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Lichter der Hoffnung

Andacht zum ersten Advent

von Pfarrer Klaus Bümlein

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.

Offenbarung 3, 14–16 (17–22)

Ein krasser Anfang im Advent! Dabei hungern wir in diesem Winter nach guten Nachrichten wie selten. Wie viele möchten gern das erste Adventslicht anzünden und einen Anfang der kommenden Weihnachtsfreude entdecken. Und dann hören wir hier: „Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ Diese himmlische Schelte an Laodizea tut weh. Manche erinnern sich, dass zur Adventszeit auch Achtsamkeit und Bereitschaft zur Umkehr gehörten. Aber wie gehen wir mit diesem geradezu verstörenden Buß-Ruf um?

„Laodizea liegt doch nicht in der Pfalz!“ Ich erinnere mich an eine Bekannte, die vor vielen Jahren ihre Reaktion in diesen Satz fasste. Sie meinte: So lau, so überheblich, so eingebildet geht es doch nicht in unserer Kirche zu! Die sieben Sendschreiben in der Johannesoffenbarung sind an Städte in der heutigen West-Türkei gerichtet. Manchen wie Philadelphia, Thyatira oder Smyrna wird sogar himmlisches Lob zuteil. Aber schon die frühen Gemeinden sind nicht alle vorbildlich. Ephesus und Laodizea bekommen eine schmerzhafte Diagnose zu hören.

Mit schneller Abwehr möchte ich mich nicht zufrieden geben. Ich schlage vor, genauer hinzuhören, was der Engel bei den Christen in Laodizea anklagt. Sie halten sich für reich, und tatsächlich war das alte Laodizea eine Stadt des Wohlstands für viele. Aber der innere Zustand sieht anders aus: Du „weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß“. Die Botschaft an Laodizea stellt also Selbsttäuschungen infrage.

Trotz vieler Austritte gehört fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung einer der großen christlichen Kirchen an. Aber immer mehr sehen das belastende Erbe, vom Antisemitismus bis zu Angst vor dem Fremden und dazu den Mangel an kirchlicher Selbstkritik. Der Glanz einer zukunftswichtigen Botschaft wird immer blasser.

Ein älterer Freund spricht davon, was ihm persönlich am meisten zu schaffen macht. „Weil du lau bist“, das trifft ihn besonders. „Wo ist die Leidenschaft geblieben, die Glut für Gottes Liebe? Wo die heiße Entschiedenheit für sein Wort? Ich ertappe mich im Älterwerden bei einem geistlichen Temperaturrückgang.“ Wie finden wir da heraus?

Das Schreiben an Laodizea stellt nicht nur eine schlimme Diagnose. Es ruft zur Umkehr, zur Buße auf. Der Engel empfiehlt „Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest“. Laodizea galt in der alten Zeit als Therapiezentrum für Augenheilkunde. Darauf spielt der Rat an. Es geht um eine Heilung der Wahrnehmung. Damit ist auch der selbstkritische Umgang gemeint mit der eigenen Geschichte unserer Kirche. Vor allem gilt es, hören und schauen zu lernen auf den Christus, der ganz nahe vor der Tür steht. Selbst Laodizea bleibt für ihn kein hoffnungsloser Fall. Er wartet, dass eine neue, eine innige Gemeinschaft mit ihm möglich wird. Christus möchte kommen und das „Abendmahl“ halten. Er will und kann uns neu zeigen, wo Kirche in der Nähe lebendig wird. Wer die Augen aufmacht, kann immer wieder Entdeckungen machen. Nicht nur bei „Mima“-Menschen, die das Fernsehen vorstellt oder bei Mitarbeitenden der „Tafel“. Kürzlich war von „Erprobungsräumen“ in unserer Kirche zu lesen: eine Mehrzahl von Initiativen, um auf Menschen offen zuzugehen, ihnen neu zu begegnen. Ich staune über viele Aktionen für „Brot für die Welt“, immer neu auch für Flüchtlinge. Was für eine Freude, einen Erntedankgottesdienst zu erleben, in dem ein Kinderchor mit Eltern und Gemeinde singt und auch die Kinder beim Abendmahl mitfeiern können.

Auch die kleinen persönlichen Neuansätze wird Christus nicht gering schätzen. Ein einziges Mal war ich in der Nähe von Laodizea. Bis heute denke ich an Pamukkale, berühmt für das mineralhaltige Thermalwasser, das über die weißen Sinterterrassen strömt. Eine Attraktion über die Zeiten hinweg. Das Wasser ist weder siedend heiß noch eiskalt. Ein Gleichnis? Das möchte ich dem alten Freund und mir selber sagen dürfen: Vielleicht kommt es auf einen fiebrig heißen Glauben gar nicht an. Sondern auf Energie und Entschiedenheit, die der liebevolle Blick Christi schenkt, Älteren und Jüngeren. Auch für diese Adventszeit stärkt „Er“ die kleinen Lichter der Hoffnung.

Dr. Klaus Bümlein war bis 2006 ­Bildungsdezernent der Evangelischen Kirche der Pfalz.

Gebet

Herr Jesus Christus, du willst einen neuen Anfang machen in diesem Advent. Hilf uns, deine unbequemen Fragen zu hören und auszuhalten. Bewahre uns vor Überheblichkeit und Kleinmut. Schenke uns offene Ohren für deinen Willen. Gib uns einen neuen Blick für dein Kommen. Amen.

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Anfang der kommenden Weihnachtsfreude: Die erste Adventskerze. Foto: pixabay
Anfang der kommenden Weihnachtsfreude: Die erste Adventskerze. Foto: pixabay

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