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Passionsspiele sollen moderner werden

Zur Halbzeit in Oberammergau rüttelt der Spielleiter Christian Stückl erneut an Traditionen des Dorfs

Zur Halbzeit der 42. Oberammergauer Passionsspiele rüttelt Spielleiter Christian Stückl erneut an den Traditionen des Dorfs. Dass nur Menschen am Spiel mitwirken dürfen, die im Ort geboren sind oder seit 20 Jahren dort leben, hält der Dramaturg für überholt. „Diese Tradition ist eine ganz schreckliche“, sagte Stückl, selbst gebürtiger Oberammergauer, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Diese Regel sei erst 1960 eingeführt worden, um Flüchtlinge und Vertriebene von den Passionsspielen auszuschließen. Heute sei es jungen Menschen nicht mehr vermittelbar, warum sie 20 Jahre auf einen Einsatz warten müssten. Zudem kann sich der 60 Jahre alte Spielleiter künftig eine generelle Begrenzung der Darstellerzahl vorstellen. Wegen der coronabedingten Verschiebung des Stücks um zwei Jahre seien 500 erwachsene Darsteller von insgesamt 2000 Beteiligten abgesprungen, weil sie nicht noch einmal monatelang Urlaub nehmen konnten. Deshalb sei die Bühne nun nicht mehr so überfüllt, erklärte Stückl, der die Spiele zum vierten Mal verantwortet und zahlreiche Modernisierungen durchgesetzt hat.

Die 42. Spielzeit mit ihren 110 Vorstellungen zwischen Mai und Oktober sei von Corona geprägt, sagte Stückl. In den vergangenen Wochen habe es viele Corona-Fälle bei den Darstellern gegeben, in der Spitze bis zu 20 am Tag. Deshalb mussten manche Rollen kurzfristig umbesetzt werden.

Walter Rutz, Geschäftsführer der Passionsspiele, äußerte sich zu den Besucherzahlen zufrieden: „Aktuell liegen wir bei einer Auslastung von 85 Prozent“, sagte er dem epd. Angesichts der schwierigen Ausgangssituation mit Pandemie und Ukraine-Krieg übertreffe das seine Erwartungen. Zugleich könne man bis zur letzten Aufführung noch Karten in allen Kategorien anbieten.

Die diesjährige Saison dauert noch bis 2. Oktober. Das weltberühmte Laienspiel mit Hunderttausenden Besuchern aus aller Welt geht zurück auf ein Gelübde aus dem Jahr 1633. Als vor fast 400 Jahren die Pest in vielen Teilen Europas wütete, machte sie auch vor dem oberbayerischen Dorf Oberammergau nicht halt. Seine Bewohner gelobten damals, in jedem zehnten Jahr das Leiden und Sterben Christi aufzuführen, wenn nur niemand mehr an der Pest sterben sollte. Das Dorf wurde erhört, und so spielten die Oberammergauer 1634 das erste Passionsspiel.

Zufrieden mit dem Verlauf in diesem Jahr sind auch die Kirchen am Ort, die ein Begleitprogramm zur Passion anbieten. Pro Woche finden in der katholischen Kirche St. Peter und Paul 14 Heilige Messen statt, die evangelische Kreuzkirche feiert jeden Morgen Abendmahl und lädt an den Spieltagen mittags zur Orgelandacht ein. In den dreistündigen Spielpausen am Nachmittag kämen zum Teil weit über 50 Theaterbesucherinnen und -besucher in den Gemeindesaal der Protestanten, um bei Tee und Kaffee über ihre Fragen zum Stück zu sprechen. „Die Menschen sind berührt von der Aktualität der Passion und wie nahe uns das Geschehen mit Krieg und Pandemie gerade ist“, sagte der evangelische Ortspfarrer Peter Sachi. epd

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110 Mal wird in dieser Spielzeit gekreuzigt: In Zukunft soll es weniger Massenszenen geben. Foto: epd
110 Mal wird in dieser Spielzeit gekreuzigt: In Zukunft soll es weniger Massenszenen geben. Foto: epd

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