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Kraft tanken und sich stärken gegen Stress und Angst

Schülerinnen und Schüler lassen sich in einem ökumenischen Projekt zu Stille-Scouts ausbilden – Angebote für „Räume der Stille“ schaffen

„Tief einatmen, mit den Händen die Luft einsaugen“, sagt Karin Kienle, Referentin der Evangelischen Jugend Pfalz. 13 Schülerinnen und zwei Schüler tun es ihr und Monika Schuster von der Schulabteilung des Bistums Speyer gleich, strecken die Hände hoch über den Kopf, schließen teilweise die Augen. Über und neben ihnen zwitschern Kohlmeisen und Buchfinken im Geäst der Bäume, während sich die Arme mit einem Ausatmen wieder senken. Schließlich „entwurzeln“ sich die Schüler wieder, schütteln Arme und Beine aus, lockern sich.

Ruhe finden, entspannen, aber auch Kraft schöpfen, dabei geht es bei der Wahrnehmungsübung Baum im Wald neben dem Herz-Jesu-Kloster Neustadt. Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Edenkoben und des Nikolaus-von-Weiß-Gymnasiums Speyer machen sich zwei Tage lang auf den Weg, um Übungen zur Entspannung oder Meditation kennenzulernen sowie spirituelle Impulse aufzugreifen.

Hintergrund sind die sogenannten „Räume der Stille“, die seit 2014 auf Initiative von Landeskirche und Bistum eingerichtet wurden. 31 sind es inzwischen pfalzweit, mehr Schulen würden sie gern einrichten, haben aber keinen Platz. In den Räumen können Schüler zur Ruhe kommen, teilweise machen Lehrkräfte meditative oder spirituelle Angebote. Oft aber seien sie mangels Betreuung geschlossen, so Kienle. Die Stille-Scouts wiederum könnten in ihrer Freizeit Mitschülern solche Angebote in der Schule machen. Und nicht nur vom Schulstress fänden sie hier Ablenkung. „Kinder und Jugendliche haben Angst, sehen nicht viel Licht gerade“, sagt Kienle mit Blick auf die Corona-Krise und den Ukraine-Krieg. Es gehe darum, Kraft zu tanken, sich selbst zu stärken, im Hier und Jetzt zu sein. „Es darf uns auch mal gut gehen“, drückt Kienle einen hoffnungsfrohen Ansatz solcher Übungen aus, die „eine Marktlücke“ füllten.

Zu Beginn schickt Monika Schuster die Jungen und Mädchen mit dem Auftrag in den Wald, mit einem Gegenstand zurückzukehren, der ihre Motivation widerspiegelt. Lisa kehrt mit einer Vogelfeder zurück. „Sie bedeutet Freiheit für mich, mal an was anderes zu denken als immer nur die Noten“, sagt die 16-Jährige, die in Edenkoben gerade in die Oberstufe gekommen ist. Die jüngere Tessa hat zu einer Esskastanienschale gegriffen, die etwas abseits lag. „Ich merke, wenn es jemandem an der Schule nicht gut geht, will das ändern“, fühlte sich die Achtklässlerin durch die Schale an das erinnert, was sie antreibt.

Später lassen sie sich zum Klang von Windspielen auf eine Fantasiereise zu eigenen Kraftorten ein, legen zum Thema Frühling ein Mandala. Nicht bei allem fühlen sich die Schüler entspannt, geben sie Rückmeldung. Wichtig sei am Ende, letztlich solche Übungen auszuwählen, die einem selbst helfen, sagt Kienle. Diese könnten dann auch überzeugend anderen angeboten werden. Kienle überrascht die Schüler mit Power Yoga, das die Teilnehmer an ihre körperlichen Grenzen bringt. „Still sein heißt nicht unbedingt nichts tun und still sein,“, sagt Kienle, „sondern sich auf eine Sache zu konzentrieren, im Moment zu sein.“

Elf Schulen haben an der Stille-Scout-Ausbildung, die 2020 mit dem Innovationspreis der Landeskirche ausgezeichnet wurde, Interesse gezeigt. Drei Schulen sind seit Herbst 2021 dabei. „Das wird definitiv über mehrere Jahre gehen“, sagt Kienle, der mit ihrer Kollegin ein Netzwerk mit Folgefortbildungstagen zu Themen wie Angst oder Kraft vorschwebt. Den bereits geschulten Stille-Scouts der Maria-Ward-Schule Landau geben Kienle und Schuster derzeit Starhilfe vor Ort.

Die Religiosität der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sei zweitrangig, sagt Kienle, auch wenn es Elemente gebe, die im Christentum wurzelten. Vor allem könne man „Frieden nur schaffen, wenn man mit sich selber Frieden geschlossen hat“, so Kienle. Und indem die Schüler weitergeben, was sie selbst trägt, sei das Projekt letztlich doch Kirche – „nicht von oben herab, sondern aus ihnen heraus“. Bäume eben, die Wurzeln schlagen. Florian Riesterer

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Unterwegs zur Meditationsübung mit Karin Kienle: Die Stille-Scouts. Rechts ein von Schülern gelegtes Mandala. Fotos: LM; pv (2)
Unterwegs zur Meditationsübung mit Karin Kienle: Die Stille-Scouts. Rechts ein von Schülern gelegtes Mandala. Fotos: LM; pv (2)

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