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Kostbare Gewänder

Andacht zum Sonntag Kantate

von Pfarrerin Heike Messerschmitt

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Kolosser 3, 12–17

Ich stehe mal wieder vor dem Kleiderschrank und muss mich entscheiden. Was ziehe ich heute an? Und warum habe ich gestern wieder vergessen, etwas herauszulegen? Egal. Jetzt muss es schnell gehen. In Gedanken gehe ich meinen Tag durch. Was liegt an?

Ich möchte mich schließlich passend kleiden. Dem Anlass entsprechend und doch so, dass ich mich wohlfühle. Auch dem Verfasser des Briefs an die Kolosser geht es ums Anziehen: Es sind kostbare und wertvolle Gewänder, die wir uns anziehen sollen: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Diese kostbaren Stoffe hängen auf den Bügeln im Kleiderschrank des Lebens. Und vor diesem Kleiderschrank heißt die Frage: Wie möchte ich leben? Mit welcher Haltung begegne ich den Anforderungen des Lebens?

Diese Fragen erscheinen mir wichtig in einer Zeit, in der ein Krieg tobt und herzliches Erbarmen, Sanftmut und Freundlichkeit mit den Füßen getreten werden. In einer Zeit, in der darüber hinaus Werte, die unsere Demokratie tragen, für viele nicht mehr relevant sind.

Doch zurück zu den besonderen Gewändern. Ja, sie sind sehr kostbar, und doch ermutigt uns der Briefschreiber hier, sie anzuziehen; ja, er fordert uns dazu auf. Und warum? Weil Gott selbst es uns zutraut. Wir sind nicht irgendwer, sondern wir sind Auserwählte Gottes und sogar Heilige. Also besonders gewünscht und geliebt. Der Anfang ist gemacht. Die Grundlage für unser Leben ist, dass wir geachtet, gewürdigt und gesehen sind. Deswegen sollen wir auch die kostbaren Kleider anziehen und herzliches Erbarmen, Demut, Sanftmut, Geduld ausstrahlen.

Ich spüre, dass mir diese Kleidungsstücke längst noch nicht alle passen. Manches, wie zum Beispiel das herzliche Erbarmen oder die Geduld, ist mir zu groß, und ich merke, ich muss in manches noch hineinwachsen.

Aber das ist okay. Die Liebe hilft, das Unvollkommene auszuhalten. Sie ist das Band der Vollkommenheit, schreibt der Verfasser, die passend macht, was vielleicht noch nicht richtig passt. Die Sehnsucht nach dem Vollkommenen wachhalten und dankbar sein für die Liebe, die das Unfertige aushält. All dies können wir vielleicht am besten im Singen ausdrücken. Und genauso ermutigt uns auch der Briefschreiber: mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Gottes Wort, seine Zusage bekommt ein Gewand an Tönen und Rhythmen, die wir uns anlegen können. Und das heißt: Das, was uns trägt und worauf wir hoffen, dürfen wir nicht nur ausstrahlen, sondern auch weitersagen und weitersingen. Und wenn es sein muss, auch mutig bekennen.

Dankbar zu sein und Gott zu loben, das ist der „Cantus firmus“ des christlichen Lebens. Und: Gott ist nah, wo er besungen wird. Vielfalt und Vielstimmigkeit sind dabei angesagt: Männer und Frauen, Chor und Gemeinde, altes und neues Lied. Wichtig ist unserem Briefschreiber vor allem eines: Leben ist nicht nur Dekoration und schöne Töne. Sondern es ist oft eine Herausforderung und anspruchsvoll, als Mensch unter Menschen zu leben. Davon weiß auch der Verfasser des Kolosserbriefs ein Lied zu singen: ertragt einander, schreibt er, und vergebt einander.

Ja, Leben ist immer wieder eine Zumutung, und doch denke ich wie der Verfasser des Briefs, dass es sich mit Musik leichter glauben, leben und handeln lässt. Singen soll also nicht nur das Sahnehäubchen in unserem Alltag sein. Sondern im Gegenteil: Wer Gott mit seinen Lippen lobt, ist auch mit den Händen und Füßen bei den Menschen. Singen und Klingen inspirieren unser Handeln.

Oder anders: Wenn wir Christi Zusage, sein Wort als Gewand aus Musik anhaben, dann werden wir sanftmütiger, geduldiger und freundlicher. Und nicht zuletzt singen und spielen wir dann von Ostern – für andere und für uns, auch dann, wenn der Alltag dunkel ist und die Welt aus den Fugen gerät.

Heike Messerschmitt ist Pfarrerin in Landau und Vorsitzende des Landesverbands für Kirchenmusik.

Gebet

Lebendiger Gott, du kennst uns. Du hörst unseren Lobgesang und unsere Klagelieder. Du weißt, dass unsere Stimmen manchmal sogar ganz verstummen. Gerade in diesen Tagen der weltweiten Krisen. Auch dann bist du da. Erfülle uns neu mit deinem belebenden Geist, der Hoffnung und Zuversicht gibt. Amen.

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Es sind kostbare und wertvolle Gewänder, die wir uns anziehen sollen: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Foto: pixabay
Es sind kostbare und wertvolle Gewänder, die wir uns anziehen sollen: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Foto: pixabay

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