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Land stellt sich der Vergangenheit

Beate Klarsfeld lobt im Gespräch mit dem KIRCHENBOTEN Holocaust-Erinnerungskultur in Deutschland

Wegen Corona ein Jahr verspätet wird die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld am Dienstag, 9. November, anlässlich der Kirchheimbolander Friedenstage die Friedenstaube des Landrats in Kirchheimbolanden erhalten. Mit dem Preis wird das jahrzehntelange Engagement des Ehepaars Serge und Beate Klarsfeld bei der Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechen gewürdigt. Beate Klarsfeld, die bundesweit durch ihre Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen Nazi-Vergangenheit bekannt wurde, spricht am 9. November auch bei einer Gedenkfeier zur Reichspogromnacht auf dem Synagogenvorplatz in Kirchheimbolanden.

Das Wachhalten der Erinnerung an den Holocaust in Deutschland habe sich fundamental gewandelt, blickt Klarsfeld im Gespräch mit dem KIRCHENBOTEN zurück. „Gedenkaktionen sind wunderbar geplant, Überlebende der Shoa sprechen in Schulen, es gibt Holocaust-Denkmale“, sagte die 82-Jährige, die mit ihrem Mann in Paris lebt. „Nach der Ohrfeige war ich in Deutschland eine Nestbeschmutzerin, aber das Land ist sich seiner Vergangenheit bewusst geworden, da bin ich optimistisch.“ Der Antisemitismus verschwinde dadurch selbstverständlich nicht. Dass sich junge Leute etwa in einem Konzentrationslager lustig machen über das Geschehen, wie sie etwa beim KZ Sachsenhausen gehört habe, dürfe nicht sein. „Das sind dann vielleicht auch Fehler der Lehrer.“

Neben den Schulen sei es auch eine moralische Aufgabe der Kirchen, sich für die Demokratie einzusetzen. „Egalité, Fraternité“, das sollten die Kirchen im allgemeinen verkünden. Allerdings sehe sie, dass es die Kirchen immer schwerer hätten, die Menschen zu erreichen, sagt Klarsfeld, die evangelisch getauft und konfirmiert ist.

Generell sei jeder an der Wahlurne dazu aufgerufen, Position gegen Rechts zu beziehen. Der Faschismus habe Fürchterliches angerichtet. „Wenn man etwas verändern will, muss man schauen, dass extreme Parteien nicht an Boden gewinnen“, sagte Klarsfeld mit Blick auf die AfD. Zum Glück habe die Partei bei der letzten Wahl wieder an Stimmen verloren. Aber auch wenn Politiker gewählt werden, die den Antisemitismus bekämpfen, ließen sich Attentate wie in Halle nicht vermeiden.

Dennoch: „Die vielen Toten des NSU hätte es nicht gegeben, wenn besser hingeschaut worden wäre“, übt Klarsfeld Kritik an Behörden. Frust mit Blick auf ihr Lebenswerk empfinde sie nicht, wenn sie auf die steigenden Fälle von Antisemitismus blicke, eher Ansporn weiterzumachen in ihrer Arbeit und der ihres Mannes: „Wir gehen diesen Weg zu Ende.“

Klarsfeld lobt die Konsequenz, mit der heute Gerichte Fälle wie jenen der 96-jährigen Irmgard F. verfolgen, der als ehemaliger Schreibkraft in der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthoff Beihilfe zum Mord in mehr als 11000 Fällen vorgeworfen wird. Juristisch gesehen sei der Prozess problematisch. „Sie wird im Grunde angeklagt, weil sie da war.“ Moralisch gesehen befürworte sie das Vorgehen der Richter. „Es ist wichtig, bis zum letzten Moment anzuklagen, aufzuspüren, wir dürfen das Geschehene nicht vergessen.“ Florian Riesterer

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Haben zahlreiche NS-Verbrecher aufgespürt: Serge und Beate Klarsfeld. Foto: epd
Haben zahlreiche NS-Verbrecher aufgespürt: Serge und Beate Klarsfeld. Foto: epd

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