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„Ich bin #ansprechbar“

Wie eine evangelische Pastorin aus der Nordkirche im Internet Seelsorge betreibt -­ Von Josephine Teske

Seit zweieinhalb Jahren bin ich Pastorin in Büdelsdorf, einer Kleinstadt im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde. In dieser Zeit gab es vielleicht zwei oder drei Seelsorgeanfragen auf herkömmlichem Weg über die Gemeinde. Auf Instagram werde ich dagegen jeden Tag mindestens einmal angefragt – als Pastorin, Seelsorgerin und Expertin für Lebensfragen. Ich trage mein Herz auf der Zunge, bin ein offener Mensch und habe kein Problem, das auch im Digitalen zu spiegeln. Wer mir auf Instagram folgt, weiß das vielleicht bereits.

Unter den Menschen, die sich mir anvertraut haben, sind einige nicht mal Mitglied einer Kirche. Aber sie sind auf so etwas wie Gottsuche. Über Instagram haben sie die Möglichkeit, mich als Pastorin vorab kennenzulernen, ohne dass ich etwas davon mitbekomme. Sie sehen, wie ich bin, wie ich so ticke. Das baut Hürden ab, die ich im analogen Leben oft bemerke. Es ist dieser für viele beschwerliche Schritt, sich zu informieren, wer eigentlich in der Kirchengemeinde zuständig ist. Und sich dann auch noch zu melden und einen Gesprächstermin mit einer Person auszumachen, von der man nicht weiß, wie sie reagiert, wenn man ihr von den dunkelsten Stunden erzählt.

Ein weiteres Plus von digitaler Seelsorge ist, dass Menschen anonym bleiben. Ich verfolge nicht zurück, woher jemand stammt. Wer sich an mich wendet, weiß, dass ich als Pastorin der Schweigepflicht unterliege. Hinzu kommt, dass ich Anfragen aus ganz unterschiedlichen Regionen bekomme und meinen Gesprächspartner:innen aufgrund räumlicher Entfernung im realen Leben wahrscheinlich nie begegnen werde. Ich kann diese Menschen nicht aus Versehen oder nur durch Blicke verraten, sodass andere mitbekommen, dass wir miteinander gesprochen haben – das ist eine häufige Angst derjenigen, die Seelsorge anfragen.

Natürlich gibt es auch negative Seiten bei Seelsorge im Digitalen. Ein Beispiel: Im Sommer 2019 nahmen Anfragen über Instagram zu. Damals habe ich ein junges Mädchen begleitet. Ich wusste nur ihren Spitznamen und dass sie ungefähr 16 oder 17 Jahre alt sein muss. Sie hatte Suizidgedanken, und ich war permanent für sie ansprechbar. Wenn sie sich tagelang nicht meldete, hat mich das sehr belastet, da ich nicht wusste, ob sie noch lebt.

Mit Beginn der Corona-Pandemie haben sich Seelsorgeanfragen noch einmal gehäuft. Es ging meistens nicht, wie man vielleicht zunächst vermuten könnte, um die Krankheit und die Angst davor. Nein, es ploppten existenzielle Fragen und Probleme auf, die man im Alltag so gerne verdrängt. Ich hatte plötzlich Hunderte von Anfragen zu Themen, die wir alle kennen: Beziehungsprobleme, Nicht-Aufgearbeitetes aus der Kindheit, Probleme mit den eigenen Kindern. Viele Anfragen hatte ich auch zum Thema Abtreibung.

Da dies alles gehäuft auftrat, fing ich an, Seelsorgeregeln aufzustellen, etwa Termine zu verabreden und nicht sofort auf alle Anfragen zu antworten. So etwas gab es zuvor fürs Netz noch nicht. Nun handhabe ich das so: Ein Seelsorgegespräch am Telefon dauert maximal anderthalb Stunden. Möglich ist auch, dass wir uns über einen Chat schriftlich unterhalten. Aber es ist jedes Mal ein abgeschlossenes Gespräch zu einem bestimmten Thema. Ich kann nur jedem und jeder raten, Regeln aufzustellen, auch zum eigenen Schutz. Denn wenn man nicht aufpasst, liest man permanent Nachrichten. Und ich mache Instagram ja „nebenbei“, mein Hauptberuf ist Gemeindepastorin.

Wer Seelsorge im Netz anbietet, muss leider auch damit umgehen lernen, andere Menschen zu enttäuschen und nicht immer so reagieren zu können, wie andere es brauchen. Das war lange sehr belastend für mich, weil ich Menschen nicht enttäuschen möchte.

Oft werde ich gefragt, ob hinter meinem Instagram-Account ein Team steht, an das ich Anfragen weiterleite. Die Antwort ist: Nein, es gibt kein Team, nur Kolleginnen und Kollegen, auf die ich verweisen kann. Nico Ballmann, ein junger Pfarrer aus Köln, hat zum Lockdown im Frühjahr 2020 den Hashtag „ansprechbar“ ins Leben gerufen – zusammen mit anderen Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die signalisieren: „Ich bin hier, habe ein offenes Ohr und bin ansprechbar.“ Es ist total gut, wenn sich ein solcher Hashtag etabliert, damit sich Seelsorge auf viele Schultern verteilt. Bei #ansprechbar ist es so gewesen.

Das war eine Initiative im Netz während des ersten Lockdowns. Eine weitere ist das „herz.netz.werk“: Der Lockdown kam im Frühling kurz vor Ostern. Christinnen und Christen wollten sich mitteilen und andere stärken. Ich habe in dieser Zeit das „herz.netz.werk“ gegründet, eine Glaubensplattform auf Instagram. Da können Menschen vom Glauben erzählen, Inputs geben und Beiträge posten. Seelsorgeanfragen verteilen sich auch hier auf viele Schultern. Menschen kommen miteinander ins Gespräch und sprechen sich Mut zu.

Im November 2020 habe ich im herz.netz.werk die Aktion „Und wenn du dich getröstet hast“ ins Leben gerufen. Es ging einen Monat lang nur um Sterben, Trauer, Trost und Hoffnung. Zu Wort meldeten sich Expertinnen und Experten, und es gab auch Erfahrungsberichte zu Themen wie dem Umgang mit Menschen mit Demenz oder einer geistigen Behinderung. Oder auch dazu, wie Kinder und Jugendliche trauern.

Wie geht man zum Beispiel damit um, wenn jemand nach einem Kontaktabbruch gestorben ist? Wenn man heimlich trauern muss, weil man vielleicht Geliebte oder Geliebter war? Wie kann man reagieren, wenn jemand jemanden verloren hat? Antworten auf diese Fragen sind sehr persönlich und existenziell. Jeden Tag war jemand anderes für die Seelsorge verantwortlich, und ich habe erlebt, dass nicht nur ein Hashtag, sondern auch Netzwerke im Internet tragen können und Seelsorge auch so möglich ist.

Andachtsformate auf Instagram, zum Beispiel der InstaPuls oder Andachten, die wir im herz.netz.werk im November freitagabends gefeiert haben, sind auch eine Form von Seelsorge, denn in diesen Andachten entsteht Gemeinschaft und Vertrauen – etwas, das viele Online-Andachten oft nicht zutrauen.

Einmal haben wir eine Andacht zum Thema Vergebung gefeiert. Während ein Lied zu hören war, habe ich angeboten, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer Posts schicken können. Sie teilten darin mit, in welchen Momenten sie das Gefühl hatten, sich schuldig gemacht zu haben. So etwas vor sich selbst zuzugeben ist schon schwer – und vor anderen noch schwerer. Gerade im Netz, wo man nicht weiß: Wer liest gerade mit oder was passiert mit meinen Worten? Es braucht viel Mut und Vertrauen, sich in diesem Umfeld mitzuteilen.

Vorab hatte ich die Sorge, dass niemand etwas schreiben würde. Aber dann kamen bewegende, ehrliche und schmerzhafte Nachrichten. Viele haben positiv reagiert und Herz-Emojis oder Gebets-Emojis geschickt. Manche haben hinterher noch einmal geschrieben oder sich mit mir ausgetauscht. Das ist auch eine Form von Seelsorge. Und ich empfinde es als Bestätigung, wenn Christinnen und Christen ein offenes Ohr füreinander haben und füreinander da sind.

Meine Instagram-Arbeit hat sich auf meine Gemeindearbeit ausgewirkt. Auf Instagram folgen mir zu 83 Prozent Frauen, sicherlich liegt das auch an meinen Themen auf Instagram wie Kindererziehung oder Feminismus. Die meisten Frauen sind zwischen 15 und Mitte 40 Jahre alt. Das ist genau die Altersspanne, die wir mit unseren analogen Formaten und Angeboten in der Gemeindearbeit fast nie erreichen: Da fahren Eltern von Konfirmand:innen ihre jugendlichen Kinder zum Gottesdienst vor und holen sie wieder ab, wenn er vorbei ist, betreten aber weder die Kirche noch kommen sie mit mir ins Gespräch. Wir sehen ganze Familien nur zur Taufe und dann lange Zeit nicht mehr. Menschen im Alter von Mitte 30 erreichen meine Kolleg:innen und ich fast gar nicht, welche Angebote wir in der Gemeinde auch machen.

Doch über Instagram lernen mich auch Menschen aus dem Ort kennen. Es hat sich herumgesprochen, dass die Pastorin aus Büdelsdorf, von der viele noch nicht einmal wissen, wie sie heißt, auf Instagram aktiv ist. Manche folgen mir. Ich weiß nicht, wie viele. Nur ab und an bekomme ich es mit, wenn mich die Supermarktkassiererin beim Durchziehen der Ware fragt: „Na, Fine, einkaufen?“

Gemerkt habe ich, dass sich auch die Gottesdienstgemeinde am Ort verjüngt hat. Ich bekomme Kasualien-Anfragen von Menschen, die vielleicht Mitglied in meiner Kirchengemeinde sind, mich aber eher über Instagram kennen, anschreiben und fragen: „Du, Fine, bei mir ist jemand gestorben. Kann ich dem Bestatter sagen, dass du die Beerdigung übernimmst?“ Ähnliche Anfragen bekomme ich für Taufen oder Hochzeiten. Es ändern sich also auch die Kommunikationswege. Menschen, mit denen ich analog wahrscheinlich nie ins Gespräch gekommen wäre, wenden sich mit ihren Anliegen online direkt an mich.

Oft wird gefragt, ob meine Arbeit auf Instagram irgendein Plus für die Gemeinde hätte. Mein Engagement auf Instagram ist auch Werbung für die Kirchengemeinde, ohne dass dies vorrangig ist oder ich das bewusst mache. Wenn man sieht, was ich am Sonntag für den Gottesdienst plane, werden manche neugierig und nehmen teil. Wenn ich transparent mache, wie ich Beerdigungen vorbereite und erlebe, weckt das womöglich Vertrauen. Es ist eben anders, als wenn nur ein Foto auf der Homepage unserer Gemeinde stünde und ich eine Fremde wäre.

Häufig werde ich gefragt: „Du stehst sehr stark mit deiner Person in der Öffentlichkeit. Wo ziehst du deine Grenzen?“ Das wiederum ändert sich ständig. Letztes Jahr im Dezember hätte ich auf Instagram vielleicht noch Bilder meiner Kinder gezeigt. Aber das mache ich nicht mehr. Zwar zeige ich relativ viel von mir, als Christin, als Pastorin, und schreibe über alles, was ich erlebe, als jemand, die mit Gott durchs Leben geht. Gerade wenn Themen einen aktuellen Bezug haben, positioniere ich mich in meinen Beiträgen. Aber manche Dinge – sehr Persönliches – behalte ich für mich. Es gibt eben auch Grenzen.

Wenn ich zeige, wie ich mit meinem christlich geprägten Menschenbild umgehe und wie ich zu Themen stehe, kann das andere stärken. Am Anfang habe ich schon gesagt, dass ich mein Herz auf der Zunge trage. Deswegen fällt es mir auch leicht, auf Instagram so persönlich zu sein. Wenn ich etwas zu einem Thema ­oder Problem poste, will ich anderen auch zeigen: „Seht her, ihr seid nicht allein.“

Josephine Teske ist Gemeindepfarrerin und Mitglied bei "yeet", dem evangelischen Netzwerk von Theologinnen und Theologen, die sich in Sozialen Medien engagieren. Den Vortrag hielt sie bei der digitalen Tagung "Das Netz trägt auch durch schwere Zeiten" der Evangelischen Akademie im Rheinland vom 27. November bis 2. Dezember 2020.

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Trägt auch im Netz das Herz auf der Zunge, behält sehr Privates aber für sich: Josephine Teske. Foto: epd
Trägt auch im Netz das Herz auf der Zunge, behält sehr Privates aber für sich: Josephine Teske. Foto: epd

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