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Papst soll gegen Kardinal Müller vorgehen

Katholiken schreiben offenen Brief wegen umstrittener Corona-Äußerungen des emeritierten Bischofs

In einem offenen Brief haben zahlreiche deutsche und österreichische Katholiken kurz vor Weihnachten an Papst Franziskus appelliert, Maßnahmen gegen Kardinal Gerhard Ludwig Müller zu ergreifen. Der emeritierte Bischof von Regensburg und ehemalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre habe in jüngerer Zeit mehrfach durch Äußerungen Aufsehen erregt, die sowohl in der Öffentlichkeit als auch von Fachleuten als Verschwörungsmythen und tendenziell antisemitisch wahrgenommen worden seien, heißt es in einer Mitteilung der katholischen Laienbewegung „Wir sind Kirche“.

Müller hatte in einem Video-Interview mit dem katholisch-konservativen „St. Bonifatius Institut“ aus Österreich die Auffassung vertreten, dass die Corona-Pandemie dafür genutzt werde, um „die Menschen jetzt gleichzuschalten“ und einer „totalen Kontrolle“ zu unterziehen. Außerdem sprach Müller davon, dass hinter den Maßnahmen gegen die Pandemie eine finanzkräftige Elite stecke. „Leute, die auf dem Thron ihres Reichtums sitzen“, sehen laut Müller „eine Chance jetzt, um ihre Agenda durchzusetzen“. In diesem Zusammenhang erwähnte Müller in dem Interview explizit den amerikanisch-jüdischen Investor George Soros.

Auf die massive Kritik, die in den Medien daraufhin zum Ausdruck gebracht wurde, habe der Kardinal seine Äußerungen keineswegs korrigiert oder gar zurückgenommen, sondern sie, ganz im Gegenteil, noch bekräftigt und zum Teil sogar verschärft, heißt es in dem Schreiben an den Papst. Innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche hätten diese Äußerungen für erhebliche Irritationen gesorgt. Von einem Kardinal sei zu erwarten, sich an seriösen wissenschaftlichen Fakten zu orientieren und alles zu tun, um Spaltungen in Gesellschaft und Kirche zu vermeiden. „Doch Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat mit seinen Aussagen der katholischen Kirche erneut schweren Schaden zugefügt.“

Die Unterzeichner des offenen Briefs appellierten daher eindringlich an Papst Franziskus, dafür Sorge zu tragen, dass dem unverantwortlichen Treiben von Kardinal Gerhard Ludwig Müller umgehend Einhalt geboten werde, heißt es in der Mitteilung. „Wir halten es für nicht vertretbar, dass eine Person, die Verschwörungsmythen verbreitet und sich antisemitischer Chiffren bedient, als Richter am Obersten Gerichtshof der Apostolischen Signatur amtiert und als Mitglied des Kardinalskollegiums zum Kreis der potentiellen Papstwähler zählt“, heißt es in dem Schreiben. „Gerade an Weihnachten und aufgrund unserer deutschen Geschichte sollten wir Katholikinnen und Katholiken der Weltgemeinschaft keine antisemitischen Äußerungen mehr dulden.“

Kritik an Müller kam auch vom Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. „Kardinal Müller hat mit seiner Äußerung klar antisemitische Chiffren bedient. Das war vor allem angesichts der derzeit aufgeheizten Stimmung verantwortungslos und nicht akzeptabel“, sagte Schuster der Internetseite katholisch.de. Gerade die Kirche solle in dieser Lage befriedend wirken.

Der Kardinal habe „absurde, antisemitische Verschwörungsmythen verbreitet, die schädlich für unsere Gesellschaft sind und bestehende Probleme nur verstärken“, sagte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Der frühere Bundestagspräsident und Katholik Wolfgang Thierse (SPD) sagte im „Deutschlandfunk“, die Äußerungen Müllers machten ihn wütend und seien die „abseitige Meinung eines abseitigen Kardinals“.

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hat sich zu den Äußerungen Kardinal Ludwig Müllers lediglich auf Twitter geäußert, indem dort der DBK-Sprecher mit den Worten zitiert wird: „Man wundert sich sehr über diese Theorien! Kardinal Müller spricht hier – davon gehe ich aus – als Privatperson.“ koc

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Wurde 2014 von Papst Franziskus in den Kardinalsrang erhoben: Gerhard Ludwig Müller. Foto: epd
Wurde 2014 von Papst Franziskus in den Kardinalsrang erhoben: Gerhard Ludwig Müller. Foto: epd

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