Andacht

Leben in der Strömung

Andacht zum Sonntag Exaudi

von Pfarrer Frank Schuster

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Johannes 7, 37–39

Täglich sind wir dem Einfluss gesellschaftlicher Strömungen ausgesetzt, seien es Strömungen im Bereich der Politik, der Wirtschaft, der Kultur oder der Medien. Ob wir wollen oder nicht, sind solche Strömungen Teil unseres Alltags, unserer Wahrnehmung – und haben konkrete Auswirkungen auf unser Fühlen, Denken und Handeln.

Strömungen im Bereich der Politik können Menschen beispielsweise gegen die Notwendigkeit der Corona-Schutzmaßnahmen protestierend auf die Straße gehen lassen; sie können aber auch zur berechtigten Empörung über Zustände führen, die Menschen gerechter Lebensmöglichkeiten berauben oder sie unter Gewalt und Terror leiden lassen.

Strömungen im Bereich der Medien können Menschen zu gedankenlosen Konsumenten seichter allabendlicher Kost machen; sie können aber auch die Wahrnehmung schärfen, wie es in anderen Ländern zugeht, wie anderswo Glaube und soziales Engagement zusammengehen.

Strömungen im Bereich der Wirtschaft können Menschen einreden, es komme vor allem darauf an, in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu raffen, ohne nach den Hintergründen und Folgen zu fragen; sie können aber auch den Blick auf ethisch „saubere“ Geldanlagen lenken und offenlegen, dass ein anderes Wirtschaften möglich, das vorfindliche nicht alternativlos ist.

Die Frage bei solchen Strömungen ist, wem sie nützen, wem sie schaden und vor allem wes Geistes Kind sie sind. Und wer uns letztlich dabei helfen kann, hier die Geister zu unterscheiden, damit wir nicht, willentlich oder unbewusst, mit dem falschen Strom schwimmen, sondern in der Nachfolge Jesu notfalls auch gegen den Strom.

Jesus lädt in unserem Text dazu ein, sich der Strömung anzuschließen, die bei ihm ihren Ausgang nahm, deren Quelle Gott selbst ist. Voraussetzung dafür ist, durstig zu sein, das heißt für mich, sich nicht zufrieden zu geben mit dem, was in unserer Welt vorfindbar ist. „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden“, sagt er in der Bergpredigt. So wie er sollen sich auch seine Nachfolgerinnen und Nachfolger nicht hoffnungslos und resigniert damit abfinden, dass in unserer Welt die Armen arm bleiben, die Kranken krank und die Geflüchteten heimatlos.

Das jüdische Laubhüttenfest, bei dem Jesus diese Worte sagt, erinnert das Volk Gottes an den Auszug aus Ägypten (3. Mose 23, 42f.), also an eine erlebte Befreiungsgeschichte mit Gott – das war auch so eine Strömung, die Menschen begeistert mitriss. Daran schließt Jesus an, ruft beim Fest die Durstigen zu sich. Das sind jedoch längst nicht alle. Viele sind leider allzu schnell mit dem zufrieden, was sie im Mainstream der öffentlichen Meinung lesen und hören können. Darüber aber haben sie die überlebenswichtige Vision, dass eine andere Welt möglich ist, vergessen oder selbstzufrieden ad acta gelegt.

Die Durstigen allerdings sind von ihm eingeladen, sich dem Strom des Lebens anzuschließen, dadurch die Leben spendende und lebenserhaltende Energie zu verspüren, die Gott mit Jesus und seiner Geistkraft in die Welt gesandt hat. Und nicht nur das. Sie sollen diese Energie auch weitergeben an andere, die danach dürsten und sie für ihren Alltag, für ihr Engagement brauchen. Durchströmt von Gottes Heiliger Geistkraft können sie so zu Menschen werden, die aus ihrem Innersten heraus begeistert von diesem Gott des Lebens erzählen, in seiner Nachfolge leben und unbedingt auch andere dabei haben möchten. Sie helfen ihnen damit, die oben beschriebenen Geister zu unterscheiden, gegen so viele Blutströme der Weltgeschichte als Alternative nun „Ströme lebendigen Wassers“ zu setzen und damit Menschen neue Lebens- und Hoffnungsperspektiven zu bieten. Dann findet mitten im oft so mörderischen Alltag Befreiung statt. Dann beginnt mitten in einem sterblichen Leib der Stoffwechsel ewigen Lebens.

Die Strömungen, die im Lauf unseres Lebens unseren Körper und Geist durchflutet haben, haben uns geformt, haben ihre Spuren hinterlassen – zum Guten wie zum Schlechten. Von Jesus sind wir nun eingeladen, uns einer anderen, seiner Strömung hinzugeben und dadurch als erneuerte Menschen, wie bei der Taufe, einzutauchen in ein neues Leben.

Frank Schuster ist Pfarrer an der ­Martin-Luther-Kirche in Neustadt an der Weinstraße.

Gebet

Gott, Quelle des Lebens, oft denken wir, unsere Welt sei am Verdursten. Bevor die Begeisterung über Jesus der Resignation Platz macht, bitten wir um deine heilige Geistkraft, dass sie neu hervorsprudelt und unsere Fantasie weckt, unseren Widerstand gegen die Kräfte des Todes stärkt – auf dass wir nach deinem Wort leben können. Amen.