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Mit Grüßen und Küssen

Das Liebesbriefarchiv will einen Alltagsschatz bewahren • von Florian Riesterer

Im „Liebesbriefarchiv“ der Universität Koblenz-Landau lagern rund 20000 Liebesbriefe aus mehreren Jahrhunderten. Die Sammlung geht auf ein Forschungsprojekt zurück, das die Sprachwissenschaftlerin Eva Wyss vor 25 Jahren in Angriff nahm. Seit 2015 ist die Technische Universität Darmstadt mit an Bord. In einem Citizen-Science-Projekt kann jeder mit in das Thema einsteigen.

Begonnen hat das Sammeln von Liebesbriefen Ende der 1990er Jahre die Sprachwissenschaftlerin Eva Wyss. „Mir ist damals bewusst geworden, dass es zu Liebesbriefen keine empirische Forschung gibt“, sagt die Schweizerin Wyss, die an der Universität Koblenz-Landau unterrichtet. Nur ausgewählte Briefe berühmter Persönlichkeiten wie Komponisten oder Dichter seien bekannt, darüber hinaus nichts.

Wyss stellte sich damals die Frage, wie sie an das Material herankommen sollte. In zwei Schweizer Tageszeitungen schaltete sie einen Aufruf – trotz vieler Skeptiker. „Das hat relativ nachhaltig eingeschlagen“, sagt Wyss, die schnell rund 2500 Briefe zusammenhatte. Ein Forschungsprojekt über den Liebesbrief im 20. Jahrhundert folgte.

Wobei „der Liebesbrief“ gar nicht definiert werden könne, betont die Professorin. Er habe sich immer wieder historisch und medial geändert. Die ältesten Stücke im Archiv stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Großteil aus dem 20. Jahrhundert. Handgeschriebenes findet sich ebenso wie Briefe auf Schreibmaschine getippt, säuberliche Handschriften und Gekrakel, Zeichnungen und Verzierungen auf den Seiten, Briefe von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen, ja inzwischen auch E-Mails und Whatsapp-Nachrichtenverläufe. Inhaltlich spiegeln die Briefe alle Stufen von Liebesbeziehungen. Neben Texten Verliebter finden sich so auch „Krisenbriefe, Abschiedsbriefe, Bilanzziehungsbriefe, Tagebuchbriefe“, nennt Wyss eine Reihe Subgattungen. Ein Student habe eine Bachelorarbeit über den Streit im Liebesbrief geschrieben.

Doch auch wenn jeder Brief einzigartig sei, ließen sich Muster herauslesen. Vor allem im 19. Jahrhundert sei der Brief als Werben um eine Frau, als „strategische Kommunikation“ vor allem eine männliche Praktik gewesen, sagt Wyss. Das drücke sich in einer männlich codierten Liebessprache aus, „er schreibt dann, dass er die Liebste küssen möchte, umarmen möchte, eine Locke geschenkt bekommen möchte“. Frauen seien hier weitaus zurückhaltender gewesen, weil sie männlich geprägt waren – „und zum Teil noch sind“, sagt Wyss. Es gebe auch Beispiele, wo mit Frauen geschimpft wurde, weil sie einen Liebesbrief schrieben. „Obwohl der Mann letztendlich froh war, dass die Frau diesen Schritt gemacht hat.“

Auffällig sei auch, dass sich offenbar immer jüngere Menschen dazu entschließen, Briefe zu schreiben. „Wir haben ausführliche Briefe von Jugendlichen, die gerade eben noch zwei Stunden telefoniert haben, aber erklärten, sie wollten das im Brief jetzt ausführlicher besprechen“, sagt Professorin Wyss. Das Thema der Eltern im Liebesbrief, an die beispielsweise Grüße ausgerichtet wurden, die Beziehungen guthießen oder nicht, sei wiederum aus den Briefen verschwunden, hat Birte Gnau-Franké, Dozentin für Sprachwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau, beobachtet.

Trotz aller Erkenntnisse ist es zu einer noch breiteren, tiefer gehenden Analyse der Sprache im Liebesbrief noch ein weiter Weg. Ein wichtiges Element ist das Verbundprojekt „Gruß und Kuss – Briefe digital“. Bei dem Projekt, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung drei Jahre lang seit 2021 fördert, kümmert sich die Technische Universität Darmstadt um eine anonymisierte Digitalisierung der Liebesbriefe, um den Inhalt zu Forschungszwecken zugänglich zu machen. Koordinatorin ist Andrea Rapp, Professorin für Germanistische Computerphilologie an der TU Darmstadt.

Gleichzeitig sind Bürgerinnen und Bürger bei dem Citizen-Science-Projekt aufgerufen, selbst aktiv zu werden. „Sie können beim Erschließen und Digitalisieren helfen“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Lena Dunkelmann, die am Campus Koblenz das Projekt betreut. Viele Interessenten transkribierten auch die Texte, weil sie in der Schule noch Kurrent- oder Sütterlinschrift gelernt hätten. Inzwischen sind sogar schon Liebesbriefe zu hören. Anke Friedrich und Tim Kosch­witz, Hörfunkmoderatoren beim Berliner Radiosender RBB 88.8, haben ehrenamtlich Briefe aus dem Archiv vertont.

Es habe sich gezeigt, dass viele Bürger die Briefe als historische Ressource sähen, sagt Wyss. Interessenten helfen dann beim Identifizieren eines Waldstücks oder Hügels, wo sich das Liebespaar immer traf. Zwar seien durch die Corona-Pandemie etliche Veranstaltungen ins Digitale verlegt worden, was schade sei wegen des fehlenden Austauschs am Rande von Veranstaltungen, sagt Wyss. Der Vorteil sei, dass Leute von überall her an dem Projekt mitarbeiteten. „Wir haben Leute aus Kiel oder Sachsen.“ In E-Mails schrieben die Menschen, sie wollten teilnehmen, weil es ein so schönes, herzerwärmendes Thema sei, gerade in Corona-Zeiten, berichtet Lena Dunkelmann.

Und immer wieder erreichen die Archivbetreuerinnen Koffer oder Kisten mit Liebesbriefen. Viele scheinen erleichtert, dass es das Archiv gibt. Schließlich verhindert es, dass die Briefe letztlich auf dem Müll landen. „Das ist unser Alltagsschatz, den es zu bewahren gilt“, diese Reaktion habe sie immer wieder gehört, sagt Birte Gnau-Franké. Eva Wyss erinnert sich an eine Frau, die von einer „Organspende“ sprach, als sie dem Archiv mehrere Liebesbriefe übergab, so ans Herz gewachsen waren ihr die Stücke. Vor der Digitalisierung wird alles geschwärzt, was die Verfasser identifizieren könnte. „Den Persönlichkeits- und Datenschutz nehmen wir sehr ernst, da sind wir sehr pingelig“, sagt Wyss.

Schließlich geben die Briefe Einblick in Privates. „Der liebe Gott prüft uns sehr hart, wobei Ostern immer was besonderes für uns war. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass es Dir besser geht, damit du wieder zu mir nach Hause kommst. Dafür bete ich“, schreibt eine Frau an ihren Ehemann. Drei Monate später, so vermerkt sie auf dem Brief, sei er gestorben.

Tatsächlich sei der „Glaube im Briefwechsel“ eines von vielen Subthemen, sagt Wyss. In etlichen Briefen fänden sich kulturelle Versatzstücke aus christlichen Narrativen wie dem sehr beliebten Kosewort Engel. In einem Briefwechsel zitiere der Mann immer wieder aus dem Hohelied der Liebe. „Wir haben aber auch Briefe von gläubigen Menschen, die das Glaubensbekenntnis in ihren Briefen mitführen, sich in einem zweiten Erzählstrang darüber austauschen, dass sie demselben Glauben angehören“, sagt Wyss. „Die ,reifen Ähren‘ sollen uns immer Vorbild sein. Und so werden wir stets ein blindes Vertrauen in Gottes Vatergüte haben“, schreibt ein Mann 1949 in einer Briefkorrespondenz. „Menschen reifen durch die Liebe. Und ist die Liebe ein kostbares Geschenk Gottes. Hüten wir den Herd der Liebe, damit das Feuer nicht erlischt“, heißt es in einer weiteren Passage des mehr als 70 Jahre alten Briefs.

Dass sich die Schriftlichkeit vom Medium Papier zunehmend ins Elektronische verlagert, spürten sie durchaus an den Daten der Einsendungen, sagen die Liebesbriefexpertinnen. Der Großteil der Liebeskorrespondenz auf Papier stamme aus dem 20. Jahrhundert.

Ob die Kommunikation per Whatsapp mit Emojis, Symbolen oder Grußformeln austauschbarer oder unpersönlicher geworden ist, könne sie so nicht bestätigen, sagt Gnau-Franké. „Emojis ersetzen ein sprachliches Zeichen, sind in vielen Fällen visuell stärker.“ Wyss berichtet von einer Kommunikation per Whatsapp, bei der das Paar spezielle Bilder benutzte, um seine Paarbeziehung zu beschreiben, die von anderen zwar gelesen, aber nicht entschlüsselt werden konnte – eine Spinne etwa oder Vögelchen.

Für die Zukunft hofft Sprachwissenschaftlerin Eva Wyss nun, dass durch das „Gruß-und-Kuss“-Projekt mittels Computertechnologie ganze Briefverläufe systematisch untersucht werden können und die Digitalisierung des Materials weitergeht. „Damit auch alle, die nach uns kommen, darauf zugreifen können. Wir sind dann eines der ersten Archive, die Alltagssprachkultur institutionell als Sammlung bewahren.“

Seit Ende Januar lädt das „Gruß-und-Kuss“-Team zur wöchentlichen Liebesbriefsprechstunde per „Zoom“ ein. Näheres dazu auf www.liebesbriefarchiv.de.

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Besucherin vor Exponaten im Liebesbriefarchiv der Universität Koblenz. Foto: Werner
Besucherin vor Exponaten im Liebesbriefarchiv der Universität Koblenz. Foto: Werner
Sinnliche Zeilen: Immer wieder erreichen die Wissenschaftlerinnen der Universität Koblenz-Landau neue ­Einsendungen mit Liebesbriefen. Foto: Liebesbriefarchiv
Sinnliche Zeilen: Immer wieder erreichen die Wissenschaftlerinnen der Universität Koblenz-Landau neue ­Einsendungen mit Liebesbriefen. Foto: Liebesbriefarchiv
Beim Citizen-Science-Projekt „Gruß und Kuss“ ­beteiligen sich Menschen aus ganz Deutschland; Informationsveran­staltung auf dem Jesuitenplatz in Koblenz mit den Professorinnen Eva Wyss und ­Andrea Rapp (vor dem Pavillon von links). Foto: Werner
Beim Citizen-Science-Projekt „Gruß und Kuss“ ­beteiligen sich Menschen aus ganz Deutschland; Informationsveran­staltung auf dem Jesuitenplatz in Koblenz mit den Professorinnen Eva Wyss und ­Andrea Rapp (vor dem Pavillon von links). Foto: Werner
In der Koblenzer Bibliothek der Universität Koblenz-Landau lagern Tausende Liebesbriefe (rechts), immer wieder erreichen die Wissenschaftlerinnen neue ­Einsendungen (links). Fotos: Liebesbriefarchiv
In der Koblenzer Bibliothek der Universität Koblenz-Landau lagern Tausende Liebesbriefe (rechts), immer wieder erreichen die Wissenschaftlerinnen neue ­Einsendungen (links). Fotos: Liebesbriefarchiv

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