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Habt Größeres im Blick

Andacht zum 20. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Tilman Grabinski

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: „Sie gefallen mir nicht“; ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.

Prediger 12, 1–6 (7)

Na, da sieht aber einer schwarz. Tag für Tag sollen wir uns klarmachen: Langes Siechtum steht uns bevor mit zitternden Armen (die sind gemeint mit dem poetischen Ausdruck „Hüter des Hauses“), gekrümmten Beinen („die Starken“), wenigen Zähnen („die Müllerinnen“), trüben Augen („die durchs Fenster sehen“), schlechten Ohren („Türen an der Gasse“), einer leisen Stimme („die Mühle“) und weißen Haaren („der Mandelbaum“, der am Ende des Winters weiß blüht). Am Ende warten böse Tage auf uns. Der Lebensfaden des silbernen Stricks reißt, und wir werden wieder zu Erde und verschwinden. Ich kann da (noch) nicht mitreden.

Ich weiß wohl: Alt werden will jeder, alt und gebrechlich sein aber keiner.Natürlich ist das, was der Prediger Salomo beschreibt, wahr und richtig – trotz allem medizinischem Fortschritt. Aber deswegen schon in seiner Jugend ständig melancholisch der vergänglichen Gesundheit gedenken und sich andauernd sein eigenes Ende vor Augen führen, das mit jedem Tag unerbittlich näher kommt? Der Verdacht liegt nahe: Der Prediger Salomo wird ein älterer oder alter Mann gewesen sein, als er diese Gedanken zu Papier brachte.

Keine Rede von Altersweisheit oder Gelassenheit durch lange Lebenserfahrung. Er erwähnt nicht die Möglichkeit, im Alter eine Ernte einzufahren und den Lebensabend zu genießen. Die Freude an Enkeln und Urenkeln spielt keine Rolle. Alles ist düster, krank, schwach und elend. Hat das schon jemals funktioniert: Die schlechten Erfahrungen des Alterns als Grundlage für das Handeln in der Jugend und in der Mitte des Lebens? Eher nicht.

Man könnte das ja auch genau andersherum sehen und sich bei allen Beschwerden des Alters vergegenwärtigen: „Das war nicht immer so. Das war die längste Zeit meines Lebens ganz anders. Gott sei Dank!“

Natürlich ist es vermessen, zu glauben die jugendliche Kraft, Gesundheit und Frische halten ewig und seien selbstverständlich. Natürlich ist es immer gut, seines Schöpfers zu gedenken. Aber dafür muss ich doch nicht mein ganzes Leben an mein Lebensende denken und mich darum sorgen, wie schlecht ich mich wahrscheinlich am Ende meiner Tage fühlen werde. Und gleichzeitig wäre ich dumm, wenn ich die Zukunft meines Lebens einfach ausklammern würde. Wir sollen uns schon Gedanken über morgen machen – aber die richtigen!

So wie die, von denen Jesus spricht: „Setzt euch zuerst für Gottes Reich ein und dafür, dass sein Wille geschieht. Dann wird er euch mit allem anderen versorgen. Deshalb sorgt euch nicht um morgen – der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten mit sich bringt“ (Matthäus 6, 33–34).

So wie ich das verstehe, sagt er: „Im Vertrauen, dass Gott sich um euch kümmert – und zwar egal wie alt ihr seid –, kümmert euch darum, dass die Welt um Gottes Willen besser wird. Habt Größeres im Blick als nur euer Leben, eure Jugend, euer Alter, denn ihr seid auch zu Größerem bestimmt. Lebt nach Gottes Willen, seid gerecht, barmherzig, vertrauensvoll und voller Liebe für Gott und die anderen! Dann wird er euch mit allem anderen versorgen.“ Das gilt in jedem Lebensalter!

Jesus war nicht naiv, als er so redete. Er selbst hat am Ende Schweres erlebt: Schmerzen, Verlassenheit und den Tod. Aber Gottes Kraft doch auch. Er hat erfahren, wie mächtig Gott geworden ist, als er am schwächsten war. Wir Christen vertrauen mit gutem Grund darauf, dass wir nicht „dahin fahren, wo wir ewig bleiben“ – das ist nämlich ein antiker Ausdruck für das Grab. Nein, uns erwartet Besseres: Ein ewiges Hochzeitsmahl mit unserem Schöpfer!

Tilman Grabinski ist seit 2019 Gemeinde­pfarrer an der Friedenskirche in Kaiserslautern.

Gebet

O Herr, du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter werde. Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann. Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein, mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels. Amen. (nach Theresa von Avila)

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Der Lauf der Zeit ist unerbittlich: Jeder Mensch wird älter und gebrechlicher - so beschreibt es schon Prediger 12, 1–6 (7). Foto: Pixabay
Der Lauf der Zeit ist unerbittlich: Jeder Mensch wird älter und gebrechlicher - so beschreibt es schon Prediger 12, 1–6 (7). Foto: Pixabay

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