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Menschliche Hybris als Grund der Unfreiheit

Was Sünde, Hölle und Teufel nach Luthers Deutung dem modernen Menschen heute noch sagen können

Das Wort Freiheit ist vielseitig im Gebrauch. Es wird gerne gepriesen und vielseitig besungen. Aber was bedeutet Freiheit? Die Meinungen darüber gehen sicherlich weit auseinander. Für den einen ist sie die Autobahn ohne Tempolimit, für den anderen die Wahl zwischen verschiedenen Optionen: Trinke ich zum Abendessen ein Bier oder einen Wein?

Freiheit der Presse fordert die unabhängige Berichterstattung und unter politischer Freiheit versteht man vom Volk gewählte Vertreter, die die Regierung bilden. An diesen wenigen genannten Beispielen lässt sich schon erkennen, wie unterschiedlich die Erwartungen an den Begriff Freiheit sind und welches unendlich weite Spektrum er abdeckt.

Doch hier soll zunächst die Freiheit eines Christenmenschen interessieren. Martin Luther hat im November 1520 eine reformatorische Kampfschrift verfasst, Von der Freiheit eines Christenmenschen. In den 30 dargestellten Absätzen geht es um die christliche Freiheit. Voraussetzung dieser Freiheit ist für Luther die Freiheit in Christus. Was heißt das heute für uns Christen?

Der natürliche Mensch ist gefangen in den Mächten der Sünde, der Hölle, des Todes und des Teufels. Begriffe, die in unseren Ohren sehr befremdlich klingen, verbergen doch eine sehr tiefe Wahrheit, über die es nachzudenken lohnt. Was der Tod für uns bedeutet, darüber bedarf es kaum einer Erklärung. Der Tod ist eine schreckliche Macht, der wir völlig hilflos ausgeliefert sind. Wer bereits einen geliebten Menschen zu Grabe tragen musste, weiß sehr wohl, was es heißt sterben zu müssen. Weniger geläufig im Umgang damit sind uns die Begriffe Sünde, Hölle und Teufel. Dennoch sind sie, wenn uns auch oftmals kaum bewusst, gleich wie der Tod gewaltige Mächte, die unsere Existenz bedrohen.

Nehmen wir zunächst den Begriff Sünde. Sören Kierkegaard beschreibt in der Krankheit zum Tode 1849 die Sünde als eine Kraft, die uns Menschen dazu bringt, dass wir uns selbst in unserem Leben den Weg verbauen. Eine verhängnisvolle Macht also, die uns nicht das sein lässt, was wir vor Gott sein könnten: Gottes geliebte Kinder, die dankbar auf ihren Schöpfer schauen und von ihm alles erwarten. Stattdessen bringt uns die menschliche Hybris dazu, immer nur auf uns selbst zu sehen. Wir drehen uns letztendlich um die Achse des eigenen Ichs und sind darin gefangen.

Die Folge von dieser seelischen Verkrümmung ist die Hölle, die wir uns selber machen und die uns bereits immanent gefangen hält. Nach Sören Kierkegaards Analyse ist die Hölle ein innerseelischer Zustand; wie es der Theologieprofessor Walter Dietz sehr treffend wiedergibt ist die Hölle zu verstehen als: „…´verzweifelt sich selber los sein wollen`, aber eben das nicht können.“ „Anticlimacus [Pseudonym für Sören Kierkegaard als Verfasser] stellt die Hölle als Zustand des (scheinbar) ausweglos verzweifelten Geistes dar. Hölle erscheint als ´ohnmächtige Selbstauszehrung`.“ Der Teufel ist eine geistige Macht und gewinnt Gestalt im Trotz gegen das Dasein, der sich in Hass gegen die eigene Geschöpflichkeit, den Schöpfer und seine Geschöpfe steigern kann. Sören Kierkegaard beschreibt in der Krankheit zum Tode 1849 dieses Phänomen als die dämonische Verzweiflung.

Die vier Mächte Sünde, Hölle, Teufel, und Tod, denen der natürliche Mensch bewusst oder unbewusst ausgeliefert ist, machen ihn unfrei. Sie halten ihn gefangen und nichts in dieser Welt, wie etwa auch Geld, Ruhm und Macht können ihn daraus befreien. Vielmehr sorgen die dunklen Schicksalsmächte für Leid und Verstrickung im Leben eines Menschen, weil er die von Gott geschenkten Gaben selbst verdirbt durch Lüge, Neid, Bosheit, Intrigen, Zerstörung, Gier und so weiter. Er hat nicht die Kraft, seinen eigenen verhängnisvollen Affekten zu entkommen.

Martin Luther musste in seiner Schrift diese Begriffe Sünde, Hölle, Teufel, und Tod nicht erläutern, sondern konnte sie durchaus als bedrohend und zerstörend bekannt voraussetzen. Weiter konnte er dem Christenmenschen, der darum weiß, bestärkend mitteilen: Allein durch Christus haben die Mächte (Sünde, Hölle, Tod und Teufel) für den, der an ihn glaubt, ihre von Gott und seinem Heil trennende Gewalt verloren. Damit ist christliche Freiheit gemeint. In dieser Freiheit kommt auch die Rechtfertigungslehre zum Tragen. Das heißt, der Christgläubige muss sich seine Freiheit (auf menschlicher Ebene) nicht verdienen durch irgendwelche Leistungen, er muss sich auch kein gutes Ansehen erwerben oder irgendwelchen Moden folgen oder generell durch Mainstreamhaltung seine Akzeptanz sichern. Im Gegenteil: Keine Angst vorm Tod bedeutet zugleich auch keine Angst vor Endlichkeit und Auflösung. Keine Angst vor Sünde heißt frei sein von religiösen Zwangs-vorstellungen, Ritualen, magischen Kräften und Aberglaube. Keine Angst vor Hölle meint frei sein von Angst vor Bestrafung, Unheilandrohungen und Flüchen. Keine Angst vor Teufel setzt voraus, dass keine Macht der Welt dazu fähig ist, absolut zu zerstören, weil Gott stärker ist als alles Zerstörerische in dieser Welt. Freiheit führt demnach zur Seligkeit. Denn nach Röm. 8,28 gilt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“

Warum ist das so? Luther zitiert dazu Paulus 1. Kor. 15,57: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!“ Er begründet in seiner Schrift diese Freiheit mit der sogenannten Idiomenkommunikation. Danach vereinigt sich im Glauben die Seele des Menschen mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam. Was Christus hat, das ist der gläubigen Seele Eigentum einerseits, andererseits werden alle Untugend und Sünde zu Christi Eigentum. Luther bezeichnet diesen Tausch als den fröhlichen Wechsel, der nur möglich ist, da Christus zugleich Gott und Mensch ist (Idiomenkommunikation).

Die Freiheit ist also von Christus her, die dieser durch Tod am Kreuz und Auferstehung in der Geschichte ein für alle Mal errungen hat, und doch gewinnt jeder einzelne Christ und jede einzelne Christin für sich diese Freiheit aus der Gegenwart Christi im Glauben neu, durch die er oder sie leben kann. Der geschichtlich auferstandene Christus ist zugleich der gegenwärtige, der mit seiner lebendigen Geistesmacht den einzelnen Christenmenschen befreit aus den existenziell bedrohenden Mächten. Für den einzelnen befreiten Christen gilt nach 1 Kor. 9,19 somit „Ein Christenmensch ist (nach dem inwendigen Menschen) ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“. Demgegenüber steht aber nach Luther zugleich der Anspruch als befreiter Mensch gegenüber Gott und seiner Schöpfung und seine Geschöpfen dienstbar zu sein. „Ein Christenmensch ist (nach den auswendigen Menschen, in den Werken) ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ (nach Röm13, 8).

Es reicht nach Luthers Freiheitschrift nicht aus, wenn man Christus Leben und Werk nur als Historie und Chronikgeschichte predigt oder gar gänzlich seiner schweigt. Vielmehr soll es so sein, dass die christliche Freiheit, die ein Mensch im Glauben gewinnt, ihn zum Priester und König macht, der Gott loben, preisen und bitten muss zum Heil aller.

Äußerlich entfaltet sich die im Glauben gewonnene Freiheit in der Liebe zu Gott und dem Nächsten: Der äußere Mensch handelt aus Freiheit. Denn ein guter Baum trägt gute Früchte. Der Christenmensch stellt sich in den Dienst der Nächstenliebe und wird zum Mitarbeiter in Gottes Reich. Er schielt dabei weder auf Erfolg noch Gewinn, sondern tut es aus Dankbarkeit und Liebe zu Gott.

Margit Nickel ist Pfarrerin im Kirchenbezirk An Alsenz und Lauter. Der Beitrag erschien im Pfälzischen Pfarrerblatt Nr. 10, Oktober 2022.

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Geschnitzte Maske:  Der Teufel ist eine geistige Macht und gewinnt Gestalt im Trotz gegen das Dasein. Foto: epd
Geschnitzte Maske: Der Teufel ist eine geistige Macht und gewinnt Gestalt im Trotz gegen das Dasein. Foto: epd

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