Dokumentation

Sexualethische Themen und Corona

Ökumenischer Bericht aus evangelischen Freikirchen - Viele Auseinandersetzungen - von Lothar Triebel

Wie in den Vorjahren prägten auch 2020 sexualethische beziehungsweise genderpolitische Themen viele Vorgänge, ja häufig: Auseinandersetzungen innerhalb verschiedener Freikirchen, national und international. Berichtet wird im Folgenden aber auch über Beitritte zu ökumenischen Zusammenschlüssen, über den Beginn der Halbdekade „Täuferbewegung 2020 bis 2025“, über ökumenische Dialoge und theologische Grundlagentexte sowie, unvermeidbar, über Folgen der Corona-Pandemie.

Neuapostolische Kirche (NAK): Nachdem 2019 in der römisch-katholischen Kirche die Initiative „Maria 2.0“ in Erscheinung getreten ist, wurde im Februar 2020 die Initiative „Junia heute“ gegründet, die sich für den Zugang von Frauen in geistliche Ämter der Neuapostolischen Kirche einsetzt. Auch hier wird also ein gemäß der Prägung der Kirche wichtiger neutestamentlicher Frauenname als Chiffre für die Forderung nach Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche benutzt: Junia ist im Neuen Testament die einzige Frau, der (mutmaßlich) der Titel „Apostel(in)“ zugemessen wird (Römer 16,7).

„Wir sind der Meinung, dass Apostelinnen auch heute einen Platz in der Neuapostolischen Kirche haben sollen“, heißt es auf der professionell gemachten Netzseite der Initiative. Die Diskussion um die Frauenordination innerhalb der NAK läuft seit einiger Zeit, Ergebnisse stehen noch aus.

Auf verschiedensten Ebenen können 2020 weitere Schritte der NAK beziehungsweise einzelner ihrer Gebietskirchen in Richtung Ökumene beobachtet werden. Dazu gehört, dass die NAK nun auch in der regionalen Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Sachsen die Gastmitgliedschaft erreicht hat; damit ist dieser Schritt jetzt in 13 von 14 regionalen ACKs vollzogen.

Das „Corona-Spezifikum“ der NAK ist die besondere Form, in der die Abendmahlsgaben genossen werden. Aus der Not des Ersten Weltkriegs heraus hat sich hier die Tradition herausgebildet, das Abendmahl in beiderlei Gestalt, aber ohne Kelch zu genießen: Jede Oblate ist mit drei Tropfen Wein betupft. So gab es nun während der Pandemie in der NAK anders als in manchen anderen Kirchen keine Diskussionen um Einzel- oder gar Gemeinschaftskelche oder den Komplettverzicht auf Wein. Das hat sich teilweise auch unter Pastorinnen und Pfarrern evangelischer Landes- und Freikirchen herumgesprochen; es kam zu entsprechenden Anfragen bei der NAK und in einzelnen Fällen tatsächlich auch zur Bereitstellung von NAK-Hostien.

Siebenten-Tags-Adventisten (STA): Vor einem Jahr waren weltweit mehrere Gebietskirchen der STA wegen ihrer Haltung zur Frauenordination vom Exekutivausschuss der Weltkirchenleitung verwarnt worden. Im ersten Halbjahr 2020 wurde die Diskussion darüber unter den deutschen Adventisten weitergeführt. Offenkundig will sich die Mehrheit der deutschen Adventisten den Pastorinnendienst nicht von der Weltkirche nehmen lassen.

Die Freikirche arbeitet seit geraumer Zeit auf den verschiedenen Ebenen der ACK im Gaststatus mit. Der ostdeutsche Teil der STA, genauer: die Landeskörperschaften ihrer Berlin-Mitteldeutschen Vereinigung haben im Herbst 2019 in den jeweiligen regionalen ACKs Anträge auf Vollmitgliedschaft gestellt. Die Landes-ACKs Berlin-Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben dies akzeptiert. In Sachsen haben zwei Mitgliedskirchen nicht zugestimmt, so dass es (vorläufig) bei der Gastmitgliedschaft bleibt; der Vorstand der ACK Sachsen will mit den Mitgliedskirchen und der STA weitere Gespräche führen.

Der Leiter des Instituts für Religionsfreiheit an der Theologischen Hochschule der STA in Friedensau, der Jurist Harald Mueller, war Mitte März vermutlich der erste Kirchenrechtler in Deutschland, der prononciert zu coronabedingten Gottesdienstverboten Stellung bezogen hat. Er verwies darauf, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Gottesdienste vom Staat verboten würden. Dass kurz zuvor viele Religionsgemeinschaften von sich aus auf Gottesdienste verzichtet hätten, bezeichnete er als verantwortungsbewusst und wohl ohne Alternative. Mit Verweis auf Artikel 4 des Grundgesetzes meinte er aber, es liege ein qualitativer Unterschied darin, ob die Streichung von Gottesdiensten auf eigener Initiative beruhe oder ob sie vom Staat angeordnet werde. Von daher verwundere es, dass das Verbot von Gottesdiensten quasi mit einem Federstrich verabschiedet wurde. Hier bestehe juristischer Klärungsbedarf.

Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK): Auch in der SELK bleibt das Thema „Frauenordination“ in der Diskussion. Gegner begründen in einem Faltblatt ihr Nein mit Passagen aus dem Neuen Testament. Die Befürworter der Frauenordination sind ebenfalls aktiv, unter anderem mit einer ausführlichen Entgegnung auf das genannte Faltblatt und mit Vortragsveranstaltungen.

In der ökumenischen Diskussion um das Abendmahl im Vorfeld des dritten Ökumenischen Kirchentags haben sich SELK-Altbischof Jobst Schöne und der emeritierte Professor der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel für Systematische Theologie, Werner Klän, klar gegen das Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK) ausgesprochen: „Hier vollzieht sich doch eine erstaunliche Abwertung der Schriftautorität und eine hurtige Preisgabe des katholischen Bekenntnisses zur sakramentalen Wirklichkeit, wie sie Luther im Katechismus formuliert hat [...] Auf lutherische Christen muss deshalb die Studie des ÖAK wie ein Frontalangriff auf ihr Bekenntnis wirken, wie es in den lutherischen Bekenntnisschriften und den Schriften des Reformators zu finden ist. [...] Wohl [...] darf man Überraschung äußern, dass von den protestantischen Vertreterinnen und Vertretern ganz uneingeschränkt gezeigt wurde, wieviel Affinität zur Zwinglischen Lehrmeinung, zur Union und zu Leuenberg bei ihnen vorliegt; und dass sich die römisch-katholischen Vertreterinnen und Vertreter darauf einließen und sich so gründlich von der Lehrtradition ihrer Kirche abwandten.“

Im Zuge kirchlicher „Corona-Aktivitäten“ hat der Bischof der SELK gleichzeitig dezent und deutlich Kritik an bilateraler Ökumene geäußert, die kleinere ökumenische Partner außer Acht lässt. Er bezog sich auf eine Vereinbarung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zum gemeinsamen« Glockenläuten an Palm- und Ostersonntag. Das ökumenische Glockenläuten werde ein „Zeichen der Zuversicht in Zeiten der Corona-Pandemie“ setzen, sagte er. Aber Kirchenglocken haben auch andere christliche Kirchen in Deutschland, zum Beispiel viele orthodoxe, evangelisch-methodistische sowie manche mennonitischen Kirchgebäude und auch diejenigen der SELK. Bischof Voigt empfahl in einem dienstlichen Rundschreiben an die Geistlichen seiner Kirche, „als Zeichen der ökumenischen Verbundenheit und als einen Gebetsaufruf für unser Land“ dieser ökumenischen Aktion zu folgen und „auch die Glocken der Kirchen der SELK“ zu denselben Zeiten zu läuten. Er fügte hinzu: „Ich hätte mich gefreut, wenn diese Verabredung nicht nur bilateral getroffen worden, sondern die Multilateralität der Ökumene berücksichtigt worden wäre.“ Gleichwohl habe er Verständnis dafür, dass in Zeiten besonderer Beanspruchung auch die vermeintlich kürzeren Wege gegangen werden.

Mennoniten und Baptisten: Gemeinsamkeiten von Mennoniten und Baptisten in Deutschland sind weiterhin beim Täufergedenken 2025 und der darauf zulaufenden Halbdekade 2020 bis 2025 zu beobachten. Bei diesem Gedenken arbeiten insbesondere auf mennonitischer Seite nicht nur Vertreter der progressiveren Verbände mit, was nach außen hin aber kaum jemandem auffallen dürfte. Wie vielseitig die konfessionelle Landschaft sogar innerhalb der deutschen Mennoniten und Baptisten tatsächlich ist, wurde in der Öffentlichkeit ansatzweise bewusst, als es im Frühsommer nach manchen Gottesdiensten verschiedener Denominationen zu erheblichen Corona-Infektionen unter Gottesdienstteilnehmern und Angehörigen von solchen gekommen war.

Sowohl Journalisten von Tageszeitungen wie der FAZ als auch Gemeinden und Pastoren machten mit Äußerungen in verschiedenen Medien klar, dass es in Deutschland sehr unterschiedliche baptistische beziehungsweise mennonitische Gemeinden und Gemeindeverbände gibt. Leider geschah das nicht immer mit wünschenswerter konfessionskundlicher Genauigkeit. Im Fall der von Corona betroffenen Mennonitischen Brüdergemeinde Euskirchen erfolgte eine auch ökumenepolitisch fragwürdige Distanzierung durch den Pfarrer der Mennonitengemeinde Krefeld per Leserbrief an die FAZ. Er sprach der Mennonitischen Brüdergemeinde schlicht das Mennonitentum ab, offenkundig, um in der Meinung der Öffentlichkeit nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden, und bezeichnete die Mennonitischen Brüdergemeinden als „eigene Konfession“. Durch seine Wortwahl aber insinuierte er eine baptistische Orientierung der Mennonitischen Brüdergemeinden: Zunächst mit dem Satz „Mennonitische Brüdergemeinden praktizieren die Untertauchtaufe (wie Baptisten)“ und dann mit dem Hinweis darauf, die Mennonitische Brüdergemeinde Euskirchen habe sich „der Bruderschaft der Evangeliumschristen-Baptisten (BECHB) angeschlossen“. Damit erzeugte er bei den nicht genauestens informierten Lesern (also bei fast allen) in Bezug auf die Baptisten genau die Nichtunterscheidung, die er für die von ihm vertretenen Mennoniten zu verhindern trachtete. Auch die Baptisten in Deutschland organisieren sich in sehr unterschiedlichen Verbänden mit wenig Berührungspunkten.

Diese publizistischen Vorgänge waren für den Start des Täufergedenkens nicht hilfreich. Es ist schwer genug, dafür zunächst innerhalb der Baptisten und der Mennoniten, dann innerhalb der Ökumene und erst recht in der Öffentlichkeit Resonanzräume zu schaffen. Wenn in der gleichen Zeit, in der versucht wird, dieses Gedenken und damit diese Denominationen und ihre Anliegen positiv in den Medien zu platzieren, in kirchlicher und weltlicher Öffentlichkeit in der oben beschriebenen Weise die Begriffe „Baptisten“ und „Mennoniten“ auftauchen, ist das wenig hilfreich, ja vielleicht sogar tragisch.

Freie evangelische Gemeinden (FeG): Die erweiterte Bundesleitung des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (BfeG) hat 2020 eine weitere Schrift vorgelegt. Nach dem Grundlagentext „Gottes Wort im Menschenwort. Zum Schriftverständnis in Freien evangelischen Gemeinden“, 2018, und der Orientierungshilfe genannten Schrift „Mit Spannungen umgehen. Zur Homosexualität in Freien evangelischen Gemeinden“, 2019, erschien nun als weiterer Grundlagentext „Das Evangelium Gottes von Jesus Christus. Zum Verständnis des Evangeliums in Freien evangelischen Gemeinden“. Es handelt sich dabei um eine knappe Systematische Theologie. In drei Teilen werden „Grundlagen“, „Thematische Konkretionen“ sowie „Anwendungen und Konsequenzen“ beschrieben. Mit diesem Text wird die Theologisierung des BfeG konsequent fortgesetzt.

Der BfeG hat 2019 den Antrag auf Vollmitgliedschaft in der Bundes-ACK beschlossen und dann auch gestellt. Für Vollmitgliedschaft eines Antragstellers ist Einstimmigkeit aller Mitgliedskirchen notwendig. Nun läuft das übliche Verfahren, dass die einzelnen Mitgliedskirchen ihre Entscheidung treffen und dann dem ACK-Vorstand mitteilen.

Methodisten: Wird es in der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK; englischer Name: United Methodist Church, UMC) zur Spaltung kommen oder nicht? Anfang des Jahres schien die Antwort „ja“; und es schien auch klar, wer sich abspaltet: Der Vorschlag, den eine 16-köpfige Arbeitsgruppe ausgearbeitet hat, sieht vor, dass sich eine konservative Minderheit unter Mitnahme von 25 Millionen US-Dollar von der UMC abspaltet. Die entscheidende Generalkonferenz der EmK (UMC) musste jedoch aus Coronagründen um mehr als ein Jahr auf den nächsten Spätsommer vertagt werden.

Für die EmK in Deutschland scheint es mittlerweile möglich, die drohende Spaltung abzuwenden. Denn die gewonnene Zeit durch die Verschiebung der Entscheidungen auf Weltebene wurde in Deutschland zu intensiven Gesprächen genutzt, um einen Lösungsweg zu entwickeln, der ein Zusammenbleiben der Kirche in Deutschland trotz unterschiedlicher Sichtweisen ermöglichen soll. Der Vorschlag wurde am 6. November veröffentlicht und am 21. November vom Kirchenvorstand der EmK in Deutschland beschlossen.

Zentrale Bestandteile der Lösung sind zum einen ein vorläufiger Eingriff in die Kirchenordnung der EmK, zum anderen die Bildung eines konservativen Bundes innerhalb der EmK: Die „Passagen mit negativen Aussagen zum Thema Homosexualität sowie die dazugehörigen Verbote kirchlicher Handlungen“ in der Kirchenordnung sollen vorläufig außer Kraft gesetzt werden. Damit hätten Gemeinden und Jährliche Konferenzen der EmK in Deutschland die Möglichkeit, sich für die Belange von Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen stärker zu öffnen. Gleichzeitig ist ein „Gemeinschaftsbund“ innerhalb der EmK in Deutschland mit ausdrücklich konservativer Profilierung besonders in Fragen von Sexualität und Ehe vorgesehen.

Diesem Gemeinschaftsbund können sich sowohl einzelne Kirchenglieder als auch Gemeinden oder Bezirke anschließen. Der Bund ist ausdrücklich in die Arbeit der Kirche eingebunden und als solcher bei den Tagungen der Jährlichen Konferenzen in Deutschland sowie der Zentralkonferenz vertreten. Auf diesem Hintergrund würden diese nur für den deutschen Teil der EmK geltenden Ergebnisse international aufmerksam verfolgt, erklärte Bischof Harald Rückert.

Pfarrer Dr. Lothar Triebel ist Referent für Freikirchen am Konfessionskundlichen Institut in Bensheim. Der Beitrag erschien im Materialdienst 6/2020 des Instituts.