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Nähe zu den Menschen als kirchliche Kernkompetenz

In Krisen und nach Katastrophen erwarten viele Menschen Hilfe und Trost von der Kirche – Worte der Tradition helfen gegen Sprachlosigkeit

Immer wieder ist zu lesen und zu hören, das Image der Kirchen sei schlecht. Ihre gesellschaftliche Bedeutung nimmt ab, Skandale erschüttern vor allem die katholische Kirche, und viele Menschen treten aus. Doch wenn Krisen oder Katastrophen die Gesellschaft oder einzelne Menschen erschüttern, ist Kirche gefragt.

An vielen Stellen nehme sie wahr, dass Menschen angesichts erschütternder Ereignisse etwas von der Kirche erwarten, sagt Oberkirchenrätin Marianne Wagner. Besonders deutlich geworden sei dies in Kusel nach den Morden an der jungen Polizistin und dem jungen Polizisten. Nach dem Doppelmord habe eine Stimmung aus Angst, Beklommenheit und Wut geherrscht, beschreibt der Kuseler Dekan Lars Stetzenbach die Stimmung. Dabei sei eine klare Erwartung an die Kirche spürbar gewesen: Helft uns, tut etwas!

Die Kirche könne nach Katastrophen, die sprachlos machen, Worte der Tradition anbieten, sagt Stetzenbach. Diese Worte seien im kollektiven Gedächtnis. „Angesichts des Todes sind wir deshalb sprachfähig.“ Krisen machen nach Wagners Worten den Menschen bewusst, dass es Dinge gibt, die mit Technologie, Wissen und anderen üblichen Strategien nicht erfasst oder bewältigt werden können. In diesem Bereich habe die Kirche viele Erfahrungen, da der Glaube sich gerade mit dem beschäftige, was außerhalb der Handhabe der Menschen liege, was unverfügbar sei.

„Wo eigene Worte fehlen, haben wir mit der Bibel, dem Gebet, dem christlichen Liedgut Hilfen, um Leid Ausdruck zu verleihen“, sagt Wagner. Die Kirchengebäude, in denen man alleine oder mit anderen still werden, beten oder hören könne, spielten dabei eine wichtige Rolle. „Ich bin dankbar, dass viele Kirchengemeinden ihre Kirchen öffnen, zum Innehalten, Kerzen anzünden oder der Möglichkeit, ein Gebetsanliegen aufzuschreiben.“ Auch die derzeitigen Friedensgebete seien für viele ein Anker.

Das gelte auch und gerade für junge Menschen, sagt Landesjugendpfarrer Florian Geith. Deren Situation habe sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Sie seien durch den Klimawandel, Corona und den Krieg in der Ukraine mit einer Abfolge von Krisen konfrontiert, die alle nicht bewältigt seien. Das rufe Gefühle von Angst und Ohnmacht hervor. „Der jugendliche Optimismus früherer Zeiten löst sich zunehmend auf und wird von mentaler Überforderung abgelöst.“ Hinzu komme, dass Jugendliche in diesen Krisen kaum gefragt oder gehört würden. Gerade in Corona-Zeiten seien sie vor allem auf ihr Dasein als Schüler reduziert worden. Auch die Kirche habe Fehler bei Jugendlichen gemacht, sagt Geith. Sie habe sich weniger um sie gesorgt als darum, wie Gottesdienste und Beerdigungen stattfinden können.

Dabei könne Kirche für junge Menschen Freiräume schaffen, in denen sie ihr Recht auf Leben, auf Genießen ausleben und tätig werden können, sagt Geith. Die Suche der Jugendlichen nach Halt, Vertrauen und Hoffnung sei eine tiefreligiöse Frage. Dabei könne die kirchliche Jugendarbeit an bestimmten Orten jenseits des klassischen Gottesdiensts oder der Konfirmandenarbeit eine Atmosphäre der Spiritualität schaffen und das Bedürfnis junger Menschen nach Heimat und Sicherheit befriedigen. Es sei falsch, zu denken, dass Jugendliche, nur weil sie nicht in Gottesdienste gingen, kein Interesse an religiösen und spirituellen Fragen hätten.

Aus dem Bedürfnis nach kirchlicher Begleitung in der Krise könne die Kirche viel lernen, sagt Oberkirchenrätin Wagner. „Vielleicht hängen auch die Krisen unserer Kirchen damit zusammen, dass wir an manchen Stellen zu viel selbst geredet und zu wenig zugehört haben.“ Sie setze sich jedenfalls dafür ein, dass die Kirche ihre Ressourcen auch für die eigenen Krisen wiederentdeckt. Das Krisenhafte in der Kirche lasse sich nicht allein auf betriebswirtschaftlichem und strategischem Weg bewältigen: „Wir brauchen das Hören auf Gott, auf die Sehnsüchte von Menschen, das Gebet und eine geistliche Haltung gegenüber dem Krisenhaften.“ Dem stimmt der Kuseler Dekan Stetzenbach zu: „Unsere Kernkompetenz ist die Nähe zu den Menschen. Zum Verwalten einer Organisation brauchen wir keine Theologen.“ Klaus Koch

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Bedürfnis nach kirchlicher Begleitung: Viele Menschen beim Trauergottesdienst für die ermordeten Polizisten in Kusel. Foto: epd
Bedürfnis nach kirchlicher Begleitung: Viele Menschen beim Trauergottesdienst für die ermordeten Polizisten in Kusel. Foto: epd

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