hat, auch darin zeigt sich eine reformatorische Kirche. Sie versteht Pluralität als Reichtum und Chance. Sie vereint in sich unterschiedliche Glaubens- und Frömmigkeitswelten, insofern es sich bei ihnen um Ausdrucksgestalten der einen Kirche Jesu Christi handelt. Dies begründet auch ihre, die eigenen Grenzen überschreitende, ökumenische Ausrichtung.

Begründungspflichtig ist hier nicht mehr, was die Kirchen zusammenwachsen, sondern was sie noch getrennt sein lässt. Dabei geht es nicht um ein gedankenloses Abschleifen von Identitäten, sondern um die nüchterne Erkenntnis, dass auch anderswo als in der eigenen Konfession der Heilige Geist Begabungen schenkt, die dabei helfen, „die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“, wie es die Barmer Theologische Erklärung von 1934 in ihrer sechsten These formuliert hat.

Die freie göttliche Gnade, sie will freie Menschen in einer freien Welt. So fest Gottes Geist uns mit Christus und untereinander verbinden will, so stürmisch und leidenschaftlich seine Lebenskraft auch weht: Sie zwingt uns nicht. Vielmehr bittet Gottes Geist. Bittet an Christi statt: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2. Korinther 5, 20)! Er bittet darum, unsere inneren und äußeren Türen weit zu öffnen, damit der auf uns zukommende Gott auch einziehen, bei uns einkehren kann. Mit welchem Ziel? „Dass wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland, der uns bracht hat zum rechten Vaterland“; auch „dass wir uns von Herzen einander lieben und im Frieden auf einem Sinn bleiben“; und „dass in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis“ (Martin Luther, EG 124).

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Mosaik im Berliner Dom: Die Taube als Symbol des Heiligen Geistes, der an Pfingsten die Jünger Jesu mit Glauben erfüllte, worauf sie anfingen „zu predigen in anderen Sprachen“ – Ursprung der Kirche und Beginn der christlichen Mission in allen Erdteilen. Foto: epd
Mosaik im Berliner Dom: Die Taube als Symbol des Heiligen Geistes, der an Pfingsten die Jünger Jesu mit Glauben erfüllte, worauf sie anfingen „zu predigen in anderen Sprachen“ – Ursprung der Kirche und Beginn der christlichen Mission in allen Erdteilen. Foto: epd

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