Catholica

Kirche am toten Punkt

Eine Analyse des Amtsverzichts von Kardinal Reinhard Marx

Es ist ein Paukenschlag: Kardinal Reinhard Marx hat Papst Franziskus gebeten, seinen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising anzunehmen. In einem Brief an den Papst legte der Kardinal seine Gründe für diesen Schritt dar: "Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten." Der 67-Jährige ist seit 42 Jahren Priester und fast 25 Jahre Bischof. Sechs Jahre war er Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

Sein Rücktrittsgesuch setzt damit ein Zeichen, wie es sein Amtsnachfolger, der aktuelle DBK-Vorsitzende Georg Bätzing, formulierte. Es wiegt schwerer als der im März vom Hamburger Erzbischof Stefan Heße angebotene Rückzug. Heße stand durch die kurz zuvor erfolgte Vorstellung des Kölner Missbrauchsgutachtens unter dem Verdacht, in seiner Zeit als Generalvikar im Erzbistum Köln Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen gemacht zu haben. Marx jedoch wurden bislang nie persönlich Vorwürfe im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt gemacht. Dennoch will er als Bischof Verantwortung übernehmen - auch für die Institution, erklärte Marx. Offenbar will er eine von vielen befürchtete Kernschmelze der Kirchen - von der nicht nur die Katholiken betroffen sind - so abwenden.

Für seinen radikalen Schritt erntet der seit Jahrzehnten als glaubwürdiger Vermittler christlicher Inhalte anerkannte Marx Respekt, andere reagierten mit Unverständnis. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, sagte der "Rheinischen Post": "Da geht der Falsche." Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), Marx übernehme mit diesem aufsehenerregenden Schritt einerseits persönlich Verantwortung, was die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch angeht: "Andererseits testiert er der deutschen Kirche und seinen bischöflichen Mitbrüdern, dass sie an einem toten Punkt angekommen ist."

Ambivalent reagierte auch die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche". Sie nannte den Schritt konsequent. Er mache deutlich, "vor welchem massiven Glaubwürdigkeitsverlust die katholische Kirche durch den lange verschleppten Missbrauchsskandal steht", sagte Sprecher Christian Weisner dem epd. Der größte Verdienst von Marx sei der gemeinsam mit dem ZdK eingeleitete "Synodale Weg" der Kirche in Deutschland, der jetzt um so intensiver weitergeführt werden müsse.

Es habe "viel persönliches Versagen und administrative Fehler" gegeben, aber "eben auch institutionelles oder systemisches Versagen", betonte Marx in schonungsloser Offenheit. Und weiter: Manche in der Kirche wollten dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben und stünden jedem Reform- und Erneuerungsdialog mit Blick auf die Missbrauchskrise ablehnend gegenüber.

Auch wenn er namentlich nicht genannt wird, lesen viele darin einen Hinweis auf den seit längerem im Kreuzfeuer stehenden Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki, der einen Rücktritt für sich bislang ausgeschlossen hat. Auch Kirchenrechtler Schüller sagt, Marx greife Woelki "frontal an, wenn er von denen spricht, die sich hinter juristischen Gutachten verstecken und nicht bereit sind, die systemischen Ursachen der sexualisierten Gewalt in der Kirche mit mutigen Reformen anzugehen".

In seiner persönlichen Erklärung teilte Marx mit, er habe in den vergangenen Monaten immer wieder über einen Amtsverzicht nachgedacht. "Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge."

Alle deutsche Bischöfe werden sich dem Kirchenrechtler Schüller zufolge nun an dieser souveränen und Größe zeigenden Bereitschaft zum Amtsverzicht und damit zur Übernahme von Verantwortung messen lassen müssen: "Kardinal Marx ist für seine Entscheidung großer Respekt zu zollen und zu danken."

Die katholischen Laienbewegungen sehen aber auch Lücken und offene Fragen nach dem Rücktritt, der erst noch vom Papst angenommen werden muss. ZdK-Präsident Sternberg sagte, es fehle dann "eine ganz wichtige Persönlichkeit im deutschen Katholizismus". "Wir sind Kirche"-Sprecher Weisner stellte die Frage: "Welcher Bischof ist noch glaubwürdig? Und welche Männer und auch Frauen können in Zukunft Leitungsaufgaben übernehmen und Reformen umsetzen?" Stephan Cezanne