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Mitsprache katholischer Laien soll gestärkt werden

Synodaler Weg beschließt Nachfolgeorgan - Wiesemann bedauert Ablehnung des Textes zur Sexualmoral

Die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Claudia Lücking-Michel sieht in der geplanten Einrichtung eines zentralen synodalen Organs der katholischen Kirche in Deutschland einen wichtigen Reformschritt. Es gehe dabei um eine echte Macht- und Gewaltenteilung innerhalb der katholischen Kirche, wenn Laien, Priester und Bischöfe gemeinsam Entscheidungen für ihre Kirche träfen, sagte die frühere Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Die Synodalversammlung von katholischen Bischöfen und Laien Synodaler Weg hatte sich zum Abschluss ihrer dreitägigen Tagung in Frankfurt am Main dafür ausgesprochen, die Mitspracherechte der katholischen Laien mit einem Synodalen Rat dauerhaft zu stärken. 93 Prozent der Mitglieder der Versammlung stimmten für einen Synodalen Ausschuss, der den Synodalen Rat vorbereiten soll. Unter den Synodalen stimmten auch 88 Prozent der Bischöfe dafür.

Lücking-Michel sieht darin eine „existenzielle Weichenstellung“. „Wir kaufen uns damit Zeit“, sagte sie. Es hätten nicht alle offenen Fragen über die zukünftige Form des Gremiums geklärt werden können. Eckpunkte sollen bis zur fünften und letzten Synodalversammlung im März 2023 vorliegen. Der Synodale Rat könnte dann als eine Art Nachfolgegremium spätestens ab 2026 tagen.

Da es ein gemeinsames Gremium vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken und der Bischofskonferenz sein werde, müsse gut überlegt werden, wie dieser Rat aufgesetzt werde und wo etwa alte Gremienstrukturen ersetzt werden könnten, sagte Lücking-Michel. Alle Vorschläge gingen vom Prinzip der Selbstbindung der Bischöfe aus. Das sei schon in der ersten Lesung ausführlich diskutiert worden, habe aber dann überzeugt. „Denn das hätte den großen Vorteil, dass man nicht auf Reformen des Kirchenrechts oder Genehmigungen aus Rom warten müsste“, sagte sie.

Gleich zu Beginn drohte die vierte Tagung des Synodalen Wegs zunächst zu scheitern, da Reformvorschläge zur Änderung der Sexualmoral nicht die nötige Mehrheit erlangte. Der Grundtext „Leben in gelingenden Beziehungen – Grundlinien einer erneuerten Sexualethik“ scheiterte an der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischöfe. Zwar sprach sich die Mehrheit der rund 230 Delegierten für das Papier aus, darunter auch eine Mehrheit der Bischöfe. Für die Beschlussfassung in zweiter Lesung ist jedoch eine doppelte Zwei-Drittel-Mehrheit nötig, nicht nur die Delegierten müssen mit zwei Dritteln zustimmen, sondern auch die Bischöfe. Von diesen stimmten jedoch nur 33 Bischöfe und damit 61 Prozent mit Ja.

Das Dokument schlägt unter anderem vor, dass trans- und intergeschlechtliche Menschen im Taufregister ohne Angabe zum Geschlecht eingetragen werden können. Der Text würdigt zudem die Vielfalt menschlicher Sexualität, er würdige die „positive Kraft der Sexualität“, hatte die Delegierte Birgit Mock bei der Einbringung des Textes in die Versammlung gesagt.

Dass der Grundtext bei den Bischöfen nicht die notwendige Mehrheit gefunden habe, habe er nicht erwartet, erklärte der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Er sei davon persönlich enttäuscht. Allerdings sollte man auch sehen, dass über 60 Prozent der Bischöfe zugestimmt haben und dieser Text in der kommenden Herbstversammlung der Deutschen Bischofskonferenz noch einmal intensiv beraten werde und deshalb nicht einfach verlorengehe.

Für ihn markiere dieser Text eine notwendige Fortentwicklung der kirchlichen Lehre: weg von einer rigiden, teilweise sogar diskriminierenden Sexualmoral hin zu einer Beziehungsethik, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse aufgreife, die Lebenswirklichkeit der Menschen in den Blick nehme und die positiven Werte in anderen Beziehungsformen neben der sakramentalen Ehe von Frau und Mann wertschätze, erklärte Wiesemann. Deshalb hätten der Speyerer Weihbischof Georgens und er diesem Text aus tiefer Überzeugung zugestimmt. In seinem Bistum wie auch in der Deutschen Bischofskonferenz werde er sich dafür einsetzen, dass trotz der Ablehnung der Textvorlage entschieden auf dem Weg weitergegangen werde, den dieser Text weise, so der Speyerer Bischof.

Angenommen hat die Synodalversammlung hingegen einen Text zur Öffnung kirchlicher Ämter für Frauen. Darin heißt es: „Es ist im Sinne der Verkündigung der österlichen Botschaft, zu der Jesus Christus auch Frauen von Beginn an berufen hat, eine Neuorientierung anzumahnen: Nicht die Teilhabe von Frauen an allen kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern der Ausschluss von Frauen vom sakramentalen Amt.“ Angesichts der „geistlichen und sexualisierten Gewalt“ an Frauen vor dem Hintergrund, dass Frauen in der katholischen Kirche weiter diskriminiert würden, sei ein „Schuldeingeständnis und eine Bewusstseins- und Verhaltensänderung“ dringend geboten.

Die kirchliche Reformbewegung „Wir sind Kirche“ appellierte an die Bischöfe, die Arbeit innerhalb des Reformprojekts „zukunftsorientiert zum Wohl der Kirche“ fortzusetzen. Es handele sich um die wohl letzte Chance, „dem massiven Glaubwürdigkeitsverlust der Kirchenleitung und den massenhaften Kirchenaustritten zu begegnen“. Das Forum Synodaler Weg für Kirchenreformen und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals war 2019 auf Initiative von Bischofskonferenz und ZdK gestartet. Die fünfte und letzte Synodalversammlung soll im März 2023 stattfinden. Im Zuge der Debatten soll auch das kirchliche Arbeitsrecht grundsätzlich überarbeitet werden. epd/koc

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Mehrheit für Öffnung kirchlicher Ämter für Frauen: Vierte Tagung des katholischen Reformprozesses Synodaler Weg. Foto: epd
Mehrheit für Öffnung kirchlicher Ämter für Frauen: Vierte Tagung des katholischen Reformprozesses Synodaler Weg. Foto: epd

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