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Nach der Flut traumatisiert

Notfallseelsorger aus der Landeskirche und dem Bistum Speyer sind für Menschen im Ahrtal ansprechbar

Zerstörte Häuser, brauner Schlamm, Berge von Hausrat, darauf Autos oder Wohnwagen. Die Bilder aus dem Ahrtal und der Region um Euskirchen muten schrecklich an, geradezu unwirklich. Unter den zahlreichen Helfern vor Ort sind seit zwei Wochen auch Notfallseelsorger aus der Evangelischen Kirche der Pfalz und dem Bistum Speyer. Sie unterstützen die Menschen im Ahrtal. Allein bis zum vergangenen Freitag erledigten 25 Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger 33 Einsätze, berichtet Pfarrer Karl-Ludwig Hauth. Er koordiniert die Einsätze von der Pfalz aus. 14 Einsatztage mit 19 Seelsorgern organisierte er außerdem über den Förderverein Erweiterter Rettungsdienst mit Sitz in Grünstadt.

Täglich brachen Notfallseelsorger zur Einsatzzentrale am Nürburgring auf und von dort in die betroffenen Gebiete. „Eine solche Situation hat von den Notfallseelsorgern noch niemand erlebt“, sagt Hauth. Und auch die anderen Helfer kennen solche extremen Zerstörungen nicht. Die Kernstadt von Altenahr sei in einigen Bereichen nicht mehr vorhanden, sagt Hauth. Auf einem Friedhof schwammen Särge und Urnen. „Viele werden sicher prägende Eindrücke mitnehmen.“

Treffpunkt der Notfallseelsorger war die Kirche in Altenahr, etwas höher gelegen und deshalb von der Flut verschont. Im Innern füllen Hilfsgüter die Kirchenbänke, Reihe für Reihe sorgfältig beschriftet: Damen, Herren, Kinder. „Ich hatte das Gefühl, die Helfer waren etwas enttäuscht, dass das kaum jemand nutzt“, sagt Hauth. Denn viele Geschäfte jenseits des Tals sind ja nach wie vor unzerstört und offen. „Aber die Spenden geben den Leuten das Gefühl, dass jemand an sie denkt“, betont Hauth die Bedeutung der Aktion.

Die Notfallseelsorger drängten sich nicht auf, waren einfach ansprechbar, zeigten in ihren lila Jacken Präsenz an der Kirche. Das allein schien die Menschen zu entlasten, berichtet Pfarrerin Suse Günther von ihrem Einsatz in Altenahr. Immer wieder hätten Helfer ihr von ihren tagelangen Einsätzen berichtet. Der Leiter des örtlichen Notfallseelsorgeteams, der sich bei ihrer Ankunft zumindest eine kleine Pause gönnte, hätte wahrscheinlich selbst Seelsorge am nötigsten gehabt, schätzt sie.

Der Leiterin der örtlichen Feuerwehr habe es ganz offenbar geholfen, mit ihr zu sprechen, genauso wie einer Notfallseelsorgerin, die eben eine Todesnachricht überbracht hatte, berichtet Günther. Viele Betroffene hätten aber einfach vor allem arbeiten wollen, schildert der Pirmasenser Pfarrer Uwe Beck, ebenfalls in Altenahr im Einsatz. Zeit und Raum für klassische Seelsorgegespräche, wie er es von anderen Einsätzen in einer Krisensituation kenne, habe es so nicht gegeben.

Dass die meisten Betroffenen in den Gebieten seit dem Unwetter pausenlos schufteten, habe zwei Seiten, sagt Hauth. „Die Leute können gegen die Hilflosigkeit anarbeiten.“ Selbstwirksamkeit ermöglichen, heißt dies in der Notfallpsychologie. „Natürlich kann ich dadurch auch ein Trauma gut wegdrücken“, sagt Hauth. Das heiße nicht, dass jeder durch die Katastrophe dieselben seelischen Schäden davontrage.

Hauth hat von einer Familie gehört, die den Abriss ihres Hauses mitansehen musste. Das ganze Ausmaß der Zerstörung werde teils erst nach Tagen erkennbar, manche Hoffnung, noch etwas zu retten, gehe verloren. „Das ist natürlich auch nicht leicht für die Einsatzkräfte, die das Haus abreißen müssen.“ Vor Ort war in diesem Fall ein Notfallseelsorger. Am Ende habe zumindest der eingemauerte Tresor aus dem Schutt geborgen werden können. „Viele Helfer beweisen Fingerspitzengefühl“, sagt Hauth. Eine Familie, die er während des Einsatzes betreut hat, lebt nach der Flucht aus den Fluten ein Stück außerhalb. Sie hofft immer noch, dass das Haus im Tal noch zu retten ist. Zuletzt konnte immerhin der Vater kurz in das Gebäude, um Kuscheltiere für das Kind zu holen, das schwer traumatisiert ist. Nach dem Erlebten reagiert des Kind panisch auf das Geräusch von Wasser, berichtet der Pfarrer.

In den kommenden Wochen, wenn der Moment der akuten Krise vorbei sei, die ersten Helferteams aus ganz Deutschland wieder abreisten, werde sich erst offenbaren, wer das Erlebte auf welche Weise verarbeite, sagt Hauth. Wenn Arbeitgeber Angestellte wieder ins Büro einfordern, der Schulbetrieb wieder aufgenommen wird, zeige sich, wer wie mit der Situation umgehe. „Einige werden Therapeuten aufsuchen müssen, andere werden von Freunden unterstützt.“ Wenn es an irgendeinem Punkt hakt, blieben Traumatisierungen auch länger zurück.

Günther selbst hat keine Angst vor Traumata. „Ich habe einen gewissen Schutz durch meine Rolle als Notfallseelsorgerin.“ Zudem sind die Seelsorger immer in Zweier-Teams unterwegs – zum eigenen Schutz. Der größte Schockmoment sei mit Sicherheit der gewesen, als sie nach Hause kam und alles noch stand. „Meine Straße. Mein Haus. Mein Auto. Unfassbar.“ Was sie ebenfalls vom Einsatz mitnehme, sei der immer noch vorhandene tiefe ­Glaube etlicher Menschen, sagt Günther. „Wir sitzen unter dem Flügel Gottes“, habe eine Bewohnerin gesagt, weil sie das Gefühl hatte, im Schrecken begleitet zu sein. Symbol dafür war die noch stehende Kirche. Dort hat der Pfarrer in der Nacht der Katastrophe die Türen geöffnet – und seitdem nicht geschlossen. Florian Riesterer

Ökumenische Bitte um Spenden

Landeskirche und Bistum Speyer stellen mit ihren Hilfswerken für die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe 80000 Euro Soforthilfe bereit und rufen zu Spenden auf. Mitarbeitende von Caritas und Diakonie seien bei den Menschen und leisteten dringend benötigte Hilfe, teilten das Bistum Speyer und die pfälzische Landeskirche in Speyer mit. Helferinnen und Helfer verteilten Nahrungsmittel, kümmerten sich um Evakuierte und leisteten psychologische Unterstützung.

Auch organisierten die Hilfswerke unbürokratische Hilfe für die Menschen, die nicht ausreichend versichert sind oder die besonders hart von der Katastrophe getroffen wurden.

Am vergangenen Sonntag ist in allen Gemeinden der Landeskirche eine Sonderkollekte für die Opfer der Katastrophe gesammelt worden. „Die fürchterlichen Ereignisse und Bilder der letzten Tage bewegen uns zutiefst. Viele Menschen in unserer Kirche in der Pfalz und Saarpfalz haben das große Bedürfnis zu helfen“, sagte Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst. Von Sachspenden werde abgeraten, die Lagermöglichkeiten sowie der Aufwand zum Sortieren und Verteilen hätten die Kapazitätsgrenzen erreicht. epd

Spendenkonto: Diakonisches Werk Rheinland-Westfalen-Lippe e.V., IBAN: DE79350601901014155020, Stichwort: Hochwasserhilfe.

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Aufräumen nach der Hochwasserkatastrophe: Menschen befreien in Ahrbrück im Ahrtal eine Straße vom Schlamm. Foto: epd
Aufräumen nach der Hochwasserkatastrophe: Menschen befreien in Ahrbrück im Ahrtal eine Straße vom Schlamm. Foto: epd
Spenden: In der Kirche Altenahr. Foto: pv
Spenden: In der Kirche Altenahr. Foto: pv

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