Andacht

Jesus verurteilt nicht

Andacht zum Sonntag Invokavit

von Pfarrer Hans Hutzel

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Johannes 13, 21–30

Was für eine illustre Runde sitzt da am selben Tisch zusammen: Jesus, seine Jünger, insbesondere der Lieblingsjünger, und auch der Verräter.

Es ist der Abend vor Pessach, den Jesus mit der Fußwaschung seiner Jünger beginnt. Danach sitzen sie beim Passamahl, erinnern an die Befreiung aus Ägypten, essen und trinken. Und dann das; die Stimmung kippt, als Jesus sie alle mit dieser Aussage verstört: „Einer unter euch wird mich verraten!“ Erschrocken schauen sie einander an. „Wer mag es wohl sein? Wer ist der Verräter?“ Die Jünger versuchen, mehr zu erfahren: „Herr, wer ist’s?“ Der Hinweis kommt – wie so oft in den zurückliegenden drei Jahren – zeichenhaft und doch direkt und weist auf: Judas. Der muss in diesem Augenblick wohl gespürt haben, dass es für ihn nun kein Zurück mehr gibt: Was muss, das muss. Judas verschwindet hinaus in die Dunkelheit. Und immer noch verstehen die anderen drinnen am Tisch nicht, was Jesus meint.

Spekulationen, aus welchen Gründen Judas letztendlich Jesus verraten hat, bleiben Spekulationen. Sie wollen etwas erklären, was eigentlich unerklärbar ist. Nur Jesus hatte Judas durchschaut, verhindert den Verrat aber nicht. Vielleicht hat Jesus insgeheim gedacht: Eigentlich ist Judas nicht schlechter als etwa Petrus, der ihn bald verleugnen wird; die anderen Jünger sind es auch nicht, spielen doch auch sie eine unrühmliche Rolle bei seiner späteren Verhaftung. Verraten und verkauft weiß Jesus, dass sein Ende bevorsteht: Was muss, das muss!

Das Bemerkenswerte ist – und das ist keine Spekulation: Jesus sitzt mit allen Jüngern an einem Tisch – mit seinem Lieblingsjünger, aber auch mit dem, der ihn verrät, mit dem, der ihn später verleugnet, mit denen, die es später in seiner Nähe nicht mehr aushalten. Der Maler Leonardo da Vinci hat es einst auf seine Weise interpretiert. Sein Gemälde vom letzten Abendmahl ist das bekannteste. Da sitzt Jesus, isst und trinkt mit seinen Jüngern, wohl wissend, dass der Weg – für beide – vorprogrammiert ist: Jesus wird den Kreuzestod sterben und Judas am Ende völlig verzweifelt Selbstmord begehen.

Und trotzdem macht mir diese Geschichte Mut. Jesus sitzt mit allen am selben Tisch. Er verurteilt nicht, vielmehr sagt er in einer anderen Geschichte denen, die andere verurteilen: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ Auch da heißt er die Sünde nicht gut und fordert: „Geh und sündige hinfort nicht mehr!“ Jesus verurteilt meine Taten, aber nicht mich. Er lässt mich nicht fallen, egal, was ich zu meinem Mitmenschen gesagt oder ihm angetan habe. Vielmehr stärkt er mich für den Weg, der vor mir liegt, glaubt an mich und macht mir so Mut, mich zu verändern. Und die Jünger? Die waren wohl mit dem Geschehen am Tisch überfordert, verstehen so manches nicht, und das macht einmal mehr deutlich, dass sie ganz normale Menschen waren, von Zeit zu Zeit begriffsstutzig und ahnungslos, so wie wir es manchmal eben auch sind.

In die Gegenwart: Mit Invokavit hat die Passionszeit begonnen. Das Motto der diesjährigen Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland lautet: „Sieben Wochen ohne Blockaden“. Corona hat uns gelehrt, wie schnell wir an unsere Grenzen stoßen – denken wir nur an die Menschen, die wir in den Altenheimen nicht mehr besuchen durften oder an unsere Lieben, die wir in den Krankenhäusern in ihrer Sterbestunde alleine lassen mussten. Nun haben wir in den sieben Wochen bis Ostern die Chance, Kraft und Mut zu schöpfen, diese immer noch schwierige Zeit, die vor uns liegt, meistern zu können: ohne Blockaden, Misstrauen, Enttäuschungen, Hinterlist oder Verrat.

Pfarrer i. R. Hans Hutzel war 26 Jahre Schulpfarrer an der BBS in Frankenthal und Religionspä­dagogischer Berater im Amt für Reli­gi­ons­unterricht in Speyer.

Gebet

Gott, wir kennen beides: die bittere Erkenntnis, dass andere unser Vertrauen missbraucht haben. Wir kennen aber auch das schlechte Gewissen, wenn wir selbst anderen zu Unrecht mit Misstrauen begegnet sind. Gott, hilf uns, in solchen Situationen barmherzig zu sein: zu anderen und zu uns selbst. Amen.