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|   Gastkommentar

Nichts ist gut an der EU-Außengrenze

von Dariusz Bruncz

An der polnisch-weißrussischen Grenze wird derzeit die Flüchtlingskrise von 2015 im kleineren Format aufgeführt, und zwar mit Stacheldraht, ideologischen Hasstiraden zum innenpolitischen Gebrauch sowie teils erschreckenden Debatten. Dabei betreiben Verantwortungsträger und regierungsnahe Medien Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die über Belarus nach Polen kommen.

Der ausgerufene und vor ein paar Tagen verlängerte Notstand in den Grenzgebieten, der auch der lokalen Bevölkerung zu schaffen macht, wird als nötige Brandmauer gegen die illegale Einwanderung stilisiert. Gleichzeitig aber wird der Einsatz von Frontex, der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, nicht willkommen geheißen, anders als in Litauen. Unabhängige Berichterstattung ist wegen des Notstands nicht möglich, und die Öffentlichkeit ist entweder auf Informationsfetzen der NGOs oder das Staatsfernsehen angewiesen. Menschen, darunter auch unterkühlte Kinder, werden in die weißrussischen Grenzwälder zurückgedrängt.

Nichts ist gut an der EU-Außengrenze – die Worte der früheren EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann sind leider auf diese Situation gut anwendbar. Auch die Kirchen in Polen melden sich zu Wort; eigentlich nur zwei. Zuerst mahnte per Twitter der leitende Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche, Jerzy Samiec, ein starker Staat solle keine Angst vor einer Handvoll Menschen haben, die im Grenzgebiet festsitzen. Dann kam noch der Appell des lutherischen Konsistoriums, in dem betont wurde, die christliche Identität des Landes lasse sich weder in kirchlichen Krypten festbetonieren noch auf religiöse Lippenbekenntnisse reduzieren.

Inzwischen sind auch Stimmen aus der römisch-katholischen Mehrheitskirche vernehmbar – sowohl von Laien als auch von Priestern aus dem „Reformflügel“, aber auch seitens einzelner Würdenträger. Mahnungen und zumal auch klare Worte prallen jedoch an den relativ hohen Zustimmungswerten für die Regierungspolitik ab. Im Vorfeld des Weihnachtsfests und der damit verbundenen Dramatik vom Kindlein Jesus, das mit seinen Eltern nach Ägypten flieht, fragen sich manche, wieso kirchliche Wortmeldungen zur Nächstenliebe, ja der Sorge um das geborene Leben, so wenig Zuspruch und Interesse finden.

Womöglich ist die Glaubwürdigkeit der Kirchen unwiederbringlich durch Anbiederungen an die Machthaber verspielt. Vielleicht ist auch die fortschreitende Säkularisierungswelle dafür mitverantwortlich. Sicher ist aber, dass die Debatte über Migration erbarmungslos Defizite im kirchlichen sowie gesellschaftlichen Raum aufdeckt und das Öffentlichkeits-Christentum in Polen immer mehr ins Rituelle und Bedeutungslose abgleitet.

Dariusz Bruncz ist Publizist und freischaffender Journalist in Warschau sowie Chefredakteur der ökumenischen Internetseite ekumenizm.pl.

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Bemerkungen :

  • user
    Werner Simon 15/10/2021 um 22:47
    „Nichts ist gut“ ist böse, typisch Käsmann der Effekt heiligt die Mittel?! Ganz im Gegenteil ist ganz viel gut. Daran lasst uns arbeiten.

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