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Mit seinen Wurzeln ist der Grenzgänger auf Sterne geklettert

Martin Graff jetzt in Soultzeren gestorben – Autor zahlreicher Filme und Bücher – Pfarrer und Teilnehmer der Reihe „500 Jahre Reformation“

Er hat seine Wurzeln an die Luft gehängt und ist tatsächlich auf Sterne geklettert, wie es in seinem Gedicht heißt, mit dem er alle seine Auftritte auf Deutsch, Französisch und Elsässisch beendete. Martin Graf ging auf die Menschen zu, jenseits und diesseits der Grenzen und praktizierte als „Gedankenschmuggler“ ebenso sympathisch wie subversiv. Am 22. Juni 1944 im elsässischen Münster geboren, starb er im Alter von 77 Jahren am 4. August in Soultzeren.

Martin Graff war Autor, Filmemacher, Journalist und Kabarettist. Er war auch Pfarrer und vor allem ein Elsässer. Sein Vater wurde in die deutsche Wehrmacht eingezogen und fiel vier Monate bevor Martin zur Welt kam – in deutscher Uniform in den heute polnischen Beskiden. Vier Jahre zuvor hatte er noch in französischer Uniform gekämpft. Die deutsch-französischen Auseinandersetzungen prägten die Familiengeschichte und das Leben Martin Graffs.

Graff studierte evangelische Theologie, Philosophie und Romanistik in Straßburg. Er war dort eine Zeit lang Pfarrer, bevor ihn seine Kirche zum Kirchenfunk des Saarländischen Rundfunks nach Saarbrücken schickte, womit seine Karriere als Journalist und Autor begann. Sein Buch „Der lutherische Urknall“ von 2015 geht auf seine Teilnahme an der Reihe „500 Jahre Reformation“ zurück, die der KIRCHENBOTE in Speyer veranstaltet hat. Noch im Oktober 2020 hielt Martin Graff in Bad Dürkheim den Festvortrag bei der Verleihung des Hermann-Lübbe-Preises für die Gemeindepublizistik, den das pfälzische Sonntagsblatt verleiht.

Graff schrieb zahlreiche Bücher auf Französisch und Deutsch zum Thema Grenzen, Minderheiten und Religion. Mit viel Witz und Humor hat er die Eigenheiten und Unterschiede der beiden europäischen Hauptakteure und Nachbarn seziert. 2015 vertrat er die These, dass die Ursachen der „Hass-Liebe“ zwischen Deutschen und Franzosen im „lutherischen Urknall“ zu suchen sind. Dieser habe dem demokratischen ­Denken und seiner Entwicklung in Deutschland einen säkularen Weg bereitet, während Frankreich trotz bürgerlicher Revolution und gesetzlich verordneter Trennung von Staat und Kirche im Grunde katholisch-monarchisch geblieben sei.

Graff bereiste für den Europarat viele Grenzregionen von Murmansk bis San Sebastian und von Vukovar bis Maastricht und drehte mehr als 200 Filme. Sein Gedicht, in dem er auf die Sterne klettert endet auf Deutsch: „Erst dann blickst du über die Grenzen ins andere Land, ins andere Herz. Erst dann blickst du über die Grenzen ins eigene Land, ins eigene Herz“ – ein Grenzgänger im besten Sinne. Hartmut Metzger

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Autor zahlreicher Filme und Bücher: Martin Graff bei der KIRCHENBOTEN-Reihe „500 Jahre Reformation“. Foto: Landry
Autor zahlreicher Filme und Bücher: Martin Graff bei der KIRCHENBOTEN-Reihe „500 Jahre Reformation“. Foto: Landry

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