Leitartikel

Ohne Fernweh auch kein Heimweh

von Florian Riesterer

„Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf.“ Wenn die Ferienzeit näher rückt, kommt mir immer dieses Lied in den Sinn. Die Erinnerung an einen viele Jahre zurückliegenden Moment: Meine Eltern, meine Geschwister und ich singen den Kanon, während wir dem Urlaub entgegenfahren. Eine Mischung aus Neugier, was am Urlaubsort wartet, und aus einer grenzenlosen Freiheit. Alles ist möglich in diesen Tagen.
Auch in diesem Sommer ist vieles möglich. Leider auch auf die Pandemie bezogen. Wie im vergangenen Jahr dringen Warnungen in den urlaubsreifen Verstand. Quarantäneregelungen je nach Virusvarianten und Inzidenzzahlen ändern sich stündlich, dämpfen die ungetrübte Freude. Im Hinterkopf steht die Frage: Wie viel Reisen ist überhaupt nötig?
Zwischen „Nach mir die Sintflut“ und „Bloß die Füße stillhalten“ gibt es mehr Einstellungen zum Reisen in Corona-Zeiten als Virusvarianten. Natürlich: Urlaub muss nicht Reisen bedeuten, tut es für viele aber. Auch weil ein anderer Ort, der Austausch mit anderen Menschen guttut, den Blickwinkel auf das Vertraute ändert. Ohne Fernweh kein Heimweh. Im Englischen wird Ersteres mit dem älteren deutschen Wort Wanderlust übersetzt. Das betont die reine Lust am Unterwegssein – vielleicht gerade mit ungewissem Ziel. Aber auf dem Weg zu sich selbst.