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|   Glosse

Leben in der Warteschleife

von Alexander Lang

Kommt Ihnen das bekannt vor: Sie wollen bei Ihrem Arzt einen Termin vereinbaren, benötigen eine Auskunft vom Amt oder wollen einfach nur einen Tisch beim Italiener um die Ecke reservieren. Sie greifen zum Telefon, wählen – und dann ist's um Sie geschehen. Irgendwo läuft eine Stimme vom Band, oder es meldet sich gar der Roboter: „Bitte legen Sie nicht auf, wir sind gleich für Sie da“, säuselt eine Frauenstimme. Oder: „Bitte Geduld, Sie werden weiterverbunden“ und gleich hinterher ganz weltläufig: „Please wait, your call will be transferred.“

Sie wissen aber, dass Ihre Chancen maximal fifty-fifty stehen, dass Sie wirklich „transferred“ (früher hieß es: weitergeleitet) werden? Während Sie warten, den Telefonhörer am Ohr, hat die Marter längst eingesetzt. Musik umspült ihr Hirn, irgendwas von Mozart oder auch nur Fahrstuhlpop. Sie sind wieder mal – in der Warteschleife! Die Zeitdiebe in unserer sich ausweitenden Servicewüste Deutschland haben Sie in ihren Fängen.

Aber vielleicht haben Sie ja Glück und es erbarmt sich der wahlweise nicht erreichbare/viel beschäftigte/uninteressierte Gesprächspartner doch noch und Sie werden durchgestellt. Wahrscheinlicher ist es, dass Sie sich, ständig vertröstet, weiter im Kreise drehen. In Ihrem Kopf pocht es, der Adrenalinspiegel steht bis zu den Augen. Dann ist die Leitung tot.

Unbestreitbar ist die Erfindung des Telefons vor 160 Jahren durch den Frankfurter Physiklehrer Philipp Reis (1834 bis 1874) ein Segen. Die Menschheit rückte über das „Telephon“ zusammen. Doch wo Segnungen der Wissenschaft sind, ist auch der Fluch nicht weit. Was sind die Folgen, wenn wir am Telefon einmal wieder nicht durchkommen? Bluthochdruck, Herzinfarkt, Nervenzusammenbruch? Einst belächelten wir die Amerikaner wegen ihres Telefon-Servicespruches „Don`t call us, we call you!“ Wir wussten schon damals: Das wird nichts.

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Irgendwann wird es klappen: Eine Sprechstundenhilfe nimmt in einer Arztpraxis einen Anruf entgegen. Foto: epd
Irgendwann wird es klappen: Eine Sprechstundenhilfe nimmt in einer Arztpraxis einen Anruf entgegen. Foto: epd

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