Panorama

Schreinern für den letzten Weg

Horst Schiffels hat sich auf Holzurnen spezialisiert • von Susanne Cahn

Sie sind aus Eiche, Erle, Ahorn oder Birke und so individuell, wie der Mensch selbst. Mit seinen Massivholzurnen aus Eifeler Laubholz füllt Horst Schiffels eine Marktlücke. Der Schreinermeister aus Meisburg in der Vulkaneifel bedient inzwischen Kunden von der dänischen Grenze bis nach Österreich und vom Elsass bis nach Berlin.

Urnenbestattungen liegen im Trend. Bundesweit werden nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Bestatter inzwischen rund 70 Prozent der Verstorbenen eingeäschert – und zwar mittlerweile auch in katholischen Gegenden wie Schiffels Heimat, der Eifel. Durch die Wahl einer Feuerbestattung ergeben sich für die Hinterbliebenen neue Möglichkeiten der Beisetzung, etwa in Bestattungswäldern oder nach Wunsch auch anonym. Zudem gelten die kleineren Urnengräber als weniger pflegeintensiv.

Parallel zum Rückgang der Zahl der Sargbestattungen registriert der Schreinermeister in der Bevölkerung eine immer stärkere Besinnung auf die Natur. Und genau hier bringt er den Werkstoff Holz ins Spiel: „Das Holz geht komplett wieder in den Kreislauf der Natur ein“, beschreibt er einen Vorteil der Mas­siv­holz­urnen.

Zwar sind auch schon „Bio-Urnen“ aus Pappmaschee, Maisstärke oder anderen Naturfasern im Angebot von Bestattern. Keramik, Porzellan, Glas, Marmor und Naturstein sind weitere Materialien für die Asche von Verstorbenen. Doch zahlreiche Urnen sind aus Kunststoff und Blech. Schiffels spricht von „Dosen“, teilweise sogar mit allerhand Chemie – für ihn gänzlich unwürdig als letzte Hülle eines geliebten Menschen. „Die meisten Urnen sind zudem Massenware aus Osteuropa“, gibt er zu bedenken.

Mit seiner Urnenmanufaktur begann der 59-Jährige vor etwa fünf Jahren. Anlass war eine Urnenbestattung im Familienkreis. Die verwendete Urne sei in keiner Weise seinen Ansprüchen gerecht geworden, berichtet Schiffels immer noch innerlich bewegt. Der Schreiner, der bis dahin vor allem Möbel und Küchen sowie besondere Treppen gefertigt hatte, war überzeugt: „Es müsste doch auch andere Menschen geben, die ähnliche Ansprüche haben wie ich.“ Daraufhin startete er die handwerkliche Entwicklung der Urnen.

Doch seine ersten Entwürfe „waren alle für den Ofen“, wie er im Gespräch augenzwinkernd verrät. Die Kunden – also die Bestatter – hätten sie einfach nicht angenommen. Daraufhin habe er sich auf eine Rundreise gemacht und sich direkt nach Anforderungen und Wünschen erkundigt. „Ich habe rund 500 Personen befragt“, schätzt Schiffels. Entstanden ist daraus eine Design-Urne mit eigener Handschrift.

Doch bis eine solche Massivholzurne ihren letzten Schliff verpasst bekommt, dauert es. Etwa 40 Stück kann der Meister durchschnittlich pro Monat herstellen. „Das ist keine Massenanfertigung, jede Urne ist ein Unikat“, stellt Schiffels klar. Der Mann mit den grauen Locken, der ein Faible für das historische Kultauto „Ente“ und Rockmusik hat, kann Besuchern sogar zeigen, wo die Bäume für die Urnen gestanden haben. Die Hölzer, die er verarbeitet, sucht er sich in regionalen Sägewerken aus. Seine Werkstatt unterhält er im Ein-Mann-Betrieb. In Zunftweste und charakteristischer Cordhose traditionell gekleidet, sägt, wässert und fräst er das Holz, bürstet, schleift und poliert er seine Werkstücke.

Als Verzierung für seine Massivholzurnen bietet der Schreinermeister rund 20 verschiedene Muster an. Sie seien alle von Frauen entworfen worden, hebt er hervor. Neben gängigen Ornamenten und Intarsien wie Kreuz, Fisch, Engel und Rose kann man unter anderem einen ­Lebensbaum, Sonnenstrahlen, einge­schnitzte Engelsflügel, ein schlichtes Herz oder auch ein Sternsymbol wählen. Auf weiteren Urnen finden sich Taube, Blätter, Himmel oder auch Gipfelkreuz und Schmetterling.

Ferner kreiert Schiffels nach Wunsch Sonderanfertigungen, die das Hobby oder den Beruf der Verstorbenen illustrieren. Da finden sich Noten und Musikinstrumente genauso wie ein Fußballer in Aktion oder ein Hirsch auf Wildeichenholz. Auch den Kölner Dom und eine Pyramide hat er schon auf Kundenwunsch als Urne geschreinert. Spatz, Traktor oder „die letzte Walz“ hat er ebenfalls schon auf Urnen geschnitzt. Und für Paare gibt es eine Doppelurne mit Herz. So sind seine Design-Urnen ebenso einmalig, wie der Mensch selbst.

Dafür sorgen schon die unterschiedlichen Holzarten. Das helle Ahorn, die dunklere Kernbuche, Birke und Wildeiche sind die Lieblingshölzer des Schreiners. Deren natürliche Struktur und Farbgebung wird mit Öl seidig poliert. Einige Modelle werden abgerundet und kommen mit „Taille“ daher. Sie fühlen sich weich und warm, ja ganz lebendig, an. Auch duften die Holzurnen wunderbar nach Wald und Natur. Einige seiner Kreationen seien speziell für Frauen geeignet, findet Schiffels. Die Erle etwa oder die Birke seien Hölzer, die zu Frauen passen. Als „Herrenhölzer“ bezeichnet er hingegen eher die Kernbuche mit ihren dunklen, wolkigen Verfärbungen und die Eiche, „ein Trendsetter“, wie Schiffels weiß. Dass sich die praktischen Holzboxen abseits vom Friedhof auch zweckentfremden lassen – als Aufbewahrungsort für Fremdwährungen, Knöpfe oder Erinnerungen an schöne Momente – stört ihn übrigens nicht.

Den Vertrieb der Holzurnen organisiert Schiffels über Bestatter. Rund 250 zählen aktuell zu seinem Kundenkreis – darunter auch in der Pfalz und Hessen –, berichtet der Tischler. Seine Kreationen präsentiert er regelmäßig auf Bestatter-Fachmessen wie dem „Forum Befa“ unter anderem in Hamburg, Duisburg oder Salzburg. Durch die Corona-Pandemie herrsche derzeit allerdings Flaute. Kontakte seien aktuell eingeschränkt, berichtet er.

Zwar läuft der Holzurnen-Absatz über Bestatter. Doch mitunter erhält Horst Schiffels auch Besuch von Personen, die sich ihre eigene Urne schon zu Lebzeiten aussuchen. Im selbst gebauten Haus in der Birkenstraße stapeln sich rund 50 Urnen aus verschiedenen Hölzern und mit unterschiedlichen Motiven. Auf seiner Internetseite hat er zudem einen „Urnen-Konfigurator“ eingebaut, mit dessen Hilfe individuelle Spezialanfertigungen erstellt werden können.

Die berufliche Konfrontation mit dem Tod lässt den Eifeler Handwerker keineswegs kalt. Mehrere Urnengräber auf dem perfekt gepflegten Friedhof in dem beschaulichen 270-Einwohner-Ort stammen aus seiner Manufaktur. „Gerade wenn es junge Menschen waren, geht mir das persönlich sehr nahe“, versichert Schiffels. Kinderurnen möchte er daher nicht anfertigen. Allerdings hat er einen Kindersarg in Form einer Wiege entworfen, für den er ein Patent besitzt. Der Vertriebsweg hierfür werde derzeit geregelt.

Mit seinen Urnen aus Massivholz hat der Tischler aus Meisburg zwar keine neue Erfindung gemacht. Einige Manufakturen bieten Ähnliches bereits an. Ihn erreichte allerdings ein Angebot von Nachahmern aus Osteuropa, die seine Urnen serienmäßig fertigen wollten. Auf diese Offerte sei er selbstverständlich nicht eingegangen, sagt er.

Zurück zu den Urnen: Zusammengehalten werden sie durch Holzzinken, die zugleich ein dekoratives Element darstellen. Der Klappdeckel wird mit kleinen Holzfedern verschlossen. Wenn der Bestatter die Asche-Kapsel aus dem Krematorium in die Holzurne legt, setzt er zuvor noch etwas Eifeler Heu in die Urne. Schließlich soll die Kapsel weich und bequem liegen. „Viele Hinterbliebenen legen auch noch persönliche Gegenstände mit hinein“, weiß Schiffels und fügt hinzu: „Das ist eben etwas fürs Herz.“

www.eifeler-urnen-manufactur.de