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Prävention als lebenslange Aufgabe für die Kirche

Multiplikatoren zur Entwicklung von Schutzkonzepten gegen Missbrauch geschult – Neue Beauftragte Ivonne Achtermann tritt ihr Amt an

Die Landeskirche hat auf ihrem Weg zur Prävention vor sexuellem Missbrauch einen weiteren Schritt gemacht. Nachdem die Synode im Herbst den Gesetzentwurf zum Schutz vor sexueller Gewalt verabschiedet hatte, ist nun im Martin-Butzer-Haus die Schulung von 20 Multiplikatoren zu Ende gegangen. Anfang Juni hat die neue Missbrauchsbeauftragte der Landeskirche, Ivonne Achtermann, ihren Dienst angetreten.

Achtermann, deren Stelle zunächst auf fünf Jahre befristet ist, soll sicherstellen, dass alle Dienststellen der Landeskirche ein Schutzkonzept vor sexuellem Missbrauch vorlegen. Die jetzt ausgebildeten Multiplikatoren wiederum sollen die Dienststellen befähigen, diese Konzepte zu entwickeln.

Unter den 20 Geschulten seien fast nur Hauptamtliche, sagt Oberkirchenrätin Bettina Wilhelm. Der überwiegende Teil stamme aus der Kindertagesstättenarbeit. Alle Fachberaterinnen vom Diakonischen Werk hätten die Fortbildung besucht, dazu pädagogische Verantwortliche aus den Kindertagesstätten-Zweckverbänden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kindertagesstätten seien bei diesem Thema hochsensibilisiert, sagt Wilhelm. Die größte Gefahr lauere laut Studien in der Familie. Zu dieser hätten Kindertagesstätten über das Kind starken Kontakt. Dazu käme die Sorge vor dem Täter in der Einrichtung. Die Jugendarbeit sei schon recht weit mit Schutzkonzepten, was deren schwächere Beteiligung an der Schulung erklären könne, sagt Wilhelm. So sei das Thema Missbrauch und Prävention in der Regel Teil der Qualifizierung Ehrenamtlicher. Bei vielen Kindertagesstätten sei ein Schutzkonzept Voraussetzung für eine Betriebserlaubnis.

Den Multiplikatoren sei nahegebracht worden, wie sie mit Betroffenen richtig umgehen, die sich öffnen, sagt Achtermannn. Studien belegten, dass fast in jeder größeren Gruppe Missbrauchsopfer zu finden sind. Dazu komme rechtliche Sicherheit, wer welche Stelle wann informieren solle und dürfe.

Zur Prävention sei es sinnvoll, durch eine Einrichtung zu gehen, „und sich die Täterbrille aufzuziehen“, sagt Wilhelm. Dann folge eine Risiko- und eine Potenzialanalyse. Die Offenheit der Einrichtung, mögliche Fehlertoleranz, geeignete Ansprechpartner und bauliche Voraussetzungen spielten hinein. Ein vor neugierigen Blicken versteckter Ort zum Wickeln ist geeignet, die Intimsphäre des Kindes zu schützen – gleichzeitig kann er aber auch potenziellen Tätern Möglichkeiten eröffnen, geben Wilhelm und Achtermann zu bedenken.

Mit Kindern über möglichen Missbrauch – sei es in oder außerhalb der Einrichtung – zu sprechen, sei eine Gratwanderung, sagt Wilhelm. Oft öffneten sich Kinder nur in Andeutungen, „testen die Erwachsenen“. Erzieherinnen und Erzieher müssten Kindern das Gefühl geben, dass sie ihnen glauben. Gleichzeitig dürfe eine andere Bewertung der Situation nie aus dem Hinterkopf verschwinden. Schließlich müssten alle geschützt werden, sagt sie mit Blick auf zu unrecht an den Pranger gestellte Täter. Wilhelm nennt das Beispiel eines Erziehers, der beim Wickeln über seinen Zahnarztbesuch sprach. Die von dem Kindergartenkind gehörten Worte „Aua Loch“ führten zwischenzeitlich zu Verdächtigungen.

„Die Gesellschaft ist hochsensibilisiert“, sagt Wilhelm. Trotzdem hätten die meisten Schulen beispielsweise immer noch keine ausreichenden Schutzkonzepte. Erst seit 2010 komme das Thema mit dem Skandal an der Odenwaldschule nach und nach aus der Tabuzone. „Der Prozess der Prävention ist eine lebenslange Aufgabe. Wir können nicht am Punkt X sagen, jetzt sind wir fertig“, sagt sie zum weiteren Fahrplan der Landeskirche. „Jetzt wird uns erst einmal die Aufarbeitungsstudie der EKD beschäftigen.“ Für Juli sei ein erster Fragebogen angekündigt.

Achtermann, zuletzt beim Jugendamt Landau angestellt, sieht in ihrer neuen Aufgabe große Chancen. „Ich habe gesehen, was Missbrauch anrichtet“, sagt die 47-jährige Presbyterin aus Klingenmünster, die als Schulsozialarbeiterin im Einsatz war. Eine Lehrerin habe sich ihr Jahre nach dem Missbrauch geöffnet. „Das geht einem nach.“ Umso schöner wäre es, wenn sie durch ihre Arbeit „ein paar Seelen retten“ könne. In der Landeskirche wurden in den vergangenen Jahrzehnten vier Fälle sexuellen Missbrauchs angezeigt und aufgearbeitet. Florian Riesterer