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Kulturelle Vielfalt und Zusammenhalt

Gemeinsames Wort der Kirchen zur Migration sieht Deutschland als ein Einwanderungsland neuen Typs

„Migration menschenwürdig gestalten“ – unter diesen Leitgedanken stellen die Kirchen in Deutschland ihr neues Migrationswort. Seit dem Jahr 1997, als das erste gemeinsame Migrationswort der Kirchen erschien, haben sich in Europa und weltweit bedeutsame Veränderungen vollzogen. So hat das Projekt der europäischen Einigung im vergangenen Vierteljahrhundert bahnbrechende Fortschritte gemacht – und dann auch wieder schmerzhafte Rückschläge erlitten. Zugleich gab und gibt es auf internationaler Ebene neben ermutigenden Bewegungen hin zu mehr globaler Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung auch bedrohliche Tendenzen der Abschottung und des Konflikts.

Das Ziel einer dauerhaften Friedensordnung scheint – zumindest vorerst – in weite Ferne gerückt zu sein; Krieg und Gewalt führen dazu, dass die Zahl der Menschen auf der Flucht seit Jahren zunimmt. Darüber hinaus ist die Aufgabe, den menschengemachten Klimawandel wirksam zu bekämpfen, zu einer Schicksalsfrage der Weltgemeinschaft geworden. Diese und weitere Rahmenbedingungen wirken sich darauf aus, weshalb und mit welchen Zielen Menschen ihre Herkunftsländer verlassen, wie es ihnen unterwegs ergeht, ob und unter welchen Umständen sie eine neue Heimat finden, welche Verbindungen sie zu ihrer alten Heimat halten können, wie Migration insgesamt zur individuellen und gesellschaftlichen Entwicklung beiträgt.

In Zeiten der Corona-Pandemie ist es zu einer kaum vorstellbaren Einschränkung menschlicher Mobilität gekommen. Herausforderungen im Migrationsbereich haben sich verschärft oder sind zumindest sichtbarer geworden. Fragen des Gesundheitsschutzes, der Bildungsgerechtigkeit, der Förderung von Familien, der guten Arbeitsbedingungen und der angemessenen Wohnverhältnisse sind aktuell für die ganze Gesellschaft von hoher Relevanz. Doch für Migrantinnen und Migranten – vor allem für Schutzsuchende und Menschen mit prekärem Status – können sie unter Pandemie-Bedingungen eine besonders existenzielle Bedeutung haben.

Vor Beginn der Pandemie hat das Migrationsgeschehen die öffentlichen Debatten in Deutschland geprägt wie kaum ein anderes Thema – und auch heute noch bewegt es die Gemüter. Dabei ist eine Frage, die in früheren Jahren für hitzige Diskussionen sorgte, mittlerweile weitgehend unstrittig: Deutschland ist, wie das Gemeinsame Wort der Kirchen bereits 1997 festgestellt hatte, zum „Einwanderungsland neuen Typs“ geworden. Mit dieser sich allmählich durchsetzenden Erkenntnis sind im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte wichtige Schritte zur Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders und der Teilhabe von Zugewanderten einhergegangen.

Viele Nachkommen der ehemaligen „Gastarbeiter“ und später dazugekommene Migrantinnen und Migranten fühlen sich in Deutschland heute auf ganz selbstverständliche Weise zuhause. Auch für Deutsche ohne eigene Migrationserfahrungen ist kulturelle Vielfalt vielerorts zur Normalität geworden. Das heißt nicht, dass das Einwanderungsland Deutschland alle Probleme gelöst hätte. Die erschreckende Zunahme rassistischer Übergriffe bis hin zu Morden erfordert das couragierte Eintreten gegen alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Und auch weitere Herausforderungen sind anzugehen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt unter den Vorzeichen kultureller Vielfalt zu gestalten.

Eine andere Frage, die gerade im Vorfeld des alten Migrationswortes für hitzige Debatten gesorgt hatte, wird auch heute noch aufgeworfen: Welche rechtlichen und ethischen Verpflichtungen hat Deutschland gegenüber Geflüchteten? Sicherlich kann man die Kontroversen rund um den „Asylkompromiss“ 1992/93 nicht mit den Streitfragen der Gegenwart gleichsetzen, zumal letztere in starkem Maße mit den Diskussionen auf EU-Ebene zusammenhängen. Doch lässt sich durchaus eine Parallele feststellen: Auf eine Phase hoher Asylantragszahlen folgte jeweils eine Phase flüchtlingspolitischer Restriktionen. Damals wie heute haben die Kirchen immer wieder daran erinnert, worauf sich der Fokus richten sollte: nicht auf abstrakte Befürchtungen, sondern auf das konkrete Bemühen, den berechtigten Anliegen schutzsuchender Menschen gerecht zu werden. Dass in Deutschland weiterhin eine hohe Bereitschaft zur Solidarität gegenüber Geflüchteten besteht, gibt Anlass zur Zuversicht.

Bei allen Auseinandersetzungen und Abwägungen zu Fragen von Migration und Flucht nehmen die Kirchen mit großer Wertschätzung wahr, wie Verantwortungsträgerinnen und -träger in Politik und Verwaltung um ethisch verantwortbare Lösungen ringen. Gleichzeitig wirken die Kirchen selbst aktiv an der Gestaltung der Migrationsgesellschaft mit. Das seelsorgliche, karitative und anwaltschaftliche Engagement für und mit Migrantinnen und Migranten gehört zum Kern des kirchlichen Auftrags. Die Erfahrungen aus der Praxis der Gemeinden, Verbände, Wohlfahrtsorganisationen und Hilfswerke sind für die kirchlichen Wahrnehmungen und Einschätzungen im Handlungsfeld Migration wesentlich.

Vor diesem Hintergrund ist auch das neue Gemeinsame Wort der Kirchen zu lesen: Es will die komplexe Realität des Migrationsgeschehens mit der notwendigen Differenziertheit beschreiben. Und es will – auf der Grundlage biblisch-theologischer Einsichten, sozialethischer Reflexionen und kirchlicher Erfahrungen – Orientierung geben. Dabei darf „Orientierung“ nicht mit einfachen Antworten verwechselt werden. Denn die Aufgabe besteht darin, auch und gerade unter unvollkommenen, widersprüchlichen Bedingungen Migration menschenwürdig zu gestalten.

Der Ausgangspunkt des Wortes ist ein kursorischer Rückblick auf Entwicklungen und Debattenfelder der letzten beiden Jahrzehnte (Kapitel II): wie Deutschland sich zunehmend als Einwanderungsland begriff und Fragen der „nachholenden Integration“ in den Blick nahm; aber auch, welche Güterabwägungen und Spannungen für die Migrationspolitik in freiheitlich-demokratischen Staaten charakteristisch sind.

In einem nächsten Schritt wird Pluralität als Gegebenheit des kirchlichen Lebens der Gegenwart reflektiert und – in historischer und zeitgeschichtlicher Perspektive – herausgearbeitet, wie die Kirchen durch Migration geprägt wurden (Kapitel III). In diesem Zusammenhang werden auch theologische und seelsorgliche Grundmuster des Umgangs mit Migration in den verschiedenen kirchlichen Traditionen aufgezeigt: katholische, orthodoxe und evangelische sowie evangelisch-freikirchliche Perspektiven. Als gemeinsame Grundlage des christlichen Nachdenkens über Migrationsfragen wird sodann eine biblisch-theologische Lerngeschichte entfaltet (Kapitel IV).

Dabei wird deutlich, dass Theologien der Migration so alt wie der christliche Glaube selbst sind – und die biblischen Texte im Lichte des aktuellen Geschehens jeweils neu als Migrationsliteratur zu erschließen sind, das heißt als Texte, die die Erfahrungen von Migrantinnen und Migranten widerspiegeln. Es folgen sozialethische Überlegungen, die zunächst drei Leitorientierungen für eine christliche Migrationsethik entwickeln: den Schutz der Menschenwürde, das Individuum als Bezugspunkt aller Formen des Sozialen und schließlich eine globale Gemeinwohlperspektive (Kapitel V).

Im Anschluss daran wird ein migrationsethischer Gerechtigkeitsbegriff skizziert und nach den praktischen Konsequenzen für migrationspolitische Abwägungen gefragt. Sodann werden vier politisch-rechtliche Handlungsfelder genauer beleuchtet, die für eine menschenwürdige Gestaltung von Migration entscheidend sind (Kapitel VI): der menschenrechtliche Schutz von Geflüchteten sowie von Migrantinnen und Migranten; Fragen der internationalen Zusammenarbeit und der globalen Gerechtigkeit, einschließlich des Zusammenhangs zwischen Migration und Entwicklung; Migrations- und Asylpolitik als gemeinsame europäische Herausforderungen; und schließlich Diskussionen rund um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Teilhabemöglichkeiten von Migrantinnen und Migranten in Deutschland.

Diesen fünf Hauptkapiteln, die Analysen und Positionsbestimmungen jeweils miteinander verbinden, folgt ein stärker thesenhaftes Schlusskapitel, in dem wesentliche Orientierungspunkte für kirchliches Handeln zusammengefasst werden (Kapitel VII). Die Kapitel des Wortes sind so angelegt, dass sie durchaus auch einzeln gelesen werden können.Das Gemeinsame Wort richtet sich an Kirche und Gesellschaft gleichermaßen – in dem Wissen, dass sie durch Vielfalt geprägt sind. Migration bleibt eine Gestaltungsaufgabe für alle.

Einleitung zum „Gemeinsamen Wort der christlichen Kirchen zur Migration“ vom Oktober 2021. Der gesamte Text ist zu finden unter: https://www.ekd.de/migration-menschenwuerdig-gestalten-68831.htm

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Ringen um ethisch verantwortbare Lösungen: Flüchtlinge verlassen das Rettungsschiff Sea-Watch 4. Foto: epd
Ringen um ethisch verantwortbare Lösungen: Flüchtlinge verlassen das Rettungsschiff Sea-Watch 4. Foto: epd

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    YqBepIJilymQNfvT 13/11/2021 um 09:07
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    CgJmxBdkA 13/11/2021 um 09:07
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