Reportagen und Themen

Kirche lässt Chance verstreichen

75 Jahre nach der Gründung der evangelischen Männerarbeit ist deren Zukunft trotz Zuspruch ungewiss

„Die Corona-Pandemie ist die ideale Zeit für neue Ideen“, diese Erfahrung macht der Männerreferent der Evangelischen Kirche der Pfalz, Gerd Humbert. Viele Männer machten sich Sorgen um die Existenz, stellten Fragen nach der Zukunft und nach Sinn. Humbert hat derzeit neun Männergruppen über „Zoom“ organisiert und kann sich vor Zulauf kaum retten. Ob meditieren oder gemeinsames Väter-Coachen: „Ich könnte jeden Monat eine neue Gruppe gründen.“

Die Bedürfnisse von Männern prallen aber oft an Kirchenmauern ab. „Ein Gottesdienst, der nur Monolog ist, ist nicht männergerecht“, begründet Humbert. Männer wollten nicht einfach etwas vorgesetzt bekommen. „Männer wollen einen Dialog über Existenzfragen, und sie wollen selbst organisieren.“ Der kirchliche Beauftragte beobachtet, dass im Internet Personal-Trainer, Unternehmensberater und Meditationslehrer mit Tausenden Followern die Rolle von Geistlichen übernähmen. „Die Leute sitzen während der Pandemie zu Hause und warten auf Kontakt – die Kirche lässt eine Chance verstreichen“, bedauert Humbert.

Sargbaukurs ist der Renner

Vor 75 Jahren hatten Männer in der evangelischen Kirche eine Chance ergriffen: Nach Diktatur, Krieg und staatlichem Zusammenbruch trafen sich vom 2. bis 4. Mai 1946 Vertreter aus vielen Landeskirchen in Hessen im ehemaligen Internat Dr. Lucius bei Echzell im Wetteraukreis. Mitglieder des früheren NS-nahen Deutschen Evangelischen Männerwerks und des Männerdienstes der oppositionellen Bekennenden Kirche taten sich zusammen und gründeten die Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Ihr Ziel: „Verloren gegangene Lebensgrundlagen in der Kirche aufzubauen und sie als moralisches Grundgerüst einer neuen Gesellschaft zu installieren“. Inzwischen hat sich die Männerarbeit gewandelt: „Männerarbeit ist dort am erfolgreichsten, wo sie der Persönlichkeitsentwicklung Raum gibt und sich zu gesellschaftspolitischen Fragen äußert“, heißt es in einer Positionsbestimmung von 2016. Dies aber in einem „gehörigen Abstand zu kirchlichen Organisationsformen“, denn: „Es fehlt an Teilhabemöglichkeiten von Männern am kirchengemeindlichen Leben.“

„Es ist widersprüchlich“, gibt der Vorstandsvorsitzende der EKD-Männerarbeit, Gerd Kiefer, Leiter der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft in Kaiserslautern, zu: „Männer stehen nicht im Fokus der kirchlichen Arbeit, obwohl sie an vielen Stellen die Schalter in der Hand haben.“ Tatsächlich ernte er bei einem Bericht über seine Arbeit vor kirchlichen Gremien „oft ein gewisses Lächeln oder Grinsen“. „Da gibt es Vorstellungen von Stammtischrunden von vorgestern.“ Die tatsächlichen Angebote sehen anders aus – und stoßen auf großen Zuspruch.

Zu Oasentagen, Mountainbiken mit geistlichen Impulsen oder Bibliodrama kämen viele Teilnehmer, berichtet der bayerische Referent für Männerarbeit, Pfarrer Günter Kusch. Männer wollten raus in die Natur, an eigene Grenzen gehen, selbst etwas herstellen. Ein Renner ist Kuschs Sargbaukurs an einem Wochenende. Gespräche über existenzielle Fragen und Verlusterfahrungen ergäben sich dabei von alleine. Als die Männer in einem Gemeindegottesdienst ihre Arbeit vorstellten, „hörte man eine Stecknadel fallen“, berichtet Kusch.

Jüngere Männer besuchen nach Kuschs Aussage gerne Vater-Kind-Freizeiten, Männer ab 50 tauschen Erfahrungen über ihr Verhältnis zu Kindern, Scheidungen oder den Übergang in den Ruhestand aus. Männer bringen Fragen zur Sprache, wie sie Freundschaften pflegen können, die auseinandergegangen sind, oder wie dem Chef Nein sagen. Auch fragen sie sich, wie sie den Rollenerwartungen entsprechen können, erfolgreich im Beruf zu sein und Geld zu verdienen, gleichzeitig umsorgender Partner zu sein, sich um den Haushalt zu kümmern und die Kinder mitzuerziehen.

Auferlegter Druck und krank machende Zwänge

Ralf Schlenker, Männerpastor für Mecklenburg und Pommern, hebt das Bedürfnis von Männern nach Spiritualität in der Natur hervor: Ob ein Sensenseminar auf einem Ökobauernhof, Kanutouren mit einem biblischen Thema, ein Wochenende mit einem Jäger auf Pirsch – der Zulauf sei groß, abgesehen von der Unterbrechung in der Corona-Pandemie. Dabei könne es zu berührenden Erfahrungen kommen. So habe nach der Vorführung des Films „Die Hütte“ ein Freizeitteilnehmer vom Sterben seines Sohns erzählt – „und die anderen haben ihn getragen“, berichtet Schlenker. „Dass sich einer vor 20 anderen offenbart, ist nicht selbstverständlich.“

Die evangelische Männerarbeit stehe nicht in Konkurrenz zur Frauenarbeit, sondern habe dieser viel zu verdanken, erklärt Vorstandsvorsitzender Kiefer. Frauen hätten die Anstöße gegeben, über Geschlechterrollen nachzudenken. Während in der Männerarbeit bis Ende des vorigen Jahrhunderts theologische und politische Themen im Mittelpunkt standen, sei spätestens mit der Studie „Männer im Aufbruch“ von 1998 die Reflexion über das Rollenverständnis, eigene Bedürfnisse und die Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt gerückt. Inzwischen sind die Männer- und die Frauenarbeit in der EKD unter steigendem Spardruck zusammengerückt: Sie gründeten 2016 das „Evangelische Zentrum Frauen und Männer gGmbH“ in Hannover. Jedoch sähen die EKD-Sparpläne eine Schließung des Zentrums bis 2030 vor, sagt Kiefer. „Die Kirche hat noch nicht begriffen, dass große Chancen in der Männerarbeit stecken“, bedauert der Vorstandsvorsitzende. Wenn Männer sich in ihrer Suche nach Spiritualität nicht ernst genommen fühlten, „werden wir sie verlieren“.

Frauen zollen der Entwicklung der evangelischen Männerarbeit Respekt. Diese habe „das Toxische“ am traditionellen Männlichkeitsbild erkannt, sagt die Leiterin des Fachbereichs Evangelische Frauen in Deutschland und Geschäftsführerin des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer, Eske Wollrad. Das alte Männerbild verbinde Privilegien mit selbst auferlegtem Druck und krank machenden Zwängen. Die Männerarbeit hingegen habe neue Formen der Männlichkeit entwickelt, etwa mit Vater-Kind-Freizeiten, und Männer auch als Opfer von Gewalt thematisiert. „Die Männer- und die Frauenarbeit haben ein gemeinsames Interesse.“

„Die Kirche hat nur eine Zukunft, wenn sie auch Männern eine Zukunft bietet“, ist Pfarrer Kusch überzeugt. Männerthemen wie Beruf, Sport, Familie, Gesundheit, Umwelt, Kultur bereicherten auch die Kirche. Einige Aktive der evangelischen Männerarbeit überlegen schon, für die Fortführung der Arbeit jenseits der Kirche einen Verein zu gründen, wie Referent Humbert berichtet. „Mit kreativen Formen sieht die Zukunft der Männerarbeit rosig aus“, ist er zuversichtlich. Jens Bayer-Gimm

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