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Nichtstun führt zu weiterer Radikalisierung

von Nils Sandrisser

„Querdenken“ rottet sich wieder zusammen. Mittlerweile haben sogar viele Kleinstädte ihre sogenannten Spaziergänge, auf denen Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. Viele von ihnen wollen keine Maske tragen, keinen Abstand halten, sich schon gar nicht impfen lassen – und geben der Regierung die Schuld dafür, dass der Kampf gegen die Pandemie weitergeht. Schwer nachvollziehbar, aber nicht verboten. Inakzeptabel hingegen ist, dass diese Art von Spaziergang zusehends gewalttätiger wird. Das liegt daran, dass Rechtsextremisten ihre Chance wittern und in den vorderen Reihen mitlaufen. Wenn sich die Bürgerlichen also (zu Recht) nicht Nazi nennen lassen müssen, müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie wissen, wer da mit ihnen spazieren geht.

Man müsse mit denen reden, die noch offen für Gespräche sind, heißt es gerne. Nur hat das Reden bislang wenig gebracht. An der Bergstraße haben Vertreter von Kirchengemeinden im vergangenen Winter bei „Querdenken“-Demonstrationen Gesprächsangebote gemacht, darunter der bekannte Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger. Er und seine Mitstreiter brachen den Versuch ab, als die Diskussionen mehr und mehr beleidigend wurden.

Auch der Hamburger Pastor Andreas Baldenius versuchte, mit den Spaziergängern gegenüber seiner Kirche ins Gespräch zu kommen – und erntete eine Flut von Hassnachrichten. Seine Konsequenz: Er feierte einen Gottesdienst vor seiner Kirche.

Es liegt nicht daran, dass die „Querdenker“ dumm wären oder bösartig. Es sind Menschen. Und Menschen suchen beim Zusammensetzen ihres Weltbilds in aller Regel nicht nach Wahrheit oder Logik, sondern nach Konsistenz. Sie neigen dazu, nur das zu glauben, was sie ohnehin schon immer geglaubt haben, ignorieren den Rest oder – wenn er sich nicht ignorieren lässt – erklären sie ihn für falsch, dumm oder zum Teil einer Verschwörung. „Bestätigungsfehler“ nennt das die Psychologie. Das lässt sich nicht ändern, weil man die Menschen nicht grundlegend ändern kann.

Von Überzeugungsversuchen ist also nicht allzu viel zu erwarten. Umso wichtiger ist, dass die Politik den Forderungen der „Querdenken“-Bewegung nicht willfährt – und auch nicht vor lauter Angst vor deren Stärkung im Nichtstun verharrt. Denn die Lernforschung weiß: Menschen wiederholen Verhalten, das für sie Erfolg hat. Gibt man „Querdenken“ nach, fördert man dessen Radikalisierung.

Ein Rechenbeispiel verdeutlicht, was hier auf dem Spiel steht: Wenn Omikron eine Letalität von 0,5 Prozent hätte (was vergleichsweise gering wäre), bedeutet das bei 100000 täglichen Neuinfektionen 500 Tote. Pro Tag. Die Politik sollte einen Blick auf die Mehrheitsverhältnisse werfen. Es sind wenige Zehntausend, die demonstrieren. Aber Hunderttausende, die sich jeden Tag impfen lassen.

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Nils Sandrisser
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